Ein weltweites Netzwerk

Interviewpartner Jeffrey T. Mitchell

Jeffrey T. Mitchell ist Professor an der Universität von Baltimore. Er war viele Jahre selbst im Rettungsdienst tätig und entwickelte das CISD (Critical Incident Stress Debriefing), das mittlerweile in über 300 Organisationen weltweit eingesetzt wird und gründete das CISM (Critical Incident Stress Management) Netzwerk.

SVE - Stressvearbeitung nach belastenden Einsätzen - funktioniert nach diesem Konzept.

 

  • Warum haben sie CISD/ CISM vor 26 Jahren entwickelt?
    Viele Kollegen gaben nach besonders belastenden Einsätzen den Dienst auf. Ich selber erlebte einen Unfall, bei dem ein frischverheiratetes Brautpaar mit seinem PKW auf einen LKW mit Röhren auffuhr. Die junge Frau am Rücksitz wurde aufgespießt. Die Bilder haben mich verfolgt und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
  • Wie funktioniert SVE?
    Zuhören! Hauptsächlich sind es Einzelgespräche. Das CISM Netzwerk dient zur Vorbeugung. Die Einsatzkräfte sind besser vorbereitet: Sie erkennen Stressreaktionen früher und wissen, wo sie Hilfe bekommen, falls sie sie brauchen.
  • Was ist das Peer System?
    Das Konzept ist sehr einfach. Peers, Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen aber einer speziellen Ausbildung, hören den Einsatzkräften zu. Sie erkennen auch, wo die Grenzen ihrer Möglichkeiten sind. Da setzt die Zusammenarbeit zwischen Peer und psychologischem Fachpersonal ein.
  • Wie arbeitet ein KIT-Team?
    Im Einsatz direkt geht es oft nur um Sekunden, in denen ein Peer unterstützen kann: Dafür sorgen, dass die Einsatzkräfte Pausen machen, bei längeren Einsätzen ausreichend essen und trinken und nicht zu lange traumatischen Eindrücken ausgesetzt sind. Aber auch Opfer und Angehörige von Opfern werden von den geschulten Einsatzkräften betreut. Nach einem Einsatz geht es auch um Information und Nachbetreuung.
  • Wie nehmen die Einsatzkräfte das Angebot an?
    Der Anfang war recht schwierig, weil gerade Einsatzkräfte oft Hilfe für sich selber ablehnen. Aber wir starteten 1989 mit 75 Teams in den USA und Kanada und jetzt sind es 700 in 27 Nationen und 300 Trainer, die diese Methode weltweit verbreiten.
  • Sind Familie und Freunde nicht bessere Zuhörer?
    Natürlich, das ist ein ganz wichtiger Faktor. Aber oft will man ja Freunde und Familie mit Detaileindrücken aus Einsätzen gar nicht belasten.
  • Gibt es einen messbaren Erfolg der Methode?
    Es hat sich in vielen Bereichen gezeigt, dass weniger Stresssymptome, weniger Krankenstände, weniger Frühpensionierungen und Austritte auftreten. Auch die Beziehung zu den Familienmitgliedern ist weniger belastet. Na ja, und man spart natürlich Geld, wenn man überlegt, dass man weniger Geld für Krankenstände, Behandlungen etc ausgibt.
  • Welches sind die gängigsten Kritikpunkte an CISM?
    Es wurde uns vorgeworfen, dass eine erneute Traumatisierung auftreten kann, wenn man den Vorfall noch einmal genau erzählt. Aber ein Peer versteht die Belastung hinter dem Satz "wir mussten ein Kleinkind reanimieren" ohne Detailschilderung. Wir wollen ja gar nicht die Arbeit der Psychologen übernehmen, sondern nur Krisenintervention machen.
  • Und in der Öffentlichkeit?
    Viele Menschen wollen nicht sehen, dass auch die Helfer verwundbare Menschen sind. Sie wollen sie als Retter, als Helden sehen und dulden keine Schwäche. Aber uns geht es ja darum, der Gesellschaft zu helfen, indem wir die Helfer gesund halten.
  • Wie schätzen Sie die Lage in Österreich ein?
    Das Rote Kreuz hat in Österreich eine großartige Vorreiterrolle übernommen, um SVE koordiniert und professionell zu verbreiten. Wichitg ist, dass niemand versucht, das Rad neu zu erfinden, sondern die einfache, strukturierte und erprobte Methode verbreitet wird. Nur so können wir Einsatzkräfte, Opfer und Angehörigen helfen.
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Informationen zum Text

Im Interview verwendete Abkürzungen:

CISD - Critical Incident Stress Debriefing
CISM - Critical Incident Stress Management
KIT - Krisen-Interventions-Team
SVE - Stressverarbeitung nach belastenden Ereignissen

 

 

Von der Arbeitsgruppe SVE - KIT des ÖRK empfohlene Literatur:

Lasogga, F.; Gasch, B.: Psychische Erste Hilfe bei Unfällen. Stumpf & Kossendey, Edewecht 2000, ISBN 3932750349, EUR 13

Fertig, B.; v. Wietersheim, H.: Menschliche Begleitung und Krisenintervention. Stumpf & Kossendey, Edewecht 1997, ISBN 33923124686, EUR 27,90

Stepan, T.: Zwischen Blaulicht, Leib und Seele. Stumpf & Kossendey, Edewecht 1998, ISBN 3923124864, EUR 31,30