Familie gesucht

Credit: ÖRK/Kuba
Rashed - allein auf der Flucht

Rashed ist 17 Jahre alt. Er mag Fußball, geht gerne ins Fitnessstudio und hat eine Freundin. Das klingt wie die Beschreibung eines typischen österreichischen Jugendlichen. Doch es gibt einen Unterschied: Rashed lebt erst seit Kurzem in Österreich. Vor einem Jahr hat er seine Heimat Afghanistan von einem Tag auf den anderen hinter sich gelassen und flüchtete mit seiner Mutter, seinem Bruder, dessen Frau und Kindern in der Hoffnung, irgendwo einen sicheren Platz zum Leben zu finden. Den Weg bewältigte die sechsköpfige Gruppe in verschiedenen Fahrzeugen, auf dem Seeweg und großteils zu Fuß. Teilweise waren sie auf Schlepper angewiesen, doch daran erinnert sich Rashed nicht so genau.

 

Allein auf der Flucht

 

Für immer in sein Gedächtnis eingegraben hat sich hingegen der Moment, als er von seiner Familie getrennt wurde. Irgendwo in einem bewaldeten Gebiet, umgegeben von vielen anderen Menschen auf der Flucht, brach plötzlich Unruhe aus und jeder lief in eine andere Richtung. Rashed fand seine Angehörigen nicht mehr und war ab diesem Augenblick ganz auf sich alleine gestellt.

 

Angekommen in Österreich war für Rashed - wie für viele andere - die erste Station das Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Dort lernte er bei dem Versuch, sich in einem neuen Land zurecht zu finden und sich an die neue Situation zu gewöhnen Sabine Cimpa kennen. Seine "Österreich Mom" - wie Rashed sie nennt - engagiert sich in Traiskirchen, begleitete ihn und unterstützte ihn zum Beispiel bei Behördengängen. So hat sie bisher schon Einiges geschafft: Rashed kann jetzt die Schule in Wiener Neustadt besuchen. Doch auch wenn er sich in Österreich wohlfühlte, seine Familie vermisste der junge Afghane sehr und besonders die Ungewissheit machte ihm zu schaffen.

 

Sabine und Rashed recherchierten also im Internet und stießen rasch auf die "Trace the Face" Homepage des Roten Kreuzes. Schnell war ein Foto von Rashed mit dem Vermerk hochgeladen, dass er auf der Suche nach Mutter und Bruder sei.

 

Vor einer Woche kam die positive Nachricht: Sein Bruder, der gerade in Litauen ist, hat ihn auf der Homepage entdeckt und Kontakt aufgenommen. Über ihn hat Rashid mittlerweile auch den Kontakt zur Mutter wieder hergestellt, die zusammen mit Rasheds Schwägerin und den Kindern derzeit in Deutschland ist. Im Gespräch lässt Rashed den emotionalen Moment Revue passieren, als die Nachricht von seinem Bruder kam und als er endlich auch mit seiner Mutter in Kontakt treten konnte. "Zuerst hat sie gar nicht geglaubt, dass ich wirklich ich bin", erzählt Rashed. "Erst nach einigen Telefonaten hat sie es dann wirklich geglaubt", berichtet er freudestrahlend von den ersten Gesprächen mit seiner Mutter.

 

Was Rashed später gerne einmal machen möchte weiß er noch nicht so genau, im Moment ist für ihn das Wichtigste, zu seiner Familie zu kommen. Vielleicht möchte er einmal Arzt werden, so wie sein Vater in Afghanistan.

Rashed und seine "Österreich Mom" Sabine

Bürokratie als Stolperstein

 

Auch für Sabine Cimpa hat die Begegnung mit Rashed viel verändert aber ihr persönlich auch einiges abverlangt. "Oftmals kommt man um ein Kopfschütteln nicht herum, wenn man hautnah mitbekommt, welche unnötigen Steine einem in dem Weg gelegt werden, obwohl man doch nur einem jungen Menschen helfen möchte, der alleine in diesem Land lebt. Wenn ich mich an jedes Nein, das ich gehört habe, gehalten hätte, wäre Rasheds Aufenthalt in Österreich sehr trist verlaufen." Nicht immer alles widerspruchslos hinnehmen, beschreibt Sabine als wichtiges Learning und möchte diesen Tipp auch an alle Privatpersonen weitergeben, die mit Menschen auf der Flucht zusammenarbeiten.

 

Erfolg für Trace the Face

 

Internet und Soziale Medien ergänzen die Bemühungen des Suchdienstes im internationalen Netzwerk der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften. "Die Rotkreuz-Initiative Trace the Face gibt es bereits seit etwas mehr als einem Jahr und sie ist ein großer Erfolg" erzählt Claire Schocher-Döring, Leiterin des Suchdienstes im Österreichischen Roten Kreuz. "Es ist immer toll, wenn wir einen Fall wie den von Rashed haben, in dem wir so kurze Zeit nach der Anfrage die Familie finden können. Die tägliche Arbeit im internationalen Suchdienst-Netzwerk erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl. Den Ablauf der Flucht zu rekonstruieren und Informationen herauszufinden, die für den Suchantrag besonders wichtig sind, ist nicht immer einfach. Die Personen sind traumatisiert oder haben Angst, etwas Falsches zu sagen, was ihre Abschiebung aus Österreich bewirken könnte. Genauso muss man auch mit Fehlinformationen umgehen oder damit zurechtkommen, dass es manchmal einfach kein Happy End gibt. Umso schöner ist der Fall von Rashed."

socialshareprivacy info icon