Im Zeichen der Raute

Rotkreuz-Rettungswagen mit rotem Kristall

Wird das bekannteste Zeichen der Welt durch einen „Roten Diamanten“ in Rautenform ersetzt?

 

Das Weaverly House Hotel in der Londoner Southampton Row hatte schon bessere Zeiten gesehen. In abgewetzten Fauteuils in der Hotelhalle saßen an diesem trüben Montagmorgen nur zwei Gäste. Ein junger Mann im dunklen Anzug, den nicht nur sein Reisepass, sondern auch sein Akzent als Österreicher verriet. Ihm gegenüber ein Mittfünfziger, der gepflegtes Oxford-Englisch sprach und mit traurigen Augen in seinem Tee rührte.

Die Visitkarten auf dem Couchtisch wiesen den jungen Mann als Delegierten der internationalen Rotkreuz-Zentrale in Genf und den Engländer als Chefdesigner eines renommierten Londoner Grafikstudios aus. Was die beiden zu besprechen hatten, war durchaus Sprengstoff.

 

"Sie möchten … was?" Dem Grafiker stockte der Atem. "Wir möchten", wiederholte der Rotkreuz-Delegierte geduldig, "daß Sie sich Gedanken über ein graphisches Symbol machen. Es muss völlig frei sein von politischen, religiösen und sonstigen weltanschaulichen Konnotationen. Es darf weder von einem Staat noch von einer Institution oder einem Unternehmen als Logo oder Marke verwendet werden. So dass wir es anstelle des Rotkreuz-Zeichens verwenden können."

 

Ein Zeichen, dem die Welt vertraut

 

Der Rotkreuz-Mann hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zeichenmachers. Er sollte helfen, das bekannteste Emblem der Welt, seit über 140 Jahren aufgeladen mit positiver Bedeutung, ein anerkanntes Zeichen der Hilfe, dem die Menschheit vertraut, durch ein unbekanntes und bedeutungsleeres Logo zu ersetzen.

"Nun, wir wollen es nicht überall ersetzen", holte der Delegierte aus …

Fast 190 Länder der Welt sind mit der Verwendung von rotem Kreuz oder rotem Halbmond zufrieden. Doch ein paar Staaten haben Schwierigkeiten damit. Für sie sollte ein neues, zusätzliches Zeichen geschaffen werden. Denn einige möchten jetzt das Kreuz und den Halbmond gleichzeitig verwenden. Und im US-amerikanischen Wahlkampf des Jahres 2000 tauchten einflussreiche Unterstützer des israelischen Roten Davidsterns (Magen David Adom) auf. Für einige Wochen war viel Unerbauliches über das antisemitische Rote Kreuz zu lesen, das dem Roten Davidstern seit Jahrzehnten die Aufnahme in die internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung und die Anerkennung seines Zeichens verweigerte.

Aber das Rote Kreuz kann das gar nicht. Denn sein Emblem wurde ihm selbst nur von der Staatengemeinschaft zuerkannt. Wie es dazu kam, ist eine äußerst blutige Vorgeschichte. .

 

Dem Diktator wird schlecht

 

141 Jahre vor dem Treffen in London wurde der Schweizer Geschäftsmann Henri Dunant zufällig Zeuge eines Gemetzels zwischen österreichischen, italienischen und französischen Soldaten nahe dem italienischen Dörfchen Solferino. Tausende Tote und zehntausende Verwundete blieben ohne ärztliche Hilfe liegen. Selbst Napoleon III. übergab sich am Rand des Schlachtfelds, als er sah, was er angerichtet hatte.

Dunant organisierte Hilfe für die Verwundeten und schrieb ein Buch über das Erlebte. Darin unterbreitete er den europäischen Herrscherhäusern einen bescheiden Vorschlag: Nicht um die Abschaffung des Krieges ging es ihm, sondern bloß um seine Zivilisierung. Alle Verwundeten, gleichgültig welcher Seite, sollten Anspruch auf die gleiche ärztliche Versorgung haben. Zu diesem Zweck schlug Dunant die Gründung freiwilliger Sanitätsdienste schon in Friedenszeiten vor. Deren ungestörte Arbeit sollte durch eine internationale Konvention, unterzeichnet von Staats- und Regierungschefs, sichergestellt werden.

 

Das Projekt wurde ein voller Erfolg.

 

Das nächste Problem war praktischer Natur: Woher sollten alle Soldaten wissen, daß es sich bei einem Karrenzug um den Transport Verwundeter und nicht um einen Munitionstransport handelte? Österreichs Armee verwendete zur Kennzeichnung ihres eigenen bescheidenen Sanitätsdienstes eine weiße Flagge, Frankreich eine rote, Spanien eine gelbe, andere Armeen eine schwarze. Manchmal war sogar die Kennzeichnung innerhalb von Armeeteilen unterschiedlich. Aus der Entfernung waren Verwundetenstansporte nicht zu erkennen und gerieten prompt unter Feuer.

Die Lösung lag auf der Hand: Ein einziges, unverwechselbares Emblem, auf der ganzen Welt respektiert, mußte das Zeichen für die neutrale, unparteiliche Hilfe für alle Kriegsopfer sein – "tutti fratelli" – "Wir alle sind Brüder!", hatte Dunant geschrieben. Als Reverenz an die Schweiz einigte sich eine internationale Konferenz am 28. Oktober 1863 schließlich auf ein rotes Kreuz auf weißem Grund: Die umgekehrte Landesflagge der Heimat Dunants.

 

Der Halbmond geht auf

 

Doch die Freude über die erreichte Einigkeit währte nur kurz. Zwar hatte auch das Ottomanische Reich die Konvention zur Hilfe für die Verwundeten unterzeichnet. Aber schon am Beginn des Russisch-Türkischen Krieges 1876 erklärte der Sublime Porte, dass die türkischen Feldambulanzen mit einem roten Halbmond gekennzeichnet würden. Die muslimische Soldaten nahmen Anstoß am Kreuz, in ihrer Wahrnehmung ein christliches Symbol. Auf das vom russischen Feind verwendete rote Kreuz würden sie aber trotzdem nicht schießen. Daraufhin nahm sich auch das Perserreich die Freiheit, anstelle eines roten Kreuzes den roten Löwe und die rote Sonne zu verwenden.

Eine weitere diplomatische Konferenz erkannte 1929 für jene Länder, die sie nun schon einmal verwendeten, den Halbmond und den Löwen an, alle anderen blieben beim roten Kreuz. Die Diplomaten schoben auch der weiteren Zeichenverwirrung einen Riegel vor: Von nun an würden keine weiteren Zeichen mehr zugelassen.

 

Die Spielregeln des Krieges

 

Zwanzig Jahre später schlug die Stunde der modernen Kriegsregeln. Was in einer bewaffneten Auseinandersetzung erlaubt war und was nicht, wurde von den Staaten der Welt in vier Genfer Konventionen festgehalten. Darin beauftragte die Staatengemeinschaft außerdem das Rote Kreuz mit der Überwachung der Einhaltung dieser Regeln und mit der Hilfe für die Kriegsopfer. Den einzigen Schutz der Helfer bei ihrer Arbeit und für die Kriegsopfer bildete das Zeichen des Roten Kreuzes. Die Verwendung von Halbmond sowie rotem Löwen und roter Sonne wurde ebenfalls zugelassen (letzteren ließ die islamische Republik Iran 1980 in einer diplomatischen Note fallen und verwendet seither ebenfalls den Roten Halbmond).

Die Staatenvertreter hatten sich zuvor mit noch einem Antrag auseinanderzusetzen: Israel hätte es gern gesehen, wenn auch sein Roter Davidstern als Schutz- und Kennzeichen anerkannt worden wäre. Die Diplomaten verfuhren mit dem Antrag des jungen Staates so, wie sie es öfter zu tun pflegen: Sie schoben ihn auf die lange Bank.

 

Die Armee rückt aus

 

Die Ergebnisse der Mission des österreichischen Rotkreuz-Delegierten wurden seit dem Treffen in London von Völkerrechtlern und Rotkreuz-Juristen hin- und hergewendet. Drei Grafikstudios hatten dutzende Entwürfe und Variationen für ein zusätzliches Zeichen geliefert, das all jenen nationalen Hilfsgesellschaften angeboten werden sollte, die sich mit der Verwendung von Kreuz und Halbmond nicht anfreunden können. Für alle Länder, die mit diesen beiden Zeichen zufrieden waren, würde sich nichts ändern. Eine auf einer ihrer vier Ecken stehende rote Raute machte schließlich das Rennen: der "rote Diamant". Jetzt rückte das Schweizer Militär aus: Pinselte den "roten Diamanten" auf seine Fahr- und Flugzeuge. Prüfte, ob er genauso gut erkennbar war wie das Rote Kreuz – zu Lande, zu Wasser und aus der Luft. Das Ergebnis war zufriedenstellend.

 

Ein Stern sinkt

 

Doch inzwischen war nicht nur die amerikanische Wahl geschlagen und die Angelegenheit damit wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Vor allem hatte im Nahen Osten die „zweite Intifada“ begonnen. Keine gute Zeit für eine internationale Konferenz der Veragsstaaten der Genfer Konventionen, um ausgerechnet über jene Symbole zu diskutieren, die alles Trennende enthielten, worum es in diesem Konflikt ging. Das Rote Kreuz, das die Politik meidet wie der Teufel das Weihwasser, stand plötzlich bis zum Hals darin.

Vor allem aber hatte es seinen Teil zur Lösung schon beigetragen und stand bereit: Hatte das zusätzliche Zeichen gefunden; hatte Zustimmung dazu von den 191 Nationalen Gesellschaften eingeholt. Wartete jetzt auf die Einberufung einer Staatenkonferenz. Die Diplomaten sollten ein "3. Zusatzprotokoll zu den Genfer Konventionen" beschließen, in dem die künftigen Zeichen, Kreuz, Halbmond und "Diamant", festgeschrieben würden. Die Vertragspartner dürften in Zukunft außerdem keine weiteren Zeichen mehr vorschlagen. Keinen "Roten Buddha" für Thailand, keine „Rote Sonne“ für Japan, kein „Rotes Hakenkreuz“ für Indien – ein Symbol für Gutes und Glück, dessen Ursprung in Ägypten und Mesopotamien liegt. Und auch keinen "Roten Davidstern". Israel war einverstanden.

 

Zwei Besuchstermine

 

Das Rote Kreuz bevorzugt die stille Diplomatie. Sie wirkt ja auch meistens besser. Deshalb war am Genfer Hauptsitz niemand recht erfreut über Schlagzeile "Le sort du nouvel emblème humanitaire est entre les mains de la diplomatie suisse" der Genfer Tageszeitung "Le Temps" vom 17. Februar 2005. Wie das Schicksal das "neue humanitäre Zeichen" wieder „in die Hände der Schweizer Diplomatie“ gespielt hatte, erklärten zwei Pressemeldungen aus der Vorwoche: Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Jakob Kellenberger, hatte das Thema bei seinem jüngsten Besuch bei US-Präsident Bush die tagesordnung gebracht. Und die schweizerische Außenministerin Micheline Calmey-Rey bei ihren Besuchen im Nahem Osten. Beide erhielten Signale, dass eine von der Schweiz organisierte Konferenz in den nächsten Monaten eine gute Idee wäre. Die Angelegenheit mit dem neuen Zeichen könnte schon im Herbst 2005 unter Dach und Fach sein.

"Ohnehin ein reiner Formalakt", schäumt ein Rotkreuz-Mitarbeiter über die Verspätung. Denn Rotes Kreuz, Roter Halbmond und Roter Davidstern (künftig vielleicht: „Roter Diamant“) arbeiten vor Ort ohnehin wie selbstverständlich zusammen. In der Hoffnung aller Zeichenträger, dass der SPIEGEL mit seinem bissigen Kommentar unrecht behält: Die Neueinführung würde die Kämpfer dieser Welt wohl überfordern, mutmaßt das deutsche Nachrichtenmagazin: "Gut möglich nämlich, daß sich der einfache Soldat im Eifer des Gefechts schlicht denkt: Ihr könnt mich mal rautenweise. Alles, was nicht mein Oliv trägt, wird erschossen."

 

[Der Artikel erschien im Rotkreuz-Magazin Henri, Ausgabe 2|2005]

 

 

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