Wenn aus Fremden Freunde werden

Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser, als sich Lukas Samuel, 26 Jahre alt und seit 2009 Rettungssanitäter an der Bezirksstelle Schwechat, im Sommer vergangenen Jahres kurzer Hand entschloss, sich von seinem Beruf bei der Gemeinde Wien freistellen zu lassen und drei Monate lang die Leitung des Flüchtlingsquartiers am Flughafen Wien, kurz QAP genannt, zu übernehmen. "Menschen in einer für sie extrem schwierigen Zeit zu unterstützen, das Kennenlernen neuer Kulturen und ein Zeichen zu setzen, nicht wegzuschauen, sondern gegen Vorurteile anzukämpfen" waren für ihn die Motive dazu. Das QAP war für 240 Personen ausgelegt und wurde vom Flughafen Wien in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz Schwechat betrieben. Im QAP wurden vor allem Familien aus Syrien, Afghanistan, aber auch aus dem Iran und Irak sowie Tschetschenien aufgenommen.

Für jede Familie wurde eine eigene Schlafkoje errichtet, sodass ein bisschen Privatsphäre geschaffen werden konnte. Um die Infrastruktur kümmerte sich der Flughafen, insbesondere die Flughafenfeuerwehr, seitens des Flughafens wurden zudem Dolmetscher zur Verfügung gestellt, die das Zusammenarbeiten und die Kommunikation mit den Asylwerbern wesentlich erleichterten und Vertrauen schufen. Lukas war vor allem damit betraut, Neuankömmlinge zu administrieren, die Tagesabläufe der Asylwerber zu koordinieren sowie Verlegungen von Flüchtlingen zu organisieren, bei Behördenwegen zu helfen und die medizinische Betreuung zu unterstützen. Darüber hinaus fungierte er als Hauptansprechpartner seitens des Roten Kreuzes für den Flughafen und das Bundesministerium für Inneres, leitete die täglichen Morgenbesprechungen zwischen dem Rotem Kreuz, den Flughafenmitarbeiter/innen, der Feuerwehr und der Security und wies die diensthabenden Rotkreuz-Mannschaften in ihre Aufgaben ein.

Doch für Lukas war dieser Dienst am Flughafen weit mehr als eine Pflichterfüllung im Rahmen seiner Rotkreuz-Tätigkeit. Bereits am ersten Tag der Ankunft im QAP fiel ihm ein Junge auf, der als unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling geführt wurde, begleitet und betreut von Freunden seiner Familie. Dieser Junge, Omer Sahloul, machte von Anfang an einen äußerst sympathischen Eindruck. Er lebte sich rasch in die Notunterkunft ein, war stets aufgeschlossen und hilfsbereit. Er unterstützte die Rotkreuz-Mitarbeiter/innen bei ihren täglichen Aufgaben, wie bei der Essensausgabe oder der Verteilung von Sachspenden, aber auch beim Nachschlichten von Materialien. Die vom Flughafen angebotenen Deutschkurse besuchte Omar mit großem Eifer und bemühte sich, die erlernte Sprache anzuwenden. Im Oktober wurde im QAP ein Schulunterricht organisiert, an dem Omar teilnehmen durfte, obwohl er nicht mehr schulpflichtig war. Trotz seiner anfangs mangelnden Deutschkenntnisse verstanden Lukas und er sich auf Anhieb. Dies spiegelte sich auch in der Freizeitgestaltung wider, beispielsweise beim gemeinsamen Fußballspielen mit Omer und anderen Bewohnern.

Ende Oktober 2015 konnten Omar und die ihn begleitende Familie in eine Privatunterkunft in Pressbaum einziehen. Omar besucht nun die Schule sowie zusätzliche Deutschkurse, sodass er die Sprache schon sehr gut beherrscht, und hat auch einen positiven Asylbescheid erhalten, sodass er in Österreich bleiben darf. Mittlerweile ist er auch stolzer ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Team Österreich Tafel und unterstützt bei der Ausgabestelle in Pressbaum. Doch der Kontakt zu Lukas ist nicht abgerissen. Seit seiner Verlegung in die private Unterkunft telefonieren die beiden regelmäßig und verbringen auch ihre Freizeit immer wieder gemeinsam. Schon während seiner Anwesenheit im QAP ist Omar für Lukas vom Bewohner zu einem guten Freund geworden.

Zukunft in Österreich

Mahmoud ist im Alter von 11 Jahren im Sommer 2015 gemeinsam mit seinem Onkel und seiner Cousine nach Österreich geflüchtet. Er war der jüngste der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Flughafenquartier, weshalb ihm besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mahmoud litt sehr darunter, dass er seine Familie die noch in der Türkei war, über 1,5 Jahre nicht gesehen hatte. Beim gemeinsamen Fußballspielen und Ausflügen in den Tiergarten Schönbrunn versuchte Lukas, sich besonders um ihn zu kümmern. Im September 2015 wurde Mahmoud mit seinen Onkel und seiner Cousine nach Oberösterreich verlegt, wo ihn Lukas einmal im Monat besuchte. Seit Jänner 2016 wohnt er in Fischamend und besucht dort die Schule.

Am Flughafen Wien knüpften Helfer und Flüchtlinge Freundschaften, die bis heute halten.
Auch wenn die Notunterkunft mittlerweile nicht mehr da ist, bleiben Lukas und Mahmud in Kontakt.
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