Aus Liebe zum Menschen - die moralische Messlatte

Kerschbaum

Worauf lautet die Antwort: „Aus Liebe zum Menschen“?

 

Kerschbaum: Warum engagieren sich 70.000 Leute für das Rote Kreuz und tun mehr als in ihren Verträgen steht oder opfern ihre Freizeit für andere? „Aus Liebe zum Menschen“ passt zu dem, was wir machen.

 

Aus Liebe zum Menschen begleitet das Rotkreuz-Logo und die Organisation seit 2009. Ist der Slogan eine Idealvorstellung, eine Marketing-Erfindung oder steckt mehr dahinter?

 

Kerschbaum: „Aus Liebe zum Menschen“ ist keine Floskel, sondern eine moralische Messlatte. Wir bewegen uns mit unseren Hilfsleistungen ja auch in einem Spannungsfeld zwischen betriebswirtschaftlicher und humanitärer Betrachtung. „Aus Liebe zum Menschen“, die Empathie für bedürftige Menschen, ist ein Entscheidungskriterium beim Einsatz von Mitteln. Wenn wir Leistungen Revue passieren lassen, prüfen wir unser Handeln daran, ob es mit dem Motto vereinbar war.

 

Gibt es dafür ein Beispiel?

 

Kerschbaum: Zum Beispiel das Hospiz in Salzburg. Wir betreiben es seit 12 Jahren, weil Sterben in Würde zu unseren Überzeugungen zählt. Das ist eine ‚humanitäre Überzeugungstat‘, die sich betriebswirtschaftlich nicht rechnet. Humanitäre Hilfe muss aber finanziell abgesichert sein, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

 

Aus Liebe zum Menschen: Was bedeutet der Satz innerhalb der Organisation, wie hat er sich in den vergangenen vier Jahren auf die Zusammenarbeit von 70.000 Menschen ausgewirkt?

 

Kerschbaum: Ich höre „Aus Liebe zum Menschen“ quer durch die Organisation in Reden, bei Ehrungen oder Veranstaltungen. Das heißt, dieses Leitmotiv wirkt nach innen und außen. Ich habe den Eindruck, wir haben mit diesem Satz den Nerv der Organisation getroffen, und eine Einstellung benannt, die wirklich die Quelle der Motivation aller Rotkreuz-Mitarbeiter ist und mit der sich daher auch alle identifizieren können.

 

„Aus Liebe zum Menschen“ ist Teil des Rotkreuz-Leitbildes, in dem definiert ist, wie wir zusammen arbeiten und miteinander umgehen. Es animiert uns dazu auch in schwierigen Situationen unsere Vorgangsweise zu hinterfragen und einander zu schätzen und zu vertrauen.

 

Wie wirkt der Satz außerhalb der Organisation? Ist es gelungen, die Marke Rotes Kreuz mit Gefühlen, Emotionen aufzuladen?

 

Kerschbaum: Wir haben uns damit für alle sichtbar einem sehr hohen Anspruch verschreiben. Ich habe aber nie die Rückmeldung bekommen, wir hätten uns da übernommen oder übertrieben. Ich glaube, das Rote Kreuz ist weicher geworden, seitdem es seine Leistungen nicht mehr ausschließlich mit technischen Daten wie Zahlen von Krankentransporten usw. vermittelt.


Wir haben uns getraut, unsere Motivation mit „Aus Liebe zum Menschen“ zu benennen, das kann nicht jeder von sich behaupten. Beim Roten Kreuz ist es glaubwürdig und es funktioniert nach innen und außen, weil es authentisch ist.

 

Hat der Satz auch eine Wirkung in der Gesellschaft? Steht er zum Beispiel in Verknüpfung mit dem Roten Kreuz als Gegenpol zu Strömungen wie Ökonomisierung, Egoismus oder Autonomisierung?

 

Kerschbaum: Das Rote Kreuz ist ein Teil der Gesellschaft, unsere Haltung hat eine Resonanzwirkung in die Gesellschaft hinein. Die Sorge um den Nächsten wirkt glaubwürdig, wenn wir uns Gedanken machen um die Sorgekultur, darum wie wir mit den Schwächsten in der Gesellschaft umgehen, dann wird das authentisch wahrgenommen.

 

Haben Sie Ihren Vorsatz, sich täglich Zeit für Lob und Anerkennung zu nehmen, umsetzen können?

 

Kerschbaum: Das halte ich ganz gut ein. Lob erfordert Achtsamkeit für Gegenwärtiges, mit offenen Augen durch die Organisation zu gehen. Denn Lob kommt nur dann gut an, wenn es auch an den Richtigen geht. Für mich bedeutet „Aus Liebe zum Menschen“ in diesem Zusammenhang, sich für die Menschen und ihre Arbeit zu interessieren.

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