Gruppe
Sandra Bub

Sonntag, 6. September 2015… ein ganz normaler Arbeitstag im Krankenhaus Tulln, der letzte vor dem lang ersehnten Urlaub… das Rote Kreuz meldet sich - an und für sich nichts ungewöhnliches - doch dieser Anruf sollte alles verändern…

Wir bekamen die Info, dass 250 Flüchtlinge am Weg nach Tulln sind und viele erstversorgt werden müssen…

Mein Dienst ging vorrüber und ich war froh, endlich zu Hause zu sein… Montag war einiges zu erledigen und nachdem die Meldung kam, dass die Flüchtlinge am nächsten Tag weiterreisen, dachte ich, alles sei „beim Alten“…

Mittwoch spät abends erreichte mich über Facebook die Nachricht, dass wieder Flüchtlinge in Tulln gestrandet sind und dass unbedingt Bekleidung benötigt wird... ich packte all die Sachen zusammen, die ich für den Flohmarkt gesammelt hatte und fuhr auf die Bezirksstelle, um die Sachen abzugeben…
Ich fragte, ob noch etwas benötigt wird und meine lieben Rot-Kreuz-Freunde fragten, ob ich am nächsten Tag Zeit hätte, um zu helfen… für mich war das selbstverständlich…

Ich wusste nicht was mich erwartet… der nächste Morgen, 7 Uhr früh, ich fuhr zum Messegelände:
was ich dort sah, berührte mein Herz zutiefst. All diese müden, traurigen Gesichter, Menschen, die nicht mehr gehen konnten, die krank und erschöpft waren… Kinder, die weinten…

Frühstück wurde sehnsüchtigst erwartet; ich bereitete Tee vor, Milch für die Babys wurde erwärmt, Semmeln wurden aufgeschnitten, Butter, Marmelade, Putenwurst und Obst wurden hergerichtet; die Menschen standen Schlange… Jeder bedanke sich, ein paar konnten sogar schon wieder lächeln… ein kleinen Bub, nicht älter als fünf Jahre aß 4 Semmeln auf einmal; da erst wurde mir klar, was diese armen Menschen die letzten Tage oder sogar Wochen durchmachen mussten; viel zuwenig bei sich, fast keine Bekleidung und Essen; die meisten kamen in kurzen Hosen und mit Flip Flops, die Kinder hatten fast gar nichts an…
Durch den großartigen Einsatz der Tullner Bevölkerung, des Roten Kreuzes, Tulln hilft und diversen Firmen wurden in schnellstmöglicher Zeit Bekleidungs- und Essenspakete bereit gestellt…

Das Mittagessen lief genauso komplikationslos ab, wie zuvor das Frühstück… anschließend half ich noch wegräumen und sortierte Gewand; am späten Nachmittag fuhr ich Kinder sitten; allerdings fand mein Kopf keine Ruhe; für mich war klar, dass ich am nächsten Tag wieder helfen MUSSTE!

 

Freitag, 11.09.2015

Die Flüchtlinge vom Vortag waren weg; ein neuer Schub wurde erwartet; Frühstück wurde wieder hergerichtet; 450 Personen kamen an; Essen und Gewand wurde verteilt; ich war wieder bis spät Abends im Einsatz…

 

Samstag nahm ich mir frei, mein Körper wollte nicht mehr…

 

Sonntag nachmittag kam die Nachricht, dass über 900 Flüchtlinge erwartet werden… auf ein Neues:
Es funktionierte alles so komplikationslos; wenn etwas gebraucht wurde, war es da! Die Abläufe, Organisation, die medizinische und essenstechnische Versorgung war so großartig!!!

Wieder alles wegräumen, neue Betten aufstellen… diesmal weit mehr als zuvor; das Rote Kreuz organisierte alles, was für die Neuankömmlinge wichtig war…

19 Busse mit 50 oder mehr Personen trudelten ein… ich stand diesmal draussen bei der Registrierung; die erste Bustür öffnete sich: wieder dieselben traurigen, verzweifelten Gesichter; viele hatten geschwollene Füsse, die Fusssohlen waren von Blasen übersäht, diverse Verletzungen, von den seelischen Schmerzen ganz zu schweigen;
Alle stellten sich brav an, um ein Registrierungsband zu bekommen; viele mussten gleich von den Sanitätern oder den Notärzten versorgt werden; Essen wurde verteilt, Betten wurden bezogen…  ich blieb bis weit über Mitternacht…

 

Montag, 14.09.2015
Der Montag verlief reibungslos; wir waren ein eingespieltes Team!!! Ich war den Tag über an verschiedenen Stationen: zuerst beim Frühstück, dann bei der Bekleidung, dann bei der Hygienestation, am Abend beim Abendessen…

Kindergruppen hatten sich gebildet, es wurde gespielt und gelacht… Manche „bekannten“ Gesichter vom Vortag kamen und sagen Danke; sie haben die Nacht gut geschlafen… in Sicherheit, ohne Angst, die Mägen gefüllt!

Am Dienstag dann die Nachricht: das Messegelände muss geräumt werden, wann wussten wir nicht, nur, dass bis Mittwoch früh das Gelände leer sein muss…

Wir verbrachten den Tag wieder „ganz“ normal; Hungrige Mägen wurden gestopft, Bekleidung wurde verteilt; Gespräche wurden geführt;

Ich sprach mit einer ca. 60 jährigen Frau, die ihre 4 jährige Enkelin oder Urenkelin (das hab ich nicht so ganz herausgefunden) geschnappt hat, als Schüsse in ihrem Dorf fielen; sie war total verzweifelt und nur am weinen; die Eltern des Mädchens haben den Anschlag nicht überlebt – die Kleine weiss es noch nicht; diese arme Frau hat jetzt die Verantwortung für dieses kleine Mädchen… sie weiss nicht wohin und wie es weiter gehen soll…

Eine weitere Geschichte: ich traf einen 15 jährigen Burschen; allein… ohne Familie, Verwandte oder Freunde… er hat sich alleine auf den Weg in eine bessere Zukunft gemacht; er möchte so schnell wie möglich Arbeit finden, um seine Familie nachzuholen… sein letzter Satz: „allerdings weiss ich nicht, ob meine Familie bis dahin noch lebt“…
mit 15 Jahren hatte ich anderes im Sinn… ich hatte eine unbeschwerte Kindheit…

Bei unseren Flüchtlingen waren auch viele Schwangere dabei, Strapazen für Mutter und Kind; ein 25 Tage altes Baby, geborgen in eine Welt voll Hass und Krieg; auch ein 4 Tage altes Baby war dabei, geborgen irgendwo am Straßenrand;

Schicksale, die man sich nicht vorstellen kann…

Die Verabschiedung am Dienstag Abend war herzzerreissend!! Das letzte Mal bei der Essensverteilung – draussen, bevor die Leute in den Bus steigen…
Ein bisschen Proviant für die nächsten Stunden… in eine ungewisse Zukunft…
Nochmal in alle Gesichter schauen und sich verabschieden, trotz den Tränen in den Augen, habe ich gesehen, dass diese Menschen voller Hoffnung sind!!!

Viele bedankten sich öfters, kamen, nahmen meine Hand und küssten sie; Sie haben mich gesegnet und mich gedrückt… Eindrücke, die ich nicht beschreiben kann…

Wir konnten nur einen kleinen Beitrag leisten, doch für diese Menschen war es ein Großer!


Ein riesengroßer Dank gebührt dem Roten Kreuz Tulln, den Rot Kreuz Mitarbeitern von anderen Dienststellen, Tulln hilft, der Feldküche Neulengbach, den Firmen, die gespendet haben und den freiwilligen Helfern!!!!!!!! Ohne euch wäre das nicht zu bewältigen gewesen…

Ich bin so froh, dass es noch Menschen, wie uns gibt; ohne Hass und Vorurteile! Egal welche Herkunft -  wir sind alle Menschen… Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, wir alle haben es verdient ohne Angst und Verzweiflung zu leben, dafür mit viel Liebe und Geborgenheit versorgt zu werden…

 

Ich bereue keine Sekunde… es war eine Erfahrung fürs Leben! Auch wenn ich nur einen kleinen Teil dazu beigetragen habe… Das Lächeln eines Kindes entschädigt ein bisschen für die Traurigkeit, die ich in mir habe…
Die Menschen werden immer in meinem Herzen bleiben, ich wünsche ihnen für ihre Zukunft nur das Allerbeste, viel Liebe, Geborgenheit und endlich Sicherheit!!!

Gemeinsam sind wir stark – und gemeinsam können wir die Welt ein bisschen besser machen!!

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