16.08.2012

Ein Sanitäter ist immer im Dienst!

In Ausübung des Berufs Leben zu retten, gehört für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des  Roten Kreuzes zum täglichen Brot. Ein Voitsberger Rotkreuz-Team kann das Lebenretten aber auch während der Mittagspause nicht sein lassen. . .


Es geschah an einem Donnerstagvormittag auf dem großen Gelände des LKH-Klinikums Graz: Die Besatzung des Voitsberger Rettungswagens 51947, bestehend aus einem hauptamtlichen Rotkreuz-Mitarbeiter, einem Zivildiener und einem Bundesheersanitäter in Ausbildung, legt nach einem stressigen Morgen eine Arbeitspause ein. Sie parken ihr Fahrzeug ein, melden sich ab und beschließen, gemeinsam in ein Lebensmittelgeschäft in der Stiftingtalstraße zu gehen um sich eine wohlverdiente Jause zu kaufen.


Zum gleichen Zeitpunkt gehen eine junge Burgenländerin und deren Vater zum Auto, das sie in der LKH-Tiefgarage in der Stiftingtalstraße geparkt haben. Der alte Herr ist nach einer unangenehmen Behandlung im Halsbereich, die die Folge einer länger zurück liegenden Strahlentherapie ist, auf dem Nachhauseweg. Als sie jedoch in der Tiefgarage sind, verschlechtert sich der Zustand des Patienten plötzlich stark: Seine Wunde am Hals beginnt zu bluten, erst langsam, dann immer stärker – binnen kurzer Zeit muss sich der alte Herr blutüberströmt an ein Auto lehnen. Zusätzlich klagt er seiner Tochter, dass er immer schlechter atmen könne. Das Problem wird dadurch verschärft, dass sich die beiden mutterseelenallein in einer riesengroßen, weitläufigen und unbekannten Tiefgarage befinden. Gottseidank kommt wenige Augenblicke später ein anderer Garagenbenützer des Weges, der den Ernst der Situation sofort erkennt: Er läuft los, aus der Garage hinaus, um Hilfe zu holen. Die Tochter bleibt vorerst bei ihrem Vater und versucht übers Mobiltelefon nach draußen zu telefonieren. Während sie zur Kenntnis nehmen muss, dass in der Tiefgarage keine Telefonverbindung möglich ist, wird der Zustand ihres Vaters immer ernster. „So darf es für Papa nicht enden!“, denkt sie und läuft in Panik ebenfalls hilfesuchend aus der Garage.


In der Zwischenzeit kreuzen sich beim Garagenausgang auf der Stiege zum LKH die Wege des Voitsberger Rettungswagen-Teams und des aufgeregten Hilfesuchenden. Als der Passant, der sich als Wirt eines Cafes im LKH herausstellt, die Sanitäter sieht, spricht er diese sofort an und schildert ihnen aufgeregt die Notfallsituation. Die drei reagieren prompt und professionell: Während sie sich im Laufschritt in die Garage zum Notfallsort begeben, setzt der RTW-Fahrer noch rasch einen Notruf bei der Rotkreuz-Landesleitstelle Steiermark ab. Er beschreibt die Situation gemäß seines Informationsstandes, fordert Notarztunterstützung an, beschreibt die Zufahrt und vergisst dabei nicht einmal zu erwähnen, dass die Einfahrtshöhe in die Garage für den Grazer Notfallwagen, den Jumbo, wahrscheinlich zu gering sei…


Als die drei mit ihrem „Lotsen“ schließlich beim Patienten ankommen, ist dieser bereits in einer Blutlache zusammengesunken: Er ist zwar bei Bewusstsein, sein Zustand ist aber bereits sehr ernst. Wieder reagiert das Team hochprofessionell: Nach sekundenschnellem Notfallscheck zieht der Rettungswagen-Fahrer ein paar Latexhandschuhe aus seiner Hosentasche und setzt augenblicklich die einzig sinnvolle lebensrettende Sofortmaßnahme: Er legt zwei Finger auf das blutende Gefäß und drückt die Blutung ab. Parallel dazu legen die drei den Patienten auf den Boden und versuchen umgehend, nähere Informationen zur Situation von ihm zu erfragen. Als der Patient merkt, dass nun offensichtlich Profis die unmittelbare Lebensgefahr abgewendet haben, entspannt sich die Situation ein wenig; nur Sekunden später kommt die Tochter wieder an den Ort des Geschehens zurück:  Sie bringt einen Arzt mit, den sie gerade auf dem Weg von seinem Auto ins LKH zur Arbeit angesprochen hat. Auch er nimmt sich sofort des Patienten an, stellt aber fest, dass es ohne weitere Hilfsmittel keine bessere Intervention geben kann als die, die ohnehin durchgeführt wird. Schließlich hat der ausgebildete Notfallsanitäter seit dem Eintreffen seine beiden Finger nicht vom Gefäß am Hals des Patienten genommen…  Nun werden die Sekunden unendlich lang, die man gemeinsam, aber unter Stress, auf weitere ärztliche Hilfe und Abtransport wartet. Aber der Arzt  und der Rest des kleinen „Notfallteams“ beruhigen Patienten und Angehörige, so gut es geht.


Dann geht alles sehr schnell: Die Grazer Jumbo-Mannschaft – sie haben ihr Auto tatsächlich vor der Tiefgarageneinfahrt stehen lassen müssen und sind nur mit der Rolltrage unterwegs - trifft zusammen mit dem NEF ein. Der Patient, dessen Zustand sich mittlerweile dank des beherzten Eingreifens der Voitsberger Sanitäter stabilisiert hat, wird vor Ort vom Notarzt versorgt – erst jetzt nimmt der Sanitäter den Fingerdruck vom blutenden Gefäß. Rasch wird der Patient zum Auto gebracht und ins Spital eingeliefert. Nach rund 15 Minuten ist der Spuk damit vorbei.


Die Voitsberger Mannschaft geht anschließend wieder zu ihrem RTW, meldet sich bei der Leitstelle zurück und nimmt ihre normale Tätigkeit wieder auf. Schließlich gehört das, was die drei soeben erlebt haben, zu ihrem Job: Für sie ist Lebensrettung „business as usual“!


Dass ein solches Erlebnis an den Betroffenen selbst keinesfalls spurlos vorüber geht, zeigt eine Aussage der Tochter, die sie im Nachhinein tätigt: „Diese Geschichte saß meinem Vater und mir sehr lange in den Knochen. Er dachte sich, er würde das nicht überleben. Auch ich habe das gedacht. Ich werde niemals diesen Blick in seinen Augen vergessen, als das alles passiert ist.“


Und noch ein Detail sei hier am Rande erwähnt: Nachdem der Vater im Spital versorgt worden ist und sich auf dem Weg der Besserung befindet, realisiert die Tochter erst, was kurze Zeit vorher in der Tiefgarage geschehen ist. Sie merkt erst jetzt, dass sie sich in der Hektik bei den Lebensrettern für deren Hilfe nicht einmal bedanken konnte. Also ruft sie beim Radiosender Antenne Steiermark an und erzählt dort die ganze Geschichte, woraufhin dieser den Dank der betroffenen Familie an die „unbekannten Sanitäter“ in die ganze Steiermark hinausträgt.