SUCHDIENST

2.177 Suchfälle des Suchdienstes
1.807 Familienzusammenführungen

Unsichtbare Wunden digital heilen

Claire Schocher-Döring leitet den Suchdienst des Österreichischen Roten Kreuzes.
©ÖRK/Kellner Holly Thomas

Die neuen digitalen Kommunikationskanäle werden immer stärker auch vom Suchdienst des Österreichischen Roten Kreuzes genutzt. Claire Schocher-Döring über den Einsatz von Such- und Data-Sharing-Plattformen sowie WhatsApp-Broadcasting.

Claire Schocher-Döring nimmt den Suchdienst-Band "Wer bin ich?", ein schweres grünes Buch, aus dem Regal und schlägt eine leicht vergilbte Seite auf. Darauf ist ein Schwarz-Weiß- Foto eines jungen Mannes zu sehen, der sich gemeldet hat, weil er nach seiner Familie und seiner Herkunft sucht. Unter seinem Bild die Informationen aus der Nachkriegszeit. Name: unbekannt. Angenommenes Geburtsjahr: 1943. Wurde im März 1945 in einem Graben an der Kaserne in N. gefunden. War mit einer blau-rot-grau gestreiften Strickjacke und Strickmütze bekleidet. Augen: blau. Muttermal auf der linken Schulter. Dunkelblonde Haare. Sprach die Worte: "Omami, Mami, Klein-Ulli".

Digitale Hilfe


Claire leitet den Suchdienst des Österreichischen Roten Kreuzes. Auf ihrem Bildschirm ist die Website "Tracetheface.org" geöffnet. Darauf ein Foto des 17-jährigen Haidari, der seine Brüder sucht, mit denen er zwei Jahre zuvor aus seiner Heimat Pakistan geflohen ist. "Haidari hat mithilfe der Suchplattform mittlerweile den Kontakt zu seinen Brüdern herstellen können", sagt Claire. Die Brüder wurden auf der Flucht an der türkisch-iranischen Grenze getrennt. Drei landeten - weitab der erwartbaren Fluchtroute - in Indien. Haidari schaffte es bis nach Österreich, wo ihn die Ungewissheit zwei Jahre lang quälte, bevor ihm Rotkreuz-Mitarbeiter bei der Suche nach seinen Brüdern halfen und Erfolg hatten.

Tausende Schicksale

"Die technischen Möglichkeiten haben sich geändert, aber die Not nicht. Denn ein ungeklärtes Schicksal ist wie eine unsichtbare Wunde und eine Bürde für die, die nach wie vor keine Antworten haben", so Claire. Die grünen Buchbände, die Karteikarten und Reihen von Ordnern enthalten ebenso wie die Einträge auf der Suchplattform Tracetheface.org Tausende Schicksale - viele davon immer noch ungeklärt. "Kein Fall bleibt unbeantwortet, auch wenn die Antwort Jahre auf sich warten lässt. Selbst falls es sich um eine negative Information wie die Ausforschung eines Grabes handelt, geben wir damit Gewissheit und die Möglichkeit, sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen", erzählt Claire von der Arbeit des weltweiten Suchdienst-Netzwerkes der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften.

Schnellere Ergebnisse

"Durch die Nutzung der neuen Technologien hat sich jedenfalls das Tempo geändert. Während wir früher Monate oder Jahre auf eine erfolgreiche Kontaktherstellung gewartet haben, können wir uns jetzt oft monatlich über Zusammenführungen freuen. Manchmal mit dem überraschenden Ergebnis, dass das auf der Flucht verlorene Familienmitglied eine völlig unerwartete Route eingeschlagen hat oder nach den Wirren der Flucht und langem Warten in einem Transitlager in die Heimat zurückgekehrt ist."

Tracetheface.org

Die Suchplattform Tracetheface.org ist dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor. In sechs Sprachen aufbereitet, werden hier Daten von 28 nationalen Rotkreuz- bzw. Rothalbmondgesellschaften vernetzt. Die Vorteile gegenüber öffentlichen Social-Media-Plattformen sind der Schutz der Personen und das dahinterstehende Offline-Suchdienst-Netzwerk der Rotkreuz- und Rot­halbmondgesellschaften in 190 Ländern. Tracetheface.org entspricht den EU-Datenschutzvorschriften. Die Fotos werden ohne Bekanntgabe von Name und Aufenthaltsort veröffentlicht - und zwar vom Suchenden. Suche und Kontaktaufnahme werden vom Roten Kreuz unterstützt und bei Bedarf auch psychologisch begleitet. So sind sowohl die Gesuchten als auch ihre Familien so gut wie möglich vor Menschenhändlern oder Erpressern geschützt.

Zukunftspläne

"Künftig wollen wir einerseits unsere erprobten Tools, zum Beispiel nach Naturkatastrophen, noch stärker nutzen, damit man Lebenszeichen geben oder nach Personen suchen kann. Andererseits arbeiten wir - zum Beispiel mit Rotkreuz-Kollegen in Afrika - daran, weitere Data-Sharing-Plattformen aufzubauen, da ja Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht und von ihren Familien getrennt worden sind. Und nicht zuletzt entwickeln wir unser Netzwerk immer weiter. Momentan arbeiten wir zum Beispiel an schnellerer und effizienterer Kommunikation mit den Benefizienten, z. B. mit WhatsApp-Broadcasting", erklärt Claire Schocher-Döring.

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