Die Forderungen im Überblick

Auch im Bereich der Migration sehen wir nicht nur die Defizite, sondern vor allem die Chancen. Zwei Sprachen sind doppelt so viel wie eine, Mehrsprachigkeit ist ein soziales Asset, aber auch auf dem Arbeitsmarkt ein Vorteil. Mehrsprachigkeit ist zu fördern, und zwar von Anfang an. Der Erwerb der deutschen Sprache fällt auch viel leichter, wenn er auf einer muttersprachlichen Basis stattfinden kann. Das „Auslöschen“ der Muttersprache zugunsten eines „Neuanfangs“ auf Deutsch ist ein unhaltbares Konzept, das die Kompetenzen und Ressourcen von Kindern limitiert.

 

Frühe Sprachförderung bedeutet aus der Sicht des Roten Kreuzes die Förderung aller am Spracherwerb beteiligten Sprachen. Dafür ist die Beibehaltung mindestens eines verpflichtenden Kindergartenjahres notwendig. Nicht nur eine „Aufschulung“ der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen sollte damit einhergehen, der Umgang mit Migrations- und – ganz allgemein – Diversitätsthemen soll Bestandteil jeder pädagogischen Ausbildung im Land sein.

 

Die meisten Migrationsprobleme sind nicht kulturell oder ethnisch bedingt, sondern durch die soziale Schichtzugehörigkeit. Die österreichische Aufnahmegesellschaft muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie nicht rechtzeitig verhindert hat, dass Kinder aus zugewanderten Familien in denselben Kreislauf aus geringer Bildung und Arbeitslosigkeit geraten wie ihre Eltern. Wie der Nachwuchs der Zuwanderer ins früh selektierende und sprachhomogene österreichische Schul- und Ausbildungssystem integriert werden kann, wird zwar seit Jahren diskutiert. Den dafür notwendigen flächendeckenden und konsistenten Maßnahmen-Mix gibt es bis heute nicht.

 

Wer sich in Österreich aufhält, soll hier auch arbeiten dürfen – und im besten Fall seinen Migrationshintergrund als Ressource einsetzen. Wo sich aus der Migration besondere Bedürfnisse ergeben, etwa in der Gesundheitsversorgung, kann diesen mit niederschwelligen Angeboten begegnet werden, oder auch, indem Personen mit Migrationshintergrund verstärkt im Gesundheits- und Pflegebereich tätig werden.

 

Insgesamt gilt es, das Integrationsthema zu versachlichen, um ein integrationsfreundliches gesellschaftliches Klima zu schaffen. Dafür wird es nicht nur konkrete Maßnahmen brauchen, sondern auch eine weniger einseitige Berichterstattung in den Medien. Auch die Regierung ist gefordert, das Problem zu thematisieren und in der Öffentlichkeit als das darzustellen, was es ist: eine Chance für die österreichische Gesellschaft und für die hier lebenden eingesessenen wie zugewanderten Menschen gleichermaßen.

socialshareprivacy info icon