Lokalaugenschein auf der zerstörten Insel Leyte

Nicola Jones berichtet für die Rotkreuz-Bewegung über allgegenwärtige Zerstörungen, dringende Überlebenshilfe und tausende Obdachlose von der philippinischen Insel Leyte.

Planung der Hilfe. Assessment nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen. Der oberösterreichische Rotkreuz-Delegeierte Werner Lechner mit einem Rotkreuz-Kollegen im Gespräch mit Betroffenen. Hochformat.

Das Boot nähert sich dem Hafen der Stadt Ormoc an der Südspitze der philippinischen Insel Leyte und das Ausmaß der Zerstörung ist mit einem Schlag sichtbar. Der Markt, das Hafengebäude, Häuser und Geschäfte entlang der Küste sind nur noch Haufen schiefer Wände, die Dächer liegen irgendwo dazwischen, abgerissene Kabel hängen von Strommasten. Wir sind auf dem Weg nach Norden, um in Tacloban, das der Taifun Haiyan sehr schlimm getroffen hat, die humanitären Bedürfnisse zu erheben. Wir kommen in einem Hotel unter, das den Sturm beschädigt überstanden hat. Im Hotel sind viele Menschen untergekommen, deren Häuser zerstört wurden. Es gibt zwar keinen Strom, aber einen Frischwasser-Quelle und damit lebenswichtiges Trinkwasser.

 

Das Boot, mit dem wir aus Cebu gekommen sind, war überfüllt. Die Passagiere haben sich den Platz mit Nahrungsmittelpaketen und Treibstoffkanistern geteilt. Viele sind unterwegs, um nach Familienmitgliedern und Freunden zu sehen, denn der Kontakt auf die Insel Leyte ist nach dem Sturm abgebrochen. Dutzende bereiten sich darauf vor, die 110 Kilometer von Ormoc nach Tacloban zu Fuß zu bewältigen.


Die Region ist völlig zerstört, die Szenerie ist katastrophal. Ormoc und Tacloban sind gewiss nicht die einzigen Orte, die so schwer betroffen sind. Das wahre Ausmaß der Katastrophe wird wohl erst in den kommenden Wochen sichtbar werden, wenn die Hilfsorganisationen ihre Bedarfserhebungen durchgeführt haben.

Philippinen

Tausende obdachlos
Ich begleite ein Rotkreuz-Assessment-Team, das die Aufgabe hat die Lage in Tacloban zu erheben, damit die Hilfsmaßnahmen effizient und zielgerichtet erfolgen können. Die Straße nach Norden ist seit heute wieder für Autos passierbar. Die Dörfer entlang der Straße sind alle schwer beschädigt. Tausende Kokospalmen sind entwurzelt oder abgeknickt wie Zahnstocher. Tausende Menschen kommen uns entgegen, manche gehen barfuß, andere schieben ihre Motorroller, auf denen die Habseligkeiten türmen, die sie aus den Trümmern retten konnten.


Wohin die Menschen unterwegs sind, wissen wir nicht. Aber offensichtlich wurden tausende durch den Sturm obdachlos. Kaum möglich, aber die Zerstörung nimmt noch zu als wir uns Tacloban nähern. In Palo, einem Vorort, treffen wir ein Team des Philippinischen Roten Kreuzes. Die Ärzte hier brauchen dringend Medikamente und medizinisches Material um die Verletzungen zu versorgen und den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Viele Menschen haben Schnittwunden oder Knochenbrüche davon getragen. Verunreinigtes Trinkwasser hat bereits zu den ersten Durchfallerkrankungen geführt.


Beeindruckend ist auch wie die Menschen beginnen, die Katastrophe zu bewältigen. In den Dörfern starten Aufräumarbeiten, man versucht aus den Trümmern brauchbare Teile zu ziehen, um damit notdürftige Unterkünfte zu bauen, die wenigstens vor dem Regen schützen.


Die Stadt Tacloban ist ein einziger Trümmerhaufen. In den Straßen steht das Wasser, darauf schwimmt ein Teppich aus verbogenen Metallteilen, zerbeulten Autos, Holz, Papier und Kleidung. Eine gigantische Wasserwand hat im Gefolge des Taifuns die Stadt erreicht und diese Zerstörungen angerichtet.


Ein Mann erzählte mir von dem Augenblick als die Sturmflut über Tacloban hereinbrach. Drei drei Meter hohe Wellen überfluteten die Stadt. Während der ersten Welle rannte er mit seiner Mutter aus dem Haus. Die beiden konnten sich in Sicherheit bringen, aber haben sie bis jetzt keinen Kontakt zu Verwandten, die ganz in der Nähe wohnten. Wahrscheinlich ein Fall von vielen. Das Philippinische Rote Kreuz registriert Vermisste und arbeitet daran, Überlebende mit ihren Familien zusammen zu bringen.


Lebensmittel und sauberes Trinkwasser sind dringend notwendig für das Überleben nach dem Sturm. Hilfsorganisationen und die Regierung arbeiten zusammen, um die Hilfsgüter so schnell wir möglich in die betroffenen Gebiete zu bringen. Durch die Zusammenarbeit erreichen sie auch jene Menschen, die nicht in Evakuierungszentren untergekommen sind und in ihren beschädigten Häusern ausharren.

Noch gibt es keine Zahlen, aber alleine der Eindruck auf Leyte zeigt, dass hunderttausende Menschen, deren Häuser von Haiyan zertrümmert wurden, Unterkünfte brauchen werden. Neben Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser stehen medizinische Materialien ganz oben auf der Liste der dringend notwendigen Hilfsgüter für die Betroffenen der Sturmkatastrophe.

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