Der Freiwillige, das umhegte Wesen
Freiwilligkeit ist ein Rotkreuz-Grundsatz im Wandel. Das Rote Kreuz auf dem Weg von der Selbstverständlichkeit des Ehrenamtes zur Anerkennung der Freiwilligkeit.
Die Menschen werden anständiger“, hält der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem Trendbericht 2007 fest. Das Bedürfnis, neben dem normalen Brotjob Gutes zu tun, orten Personalberater in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten.
Die „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ nannten folgerichtig 54,3 Prozent der Rotkreuz-Freiwilligen in einer Umfrage des Landesverbands Oberösterreich als ihre Motivation. Die meisten Befragten lockt die „Freude an ihrer Tätigkeit“ (knapp 80 Prozent) und ihre „soziale Grundeinstellung“ (58,9 Prozent) in das Ehrenamt.
Bei jungen Menschen steht „Erfahrung sammeln“ in Verbindung mit „Welt verbessern“ ganz oben auf der Motivationsskala.
Der Grazer Stefan Divjak zum Beispiel, im Hauptberuf TU-Student, ist Teil einer
Emergency Response Unit für Trinkwasser. Sein erster Einsatz führte ihn in den Sudan. „Etwas Elementares wie Trinkwasser herzustellen gibt einem das Gefühl, die Welt ein bisschen besser zu machen“, sagt er.
Wichtige Erfahrungen sammeln Berufseinsteiger aus dem BereichPsychologie, wenn sie sich in den Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes engagieren.
Im Gegenzug zu ihrem Einsatz erhalten sie auch eine weit über die heimischen
Grenzen hinaus anerkannte Ausbildung. „Es ist klar zu erkennen, dass die Ausbildung beim Roten Kreuz ein Anreiz ist“, sagt Oberösterreichs
Landesfreiwilligenreferent Rudolf Brettbacher, „auch weil zum Beispiel
die Führungskräfte-Ausbildung über das reine Fachwissen hinausgeht und
dadurch für die Berufskarriere außerhalb des Roten Kreuzes nützlich ist.“
Projektbezogene Arbeit
Ebenso wie die bezahlte Arbeitswelt ändert sich der unentgeltliche Dienst an der Gesellschaft. Das gemeinnützige Engagement gehört zwar immer
noch zum österreichischen Selbstverständnis, aber das Interesse an kurzfristiger projektbezogener Tätigkeit steigt. Lang andauerndes Engagement
in fest zementierten Strukturen passt bei vielen Familien nicht mehr zur Lebensplanung.
Ein Modell, das diesem Bedürfnis entgegenkommt, ist das im Sommer 2007 ins Leben gerufene Projekt „Team Österreich“.
Die Zahl der Ehrenamtlichen steigt zwar immer noch leicht – etwa um 1,5
Prozent pro Jahr – gleichzeitig wächst die Bereitschaft zum Wechsel in andere
Organisationen. Um das Rote Kreuz für Ehrenamtliche weiter attraktiv zu
halten, werden überall im Land Anreize geschaffen.
Im Burgenland zum Beispiel haben die ersten Koordinatoren ihre Arbeit aufgenommen, und in Niederösterreich wird mit Partnern aus der Wirtschaft an einer Führungskräfteausbildung gefeilt.
Anerkennung
In Oberösterreich hat sich das Rote Kreuz schon Ende der 90er-Jahre die
Frage gestellt: Was kann die Organisation für ihre Freiwilligen tun? „Anerkennung ist das Schlüsselwort und bedeutet auch, den Freiwilligen eine
Stimme zu geben. Bei uns sind die Koordinatoren von der Ortsstelle bis in
den Landesverband eine Informations-Drehscheibe und ein essenzielles Bindeglied zwischen den Fachbereichen“, erklärt Rudolf Brettbacher.
„Ebenso wie bei hauptberuflichen Mitarbeitern sind im Bereich der Freiwilligen
professionelle Strukturen und echtes Freiwilligen-Management gefragt“,
sagt Susanne Ebner, die im Generalsekretariat für Personalentwicklung
zuständig ist. „Der erste Eindruck entscheidet: Bereits bei der Kontaktaufnahme
durch einen Interessenten sind kompetente Auskunft, klare Informationen
über mögliche Arbeitsfelder und die Organisation unerlässlich.“
Für bestehende Freiwillige sind Anreize auf sozialer und informeller Ebene
wichtig. Ein gutes Klima auf der Dienststelle, Anerkennung und gegenseitiger Respekt sind oft wertvoller als finanzielle Entlohnung.

