Erlebnisse in Heiligenkreuz

Chris Janics

 

Angefangen hat die Flüchtlingsbetreuung im Bezirk Jennersdorf - und damit auch meine Erinnerungen an diese herausfordernde Zeit - mit der Erstaufnahmestelle "Altes Zollhaus" in Heiligenkreuz (direkt auf der Grenze) für Asylsuchende. Im September kam dann die zweite Betreuungsstelle Businesspark in Heiligenkreuz zusätzlich hinzu. Personen, die auf der Flucht waren und Asyl in Österreich beantragen wollten (oder auch einfach in ein anderes Land weiterreisen wollten), wurden für die Dauer von max. 48 Stunden in der Erstaufnahmestelle Altes Zollhaus Heiligenkreuz aufgenommen. Eine Basisversorgung (Verpflegung, Unterkunft, Hygiene) und die medizinische Betreuung waren die Hauptaufgaben für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes in dieser Zeit.

 

Wie es begann...

 

Der Landesverband erteilte den Auftrag zur Errichtung der Betreuungsstelle Zollamt Heiligenkreuz an Markus Pumm (Dienstführer) und Stefan Gindl (Leitung der Katastrophenhilfseinheit für den Bezirk Jennersdorf). Aufgrund der Urlaubszeit wurde ich in ihre Tätigkeit miteingebunden. Mein erster Kontakt war im Juni mit einem ca. 10-jährigen Buben, der alleine von Syrien nach Österreich geflüchtet war. Im Laufe der Betreuung wurden solche emotionalen Begegnungen zur Routine. Aufgrund der guten PR-Arbeit (Social Media, Printmedien, Mundpropaganda etc.) meldeten sich zahlreiche Helfer aus der Bevölkerung. Jeder Helfer erhielt nach dem Erstaufnahmegespräch und einer Einschulung in unsere Tätigkeit (Mithilfe bei der Aufnahme von Asylsuchenden, Kochen, Desinfektion, kontrollierte Kleider- und Hygieneartikelausgabe uvm.) die Zugangsdaten zum Online-Dienstplan. Somit konnte sich jeder eigenständig zum Dienst eintragen, und ein Teil der größten Arbeit (Personalsuche) wurde uns damit abgenommen. Zum regulären Dienstbetrieb über die Sommermonate kam auf uns (Markus, Stefan und mich) noch der zusätzliche Bereitschaftsdienst hinzu. Wobei der Bereitschaftsdienst mit einigen Telefongesprächen anstatt der persönlichen Anwesenheit hin und wieder das Ganze erleichtert hat. Mehrere Einsatzstellen

 

 

Am Samstag, 12. September, gab es eine Besprechung mit der Behörde, Gemeinden und Blaulichtorganisationen über mögliche Unterkünfte und die Betreuung durch das Rote Kreuz im Bezirk Jennersdorf, falls im Raum Güssing und Jennersdorf Flüchtlinge die Grenze überschreiten sollten. Unterkünfte, die vom Roten Kreuz betreut werden konnten (direkt an der Grenze), waren St. Martin an der Raab (für 100 Flüchtlinge) und Deutsch Kaltenbrunn (für 200 Flüchtlinge). Zusätzlich mussten wir das Alte Zollhaus in Heiligenkreuz weiterbetreuen. Logistisch war es eine große Herausforderung, als die zwei Unterkünfte dazu kamen. Während des Hotspots in Heiligenkreuz Mitte September mussten wir 4 Einrichtungen (geographisch bis zu 30 km entfernt) mit einer beträchtlichen Menge an Material, Rettungsdienstpersonal und Helfern betreuen. Am darauf folgenden Tag hatte ich Einsatzleiter-Dienst, und um Mitternacht (Sonntag auf Montag) kontaktierte mich der Einsatzleiter der Polizei mit folgenden Worten: "Wir müssen die Betreuungsstellen aufsperren, es geht los! Flüchtlinge befinden sich auf dem Gelände in Heiligenkreuz Businesspark." Wir hatten eine Vorlaufzeit von ca. 1 Stunde, bis wir die Betreuungsstellen (St. Martin/Raab und Deutsch Kaltenbrunn) besetzen konnten. Nachdem die beiden Hallen halb belegt waren, bekam ich die Rückmeldung von der mobilen Sanitätseinheit am Businesspark Heiligenkreuz, dass es ein Problem gäbe, da sich aktuell ca. 500 Flüchtlinge im Businesspark befanden, und es dürften weit mehr werden. Es wurde vermutet, dass das Flüchtlingslager in Röszke (Grenze Ungarn/Serbien), wo sich mehr als 20.000 Flüchtlinge befanden, aufgelöst wurde, und das ungarische Militär mit Bus und Bahn eine Pendelstrecke nach Österreich direkt zur Grenze Nickelsdorf bzw. Heiligenkreuz Businesspark eingerichtet hat. 

 

 

Hotspot Businesspark

 

Der Businesspark Heiligenkreuz befindet sich direkt an der Grenze, jedoch handelt es sich dabei nicht um einen offiziellen Grenzübergang. Zu diesem Zeitpunkt gab es vor Ort keine Infrastruktur für uns. Stefan Gindl und ich machten uns einen Lageüberblick vor Ort und stellten fest, dass der Pendelverkehr mit den Bussen auf der ungarischen Seite ausgezeichnet funktionierte und sich schon über 1.000 Flüchtlinge vor Ort befanden. Bei einer Besprechung mit den Einsatzorganisationen und Behörden Tage zuvor war ein Zeltlager von der Landespolizeidirektion nicht erwünscht, was unsere Entscheidung für einen Aufbau einer Infrastruktur mit Zelten erschwerte. Fakt war, dass es nicht möglich war, diese Anzahl von Flüchtlingen in so kurzer Zeit weiter zu transportieren, und so bedurfte es einer medizinischen Versorgung und Menschlichkeit vor Ort. Materielle und personelle Unterstützung bekamen wir von unseren Kollegen aus Güssing und im Laufe der Woche von den restlichen Bezirken und anderen Bundesländern wie Steiermark, Kärnten und Tirol. Solidarität bewies wieder einmal die Feuerwehr, die uns tatkräftig mit Strom, Wasser (für Tee, Suppe...), Materialtransport, Knowhow etc. großartig unterstützte. Bis in die Morgenstunden war ein Lager mit 2 Ambulanzzelten, Ausgabestelle für Verpflegung, Materialzelt, Ruhe- und Verpflegungszelt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter uvm. aufgebaut. Wir hatten ursprünglich 500 bis 700 Verpflegungsportionen, aber um 6:00 Uhr Früh standen ca. 4.000 Flüchtlinge auf dem Parkplatz im Businesspark. Somit konnten wir mit der Essensausgabe noch nicht beginnen, denn wir befürchteten, dass es zu einem Verteilungskonflikt kommen könnte. Unter den Flüchtlingen befanden sich unterschiedliche Nationalitäten, und wenn da das Essen ausgeht, hätte sich der Eine oder Andere benachteiligt fühlen können, aber nicht wegen des Hungers, denn auf der ungarischen Seite hatte bereits jeder ein Lunchpaket erhalten. Deshalb wurde auf ausreichende Verpflegung gewartet. Eine Lebensmittelbestellung hatte am Anfang bis zu 30 Minuten gedauert. Es mussten einige Faktoren berücksichtigt werden: z.B. wie viele Flüchtlinge kommen, 500, 5.000, über das Wochenende sind die Geschäfte geschlossen, wie lange werden sie bleiben, wie ist die Menge von Toastbrot pro Einheit?

 

 

Herausforderungen wohin man blickt

 

Die Verpflegungsausgabe lief aus meiner Schicht größtenteils diszipliniert ab, nur einmal mussten wir die Küche sperren, da der Andrang von allen Seiten erfolgte. Dank der Unterstützung durch das Bundesheer konnten wir das Einbahnsystem aber rasch wiederherstellen. Dann begann eine enorme Hilfsbereitschaft von Firmen mit Material- und Geldspenden sowie vor allem Zeitspenden von privaten Personen. Die Personalkoordination war sehr schwierig, da die Behörde nur wenige nützliche Informationen von der ungarischen Seite erhielt (z.B. gab es die Information, dass am Abend 5.000 Flüchtlinge erwartet würden, tatsächlich waren es nur ca. 200 Flüchtlinge - und solche Meldungen wurden zur Routine, wurden unsererseits aber immer sehr ernst genommen). Deshalb war ein Großteil des Personals (Rettungsdienst und freiwillige Helferinnen und Helfer) auf "Bereitschaft", mit einer Vorlaufzeit von 30 Minuten, gesetzt. Ziel war es, mit den Personalressourcen möglichst sparsam und effizient umzugehen. Leider hatten wir in den ersten Tagen nicht genügend Ärztinnen und Ärzte (vereinzelt freiwillige Unterstützung). Gründe waren Zeitmangel und die Frage der finanziellen Entschädigung. Nach einem überraschenden Besuch von Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser hat sich das Blatt jedoch gewendet. Dr. Oberhauser verschaffte sich einen Überblick über die Lage und Einblick in unsere Tätigkeit in Heiligenkreuz Businesspark. Ärztliche Unterstützung erhielten wir schließlich von der Krages (Burgenländische Krankenanstaltengesellschaft) sowie von "Ärzte ohne Grenzen". Auch einige Ärzte aus der Umgebung zeigten ihre humanitäre Einstellung und halfen unentgeltlich.

 

Emotionale Momente

 

Für die Helfer sind Momente mit Kindern, älteren Personen oder Menschen mit Behinderungen emotional sehr anstrengend und belastend. Manchmal gab es auch das Problem, dass wir zu wenig Material hatten (vor allem an jenem Wochenende, wo der unerwartete Ansturm kam). Wir hatten eines Abends knapp 1.000 Decken, jedoch 4.000 Flüchtlinge, und natürlich wurden die Decken zuerst den Kindern, kranken und schwachen Personen ausgehändigt. Man sah aber genügend am Asphalt schlafende Kinder, die keine Decken hatten, und so mancher junge Mann besaß sogar 2 Decken. Da stand der Eigennutz im Vordergrund, und das ärgerte uns Helfer natürlich. Ich erinnere mich an eine besondere Situation: An einem kalten Abend fragte ein Helfer, was er mit einem Mann im Rollstuhl machen solle. Er war körperlich/geistig eingeschränkt und wurde auf dem Parkplatz einfach abgestellt. Wir brachten ihn in das Ambulanzzelt, wo sich herausstellte, dass seine Mutter (80 Jahre) selbst gerade behandelt wurde. Sie war überglücklich, dass ihr Sohn als nicht Verletzter/Erkrankter in das Ambulanzzelt durfte.

 

 

Weiterreise

 

Es standen ca. 25 Busse für den Abtransport zum Bahnhof Graz, nach Wien und Klagenfurt zur Verfügung. Schließlich wurden die Flüchtlinge dann nach Deutschland weitergebracht - zumindest jene, die nicht in Österreich um Asyl ansuchten, und das war die Mehrheit. Die restlichen tausend Flüchtlinge mussten warten, bis die Busse zurückkehrten. Da der Weitertransport sich immer öfter verzögerte (weil die Zielkapazitäten überfüllt waren), wurden vom Bundesheer Unterkunftszelte mit Feldbetten zur Verfügung gestellt. Die Zelte wurden jedoch wenig genutzt, weil die Menschen Angst hatten, den nächsten Bus zu versäumen. Einige machten sich eigenständig auf den Weg zur deutschen Grenze, wie z.B. eine Gruppe aus der Betreuungsstelle St. Martin an der Raab, die spontan selbst einen Reisebus bei einem hiesigen Busunternehmen angemietet hatte.

 

Mein persönliches Fazit

 

Ich habe nie die Situation als solche bewertet, sondern nur auf die Menschlichkeit geachtet - und vielleicht sah ich deshalb das Ganze mit anderen Augen. Außergewöhnliche Einsätze wie dieser treiben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Führungskräfte, Ärzte, Rettungssanitäter, Helfer etc.) zu außergewöhnlichen Leistungen. Das eigene Privatleben wurde bei vielen "leider" zweitranging, aber persönlich war es ein sehr interessanter, emotionaler und herausfordernder Einsatz, der zeitlich bis zu 100 Std./Woche gefordert hat.

socialshareprivacy info icon