„Integration ist besser als ihr Ruf“

In seinem Buch "Wozu Ausländer? Eine Chance für unsere Gesellschaft" räumt Rotkreuz-Sozialexperte Robert Dempfer mit zahlreichen Vorurteilen auf.

cover wozu auslaender

Sie behaupten, die Integration von Zuwanderern sei besser als ihr Ruf.

 

Robert Dempfer: Viele Leute – auch ich – kennen Zuwanderer, deren Integration keine Erfolgsgeschichte ist. Das Buch baut aber nicht auf Einzelfällen, sondern auf empirischen Befunden auf. Mit ihrer Hilfe kommt man zu einem allgemeinen Bild. Und das zeigt: Integration funktioniert weit besser als es gemeinhin in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

 

Also gibt es keine Integrationsdefizite?

Doch, natürlich! Aber es bringt es nichts, auf ihnen herumzureiten oder auf ihrer Grundlage einen Feind zu konstruieren. Um das einmal ganz klar zu sagen: Die Fähigkeiten aller Leute in diesem Land werden gebraucht, wenn wir weiterhin in einem komfortablen Sozialstaat leben wollen. Also gilt es, brach liegende Potentiale zu heben. Ein Transparent bei den Studenten-Demos vor ein paar Jahren hat das auf den Punkt gebracht: „Ein Land, das nichts im Boden hat, muss etwas in der Birne haben“.

Wir haben kein „Ausländer-Problem“, sondern ein Bildungsproblem?

Genau. Wir haben ein soziales Problem. Zu viele Kinder – auch eingesessene – wachsen in bildungsfernen Familien auf. Das Bildungssystem ist offenbar nicht  in der Lage, ihre Bildungsdefizite auszugleichen. Deshalb wird der Bildungsstand der Eltern an die Kinder weitervererbt. Davon leitet sich dann später alles andere ab: Ob man Arbeit hat, wie gesund man ist, wie alt man wird, die Kriminalitätsanfälligkeit, ob man in der Lage ist, zum Sozialsystem beizutragen und nicht nur daraus zu entnehmen …

 

Sie reduzieren Zuwanderer auf Nettozahler in die Sozialsysteme?

 

Nein, da stecken natürlich zuerst persönliche Schicksale dahinter. Einen 70-Jährigen ehemaligen Gastarbeiter soll man auch in Ruhe lassen. Aber wie bringen wir seine Kinder und Enkel aus dem unseligen Kreislauf aus niedriger Bildung und Arbeitslosigkeit heraus? Da geht es nicht nur um Nettozahler, sondern auch um persönliche Lebenschancen.

robert dempfer portrait interview

 

 


Wir haben kein Ausländerproblem.
Sondern ein soziales und ein Bildungsproblem.
Und das ist lösbar.

Die Probleme, die Sie im Buch ansprechen, findet man vor allem unter türkischstämmigen Migranten.

 

Unter einigen türkischstämmigen Migranten. Wir tendieren in dieser Debatte ständig zur Verallgemeinerung. Andererseits haben wir die Probleme jahrelang nicht klar beim Namen genannt, weil das politisch nicht korrekt war. Auch damit räumt dieses Buch auf. Mit Schönreden werden wir nicht weiterkommen.

 

Seit 2011 gibt es ein Staatssekretariat für Integration. Wie beurteilen sie dessen Arbeit?

 

Zunächst ist schon die Tatsache, dass es dieses Staatssekretariat gibt, ein großer Schritt in die richtige Richtung. Seine Einrichtung war übrigens auch eine langjährige Forderung des Roten Kreuzes. Dass es beim BMI angesiedelt ist, könnte man noch ändern. Zuwanderung und Integration haben auch mit Sicherheit zu tun, aber bei weitem nicht nur.

 

Und die Arbeit des Staatssekretärs? Zu seiner Bestellung setzte es Spott und Hohn.

 

Das war wohl verfrüht. Von mir bekommt er bis jetzt Applaus. Vielleicht hätte ich nicht den Slogan „Integration durch Leistung“ gewählt. Staatssekretär Kurz hat die nicht gerade einfache Aufgabe, einen bunten Strauß von Integrationsmaßnahmen durch eine bundesweit konsistente und kohärente Zuwanderungs- und Integrationspolitik zu ersetzen. Das ist ein Kraftakt.


Was stört sie an „Integration durch Leistung“?

 

Der Begriff „Leistung“ wird in erster Linie erwerbswirtschaftlich interpretiert. Aber nicht jeder Beitrag zu einem gedeihlichen gesellschaftlichen Zusammenleben lässt sich in diesem Sinn darstellen. Weder der von Zuwanderern, noch der von Eingesessenen. Aber letzteren ist so ein Slogan halt gut verkäuflich.


Fürchten Sie, dass Ihr Buch politisch vereinnahmt werden könnte?

 

Das weiß ich nicht. Sein Thema gehört jedenfalls in die Mitte der Gesellschaft. Nicht an irgendeinen ihrer Ränder.

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