Überall in 8 bis 15 Minuten: Ein dichtes Netzwerk der Hilfe

Mag. Gerry Foitik

Als komplexes Hilfeleistungssystem bezeichnet das Rote Kreuz die Leistungen im Rettungsdienst. Gerade weil das föderale System fast überall so gut funktioniert, macht man sich oft kaum Gedanken, was im Hintergrund alles notwendig ist, damit es läuft. Wir haben mit dem Verantwortlichen gesprochen, um hinter die Kulissen des Roten Kreuzes zu schauen.

Im Interview: Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes. Er ist selbst seit vielen Jahrzehnten im Rettungsdienst des Roten Kreuzes tätig und vereint daher praktische Erfahrung mit theoretischem Wissen zum Rettungsdienst. 

Wie funktioniert die Rettung? Wie ist das Rote Kreuz aufgestellt, um Hilfe zu leisten?

Foitik: Österreich hat eine hervorragend funktionierende Struktur im Rettungsdienst. Das Netz an Rotkreuz-Dienstposten ist durch mehr als 42.000 Freiwillige so dicht, dass jeder Patient durchschnittlich in zirka acht bis 15 Minuten mit der Rettung und in 12 bis 20 Minuten mit einem Notarzteinsatzfahrzeug erreichbar ist. Davon profitieren auch Menschen, die sich nur leicht verletzt haben oder nur ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Deshalb bilden die Notfallrettung mit oder ohne Arzt, Sanitätseinsätze und Ambulanztransporte ein Verbundsystem, in dem die Teile voneinander profitieren.

Notfallrettung und Sanitätseinsatz können mit den gleichen Ressourcen sehr schnell und effizient bedient werden. Wir sind überzeugt davon, dass das ein gutes Konzept ist. Bei Patienten mit kritischen Zuständen wird parallel zum Rettungswagen sofort der Notarzt alarmiert, so dass diesen Patienten die bestmöglich verfügbare – nämlich notärztliche – Hilfe zugutekommt.

Das System ist bei Katastrophen zudem „aufwuchsfähig“: So können all die Fahrzeuge und Freiwilligen rasch herangezogen werden, um zum Beispiel im Fall eines Hochwassers zu helfen. Im Vergleich zu Deutschland ist es uns in Österreich gelungen, hauptberuflichen und freiwilligen Sanitätern die gleichen Chancen bei gleicher Qualifikation einzuräumen.

Das, was in anderen Ländern Standard ist, nämlich, dass intensiv ausgebildete Fachkräfte in 15 bis 20 Minuten vor Ort sind, um Notfallpatienten zu helfen, erreichen wir in Österreich durch die Notarztrettungsmittel und Notfallsanitäter. Darüber hinaus aber haben wir ein flächendeckendes Netz an Rettungsstützpunkten, von denen wir die Patienten bereits innerhalb von acht bis 15 Minuten - es gibt regionale Unterschiede - mit einem Rettungswagen und in ca. sechs Minuten mit einem First Responder erreichen. Ob diese Fahrzeuge nun Rettungswagen (RTW) oder Sanitätseinsatzwagen (SEW) heißen, ist eine Diskussion, die nur wenige Fachleute interessiert, für die Qualität des Rettungsdienstes aber keinen Unterschied macht.

Wie funktioniert das mit der Ausbildung? Es sind ja sowohl Freiwillige, als auch Zivildiener und Angestellte im Einsatz.

Rettungssanitäter – egal ob es sich um Ehrenamtliche, Zivildiener oder Hauptberufliche handelt – haben alle die gleiche Ausbildung und können, was sie können müssen: Erst Hilfe leisten, Herzdruckmassage geben und im Notfall die Atemwege mit einem Larynxtubus freimachen und kritische Patienten von nicht kritisch erkrankten Menschen zu unterscheiden. Das ist genau das, was es bis zum Eintreffen eines Notarztes braucht, oder zu entscheiden ob dieser erforderlich ist.

Medizinisch gut ausgebildetes Personal, nämlich vor allem Notärzte aber auch Notfallsanitäter, konzentrieren sich nur auf die kritischen Notfälle, wodurch sie auch in der Übung bleiben. Dafür sind Rettungssanitäter aber in jedem Fall rasch vor Ort – und das ist der Schlüssel zum Erfolg. In der Praxis funktioniert das einwandfrei.

Das richtige Fahrzeug zur richtigen Zeit.

Was bedeutet Verbundsystem?

Von allen Rettungseinsätzen in Österreich sind rund 15 bis 20 Prozent Notfälle. Davon betrifft nur ein kleiner Teil, nämlich etwa jeder fünfte Fall, kritische Patienten – etwa Schlaganfälle, Schwerverletzte, Herzinfarkte oder Bewusstseinsstörungen. Die Rettungsleitstellen entsenden nun bei einem Notfall das nächstgelegene Einsatzmittel und schicken parallel einen Notarzt (bodengebunden, oder per Hubschrauber) aus.

Die Rettungssanitäter am ersteintreffenden Wagen sind in der Lage die Zeit, bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken, und lebensrettende Maßnahmen zu setzen. Doch häufiger ist der Fall, dass ein Notarzt vor Ort gar nicht notwendig ist.  Das schont die Ressourcen und macht den Arzt rasch wieder einsatzbereit. Eine Trennung von Rettungsdienst und Sanitätseinsätzen würde diesen integrierten Vorteil zunichte machen.

In der Praxis funktioniert das System sehr gut. Auch die Notarztrettungsmittel sind außerhalb von Ballungsräumen bei weitem nicht ausgelastet. Wir glauben, dass es sich lohnt, das Verbundsystem aufrechtzuerhalten, weil auch Patienten davon profitieren, dass es effiziente, auf Notfalleinsätze ausgerichtete Strukturen gibt.

Was ist die Zukunft? Wie können noch mehr Menschen überleben?

Im US-Bundesstaat Washington ist die Überlebensstatistik in kritischen medizinischen Situationen, wie dem Herz-Kreislaufstillstand deswegen so hoch, weil alle Einsatzkräfte, von der Polizei bis zur Feuerwehr, genauso wie weite Teile der Bevölkerung in Erster Hilfe geschult sind und auch flächendeckend Defibrillatoren zur Verfügung stehen.

Das ist im Übrigen genau der Ansatz, den auch das Österreichische Rote Kreuz verfolgt: Mit zahlreichen sogenannten First Responder, die rasch aktiviert werden können um sofort in der Nachbarschaft zu helfen. Und in Zukunft werden wir mit dem Team Österreich auch Lebensretter einsetzen, Fachkräfte und Ersthelfer, die im Notfall sofort innerhalb von drei Minuten vor Ort sind, um Herzdruckmassage zu leisten. 

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