Österreich, Mai 2009: Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Er ist Oberarzt der Universitätsklinik für Notfallmedizin am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und ao. Universitätsprofessor an der Mediz
Chefarzt Dr. Wolfgang Schreiber

Übergewicht als Risikofaktor. Ein Interview mit Rotkreuz-Chefarzt Dr. Wolfgang Schreiber.

 

Was ist das metabolische Syndrom?
Das metabolische Syndrom ist eine Kombination von vier Symptomen bzw. Erkrankungen. Wenn sie zusammen auftreten, erhöht sich das Risiko für eine Herz- oder Kreislauferkrankung beträchtlich.

 

Was sind die Risikofaktoren, die das metabolische Syndrom ausmachen?

  1. Übergewicht
    Der Body-Mass-Index liegt über 30 und viel Fett liegt im Bauch und außen am Bauch.
  2. Bluthochdruck
    Der Normalwert beträgt 130/80. Wenn der Wert darüber liegt, handelt es sich um Bluthochdruck. Einmalige Messungen weisen noch nicht auf Hochdruck hin. Messen Sie öfter, um Ihren „normalen“ Blutdruck zu ermitteln.
  3. Veränderungen des Fettstoffwechsels: Der Cholesterinwert liegt deutlich über 190, die Triglyceride liegen deutlich über 150.
  4. Diabetes oder eine Vorstufe davon
    Bei Diabetes ist der Blutzucker nüchtern über 100. Aber auch die Vorstufe von Diabetes ist ein Risikofaktor. Dabei ist der Blutzucker zwar normal, aber der Körper braucht länger, um den Zucker zu verarbeiten.

Fazit: Auch wenn alle Faktoren zutreffen müssen, damit man von einem metabolischen Syndrom spricht, steht doch das Übergewicht im Zentrum. Es ist die Basis dieser Erkrankung.

 

Wie entsteht das metabolische Syndrom?
Diese Krankheit ist eine erworbene, die aus unserem Lebensstil hervorgeht. Wir ernähren uns falsch und wir bewegen uns zu wenig. Das ist die Basis des Übergewichts.

 

Woran erkennt man es?
Bei Übergewicht, vor allem bei einem dicken Bauch, muss immer an das metabolische Syndrom gedacht werden (bei Männern ab 94 cm Bauchumfang, bei Frauen ab 80 cm). Der Hausarzt wird den Blutdruck messen sowie Blutzucker-, Cholesterin- und Triglyceridwerte bestimmen lassen. Der Patient selbst spürt oft gar nichts. Übergewicht tut nicht weh, man fühlt sich wohl in seiner Haut und arrangiert sich mit seiner mangelnden Beweglichkeit.

 

Wie gefährlich ist das metabolische Syndrom?
Die Menschen sterben an den Komplikationen, vor allem an Herzinfarkt, Angina pectoris, Schlaganfall. Das sind die häufigsten Todesursachen in Österreich.

 

Wann muss ich zum Arzt?
Der Arzt sollte, vom Übergewicht ausgehend, die Situation erkennen und darauf eingehen. Zum wirklichen Problem wird das metabolische Syndrom, wenn die ersten Komplikationen eintreten. Das metabolische Syndrom ist ein Risikofaktor für Gefäßerkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine).

 

Wann muss ich (noch) nicht zum Arzt?
Es ist durchaus denkbar, dass Sie zwar Übergewicht haben, aber die anderen Risikofaktoren nicht zutreffen. Speziell bei jüngeren Patienten könnten die drei anderen Risikofaktoren noch im Normalbereich liegen. Dennoch sollte das Übergewicht bekämpft werden.


Welcher Arzt ist der richtige?
Wenn Sie vermuten, dass Sie diese Krankheit haben, oder sich einfach nur untersuchen lassen wollen, ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner.

 

Welche Behandlungen gibt es?
Man kann jede Facette, jeden der vier Risikofaktoren behandeln. Aber sie sind nur die Symptome des eigentlichen Problems. Die einzige nachhaltige Heilung ist eine Änderung des Lebensstils. Es ist mir bewusst, dass sich das einfach sagt, aber sehr schwierig durchzuführen ist.


Wie kann ich meinen Lebensstil ändern?
Den Lebensstil ändern heißt den Tagesablauf ändern. Über Jahre eingefahrene Lebensumstände müssen verändert werden. Weniger essen, mehr Bewegung lautet die Formel. Es gibt Menschen, die dazu allein in der Lage sind. Andere schaffen es nur mit Unterstützung von Psychotherapeuten und Verhaltenstherapeuten. Siehe auch die Frage: Wie kann ich vorbeugen?


Wie kann ich vorbeugen?
Gesund leben, sich gesund ernähren, sich bewegen. Pro Tag 30 bis 60 Minuten Fitness sind das Minimum. Fitness ist nicht unbedingt Sport, Fitness ist auch schnelleres Gehen, Radfahren oder jede Bewegung, die man machen will. Bauen Sie die Bewegung ins Leben ein, legen Sie einen Teil des Arbeitsweges zu Fuß zurück, meiden Sie Aufstiegshilfen wie Lifte und Rolltreppen. Wichtig ist, dass Sie wirklich jeden Tag etwas für Ihre Fitness tun.


Was passiert, wenn ich die Symptome habe und nichts tue?
Das metabolische Syndrom wird ohne Behandlung Ihr Leben voraussichtlich um einige Jahre verkürzen, da das Risiko, eine Gefäßerkrankung zu bekommen, eklatant erhöht ist.

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