„Diese Menschen waren da, also wurde ihnen geholfen.“

Martin Huber, Kolonnenkommandant der „Freiwilligen Kolonne Salzburg Stadt“, erzählt seine Erlebnisse ein Jahr nachdem die Flüchtlingswelle in Salzburg begann. Insgesamt wurden 320.000 Transitflüchtlinge vom Salzburger Roten Kreuz betreut. Zwischen 31.August und 18.März waren 3.521 Rotkreuz-Mitarbeiter im Einsatz. In dieser Zeit wurden 32.55 Hilfeleistungen erbracht und 824 Krankenhaus Transporte durchgeführt.

Ein Jahr danach. Welche Eindrücke sind nach der Flüchtlingswelle noch präsent?

MARTIN HUBER: Wenn man sagt: „Es ist ein Jahr vorbei“, könnte man meinen die Zeit ist schnell vergangen. Aber es ist ja noch kein Jahr vorbei. Im Grunde genommen ist die intensivste Zeit erst ein halbes Jahr vorbei. Vor einem Jahr ist der erste große Flüchtlingszug in Salzburg eingetroffen.

Speziell dieser Einsatz war ja ein sehr langer.

MARTIN HUBER: Das stimmt, es hat sich über viele Monate kein Ende abgezeichnet. Das war für alle Beteiligten ein sehr wichtiges Datum und Aufatmen, als sich Anfang 2016 eine zumindest mittelfristige Entlastung abzeichnete.

Wie belastend war die Einsatzlänge für die Helfer?

MARTIN HUBER: Mit der Zeit wurde deutlich, dass die unbestimmte Dauer des Einsatzes sowohl für die Planung als auch für die Durchführung eine immer größere Herausforderung wird – weil du eben nie wusstest  mit welcher Länge und in welcher Dimension dieser Einsatz weitergeht.

Also wurde es irgendwann zu einer Belastung?

MARTIN HUBER: Die Herausforderung war von der ersten Nacht beginnend enorm groß. Niemand wusste wie lange der Einsatz wirklich dauert. Eine Woche, ein Monat oder doch ein Jahr und länger? Es gab natürlich auch Einschätzungen von verschiedenen Quellen, aber auch die konnten nichts Konkretes sagen. Genau das ist, speziell für eine Organisation die eine so hohe Verantwortung trägt wie es das Rote Kreuz tut, schwierig und belastend.

Speziell die Planung, oder?

MARTIN HUBER: Genau. Du musst deine Ressourcen steuern, deine Ablauf-Organisation nach der Einsatzdauer ausrichten – was aber, wenn die Dauer völlig ungewiss ist? Das war für uns eine ganz neue Situation.

Wie konntet ihr die freiwilligen Mitarbeiter über so einen langen Zeitraum motiviert halten?

MARTIN HUBER: Für uns war das Thema „Flüchtlinge“ nicht ganz neu. Als Freiwilligen Kolonne Salzburg Stadt waren wir durch die Betreuung in der Riedenburg ab Jahresbeginn 2015 erstmals in größerem Umfang in die Flüchtlingsbetreuung eingebunden. Wir habe damals alle Führungsverantwortlichen der Freiwilligen Kolonne Salzburg Stadt im Flüchtlingsquartier Riedenburg zusammengeholt und die Sitzung gemeinsam mit unserem Landes-Rettungskommandanten Anton Holzer und unserer Landes-Geschäftsführerin Sabine Kornberger-Scheuch abgehalten. Bei dieser Sitzung haben wir nicht nur über die bevorstehende Aufgabe, sondern auch über den Hintergrund der Flüchtlingskrise, vor allem die Situation in Syrien gesprochen. Es war allen klar, dass genau die Hilfe für diese Menschen sehr nahe an der Grundidee und dem Ursprung des Roten Kreuzes dran ist. Auch wenn die damit verbundene zusätzliche Belastung schwierig und auch belastend war, wollten wir diese zutiefst humanitäre Herausforderung annehmen.

Ist diese Grundeinstellung der große Wert des Roten Kreuzes?

MARTIN HUBER: Ja, ohne Zweifel. Die Menschen, die eben genau diese Gedanken leben, sind unser höchstes Gut. Jemand, der die Grundsätze des Roten Kreuzes verstanden hat, muss sie einfach leben.

Also war der Einsatz in der Riedenburg quasi eine Art Generalprobe?

MARTIN HUBER: Jedenfalls hatten wir dadurch bereits den Kontakt zu Flüchtlingen. Man hat zusammen zu Abend gegessen, sich Lebensgeschichten angehört und jeder konnte sich sein eigenes Bild zu dieser Flüchtlings-Thematik machen. Im September 2015 brach dann alles in einer anderen Dimension über uns herein. Wir wussten dann aber schon um welche Menschen es sich dreht und was diese Menschen hinter sich haben. Das gab dem Auftrag einen anderen Hintergrund.

Konntet ihr abschätzen was am Hauptbahnhof und all den Nebenschauplätzen auf euch zukommt?
MARTIN HUBER: Nicht wirklich. Aber was wir sofort wussten war, dass jeder von uns vor einer in seiner eigenen Rot-Kreuz Laufbahn noch nie da gewesenen Herausforderung steht.

Kann man sagen, dass das Festhalten an den Werten des Roten Kreuzes dazu führte, dass jeder sein bestes gab?

MARTIN HUBER: Auf jeden Fall. Und eben die Tatsache, dass es für alle Beteiligten noch nie einen Einsatz in dieser Dimension gab. Alle im Einsatz befindlichen Kolleginnen und Kollegen, egal in welcher Position oder Funktion, wuchsen weit über sich hinaus. Jeder von uns spürte die hohe Verantwortung, aber auch das unglaubliche Gefühl, gemeinsam etwas Einmaliges zu leisten.  Für solche Einsätze ist ein Rotkreuz-Mann oder eine Rotkreuz-Frau geboren.

War die „Freiwilligen Kolonne“ der Stadt Salzburg an der Leistungsgrenze?

MARTIN HUBER: Wir waren mit der zunehmenden Einsatzdauer sicherlich im Grenzbereich der Belastbarkeit, wir haben ja alle anderen Aufgaben v.a. im Rettungs- und Krankentransportdienst vollinhaltlich weitergeführt. Durch die Unterstützung der anderen Bezirke und des Landesverbandes, aber auch anderer Organisationen haben wir aber eine enorme Unterstützung erfahren. Aber in Summe bin ich davon überzeugt, dass das Salzburger Rote Kreuz an keinem Punkt tatsächlich soweit war, dass wir sagen „Wir können diesen Auftrag nicht erfüllen“.

Wie war die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen vor Ort?

MARTIN HUBER: Es ist eine Art der Zusammenarbeit entstanden, innerhalb des Roten Kreuzes aber auch mit anderen Organisationen, die einen getragen hat. Die Zusammenarbeit mit der Exekutive, dem Bundesheer, dem Magistrat, dem Land Salzburg, der ÖBB, der Caritas, dem Samariterbund und den Maltesern und vielen anderen war extrem wertvoll und eine großartige Erfahrung. Einfach weil man wusste, dass man so eine Herausforderung nur miteinander bewältigen kann.

Was war, abgesehen von der Dauer des Einsatzes, die größte Herausforderung?

MARTIN HUBER: Das kein Tag wie ein anderer war und die ständige neue Einsatzlage. Es gab einfach keinen Norm-Betrieb. Jeder Tag brachte neue Probleme und Herausforderungen. Und dann kam noch die Problematik der Witterung dazu. Wir hatten das Glück einen schönen Herbst zu haben, aber plötzlich war der November da und es wurde nass und kalt, mit allen Konsequenzen für die Unterbringung, Versorgung, gesundheitliche Lage etc.

Gab es Ideen diesen Einsatz rein hauptamtlich zu besetzen?

MARTIN HUBER: Von Anfang an wurde dieser Einsatz in Zusammenarbeit von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern durchgeführt. Der Landesverband gab schnell die Mittel frei um zusätzlich hauptamtliches Personal einzustellen. Aber für mich war immer klar, dass es ein gemeinsamer Einsatz bleiben wird.

Wie ging es Ihnen persönlich mit den ankommenden Menschen?

MARTIN HUBER: Diese Menschen waren da, also wurde ihnen geholfen. Sie brauchten unsere Betreuung um die Menschenwürde und Sicherheit wieder vorzufinden, die sie an diesem Ort von dem sie fortgingen eben nicht mehr vorfanden.

Wie geht man, speziell während solch eines Einsatzes, mit negativer Kritik um?

MARTIN HUBER: Man darf nicht vergessen, dass wir alle nur Menschen sind. Natürlich ist es schwierig, neben der Belastung und dem Stress auch mit persönlichen Angriffen konfrontiert zu werden, diese waren aber selten. Die Wertschätzung, die wir erhalten haben, hat bei weitem überwogen. Das Wissen hier und jetzt gebraucht zu werden, übersteigt jeden Ärger.

Gibt es Bilder die immer in Ihrem Kopf bleiben werden?

MARTIN HUBER: Es gab gerade in den ersten Wochen viele, auch langgediente Kolleginnen und Kollegen, die schon viel im Einsatz erlebt haben, die vom Bahnsteig zum Versorgungszelt kamen und Tränen in den Augen hatten. Einfach weil sie so bewegt waren von der Ankunft so vieler hilfsbedürftiger Familien, Kinder, alter Menschen. Die Bilder der Bahnhofsgarage – die zu einem provisorischen Lager mit über 1.000 Betten umfunktioniert wurde – werden uns immer im Kopf bleiben. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen wussten die Menschen, dass sie geborgen und in Sicherheit sind. Einfach deshalb, weil wir da waren. Hier war die positive Kraft des Symbols des Roten Kreuzes unmittelbar spürbar. Das sind Momente, die man nicht vergisst.

Interview geführt von Matthias Leinich

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