Simona's Eindrücke vom Tullner Transitquartier

DANKE

Zum wiederholten Mal setze ich mich also an meinen Laptop und versuche zu schreiben! Und obwohl mir das Schreiben normalerweise gerne und leicht von der Hand geht habe ich doch das Gefühl, das keine Zeile auf dem Papier je der Realität gerecht werden kann!

Den ersten Kontakt mit Menschen, die vor dem für uns Unvorstellbaren geflohen und nun in Tulln untergekommen sind durfte ich bereits einige Wochen vor der Errichtung des Notquartiers am Messegelände schließen! Waren es anfangs noch 20 Gesichter, die im 1. Stock der Bezirksstelle des Roten Kreuz in Tulln wohnen, und zu denen ich mir verzweifelt versucht habe die Namen zu merken, sind es jetzt Freunde, ja fast ein bisschen Familie, die ihre unglaubliche Geschichte mit mir teilen und mich Ohnmacht, aber auch riesengroßes Glück fühlen lassen!

Genau diesen Menschen möchte ich an dieser Stelle eine Stimme verleihen! Bis zur Erschöpfung haben sie während der Notquartier-Tage am Messegelände übersetzt, Essen verteilt, Kleidung sortiert, mit den Kindern gespielt und vor allem eines am aller meisten getan: ein Gefühl der Vertrautheit und Trost gespendet! Sie haben es geschafft, Ruhe zu vermitteln, als die Schließung der Grenze nach Deutschland bekannt wurde, und sie haben es geschafft, so vielen Menschen eine Stimme zu verleihen, die wir verstehen. Vor allem haben sie gezeigt, wie sehr sie sich nach so kurzer Zeit mit Tulln verbunden fühlen – und dass wir uns auf sie verlassen können!

Wenn man mich nach den 3 Erlebnissen dieser Tage fragt, die mich am meisten berührt haben, muss ich an folgendes denken: Samer, einer jener Tullner Flüchtlinge, die Tag und Nacht übersetzt haben, der irgendwann mitten in der Nacht völlig erschöpft am Boden zwischen unzähligen Kisten mit Sachspenden einschlief; das kleine Kind, das völlig abgemagert mit dem viel zu großen Kopf auf dem knochigen Körper im Sanitätsbereich auf dem Schoß seiner verzweifelten Mutter gesessen ist; und die Tränen, die wir Helfer vergossen haben, als sich die Menschen zum gefühlt tausendsten Mal bedankt und uns aus den abfahrenden Bussen Herzen zugeschickt haben!

Es ist nicht nur unfassbares Leid, dessen stiller Zeuge ich die letzten Wochen wurde, sondern auch Hoffnung. Hoffnung für die  Menschen, die den Wahnsinn zumindest körperlich hinter sich lassen konnten, aber auch Hoffnung an unsere zukünftige Gesellschaft, in der Werte wie bedingungsloser Zusammenhalt und Liebe ohne Grenzen über allem stehen! Was wir in den letzten Wochen und meist binnen allerkürzester Zeit auf die Beine gestellt haben, gibt mir Hoffnung!

Es ist so ruhig geworden, und die Achterbahn der Gefühle ist irgendwo auf der Strecke zum Stillstand gekommen. Obwohl wir müde und erschöpft sind, sind wir traurig, die Menschen weiterziehen zu sehen! Ich frage mich, ob Mohammed ­– das Baby mit den dicksten Bäckchen und den so ernsten braunen Augen, wohl mittlerweile in seinem neuen zu Hause angekommen ist, und ich wünsche mir nichts mehr, als dass er sich später einmal nicht an die Todesangst seiner Mutter auf dem Seeweg von der Türkei nach Griechenland mit 70 Menschen in einem sinkenden Schlauchboot erinnern kann. Ich frage mich, ob Senat, der 5 Wochen mit einem unbehandelten gebrochenen Bein zu Fuß auf der Flucht war, jetzt keine Schmerzen mehr hat! Und ich frage mich, ob Nour, die im Tullner Krankenhaus erfahren hat, dass sie seit kurz vor ihrem Fluchtbeginn schwanger ist, mittlerweile erste Ultraschallbilder ihres Babys hat. Ich wünsche mir all das so sehr, denn sie alle haben es so verdient! Und ich wünsche mir, dass so viele andere Österreicher die Möglichkeit haben zu lernen, diese Menschen zu verstehen, denn ich für meinen Teil, bin nicht mehr die selbe!

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