Der Gründer des Roten Kreuzes: Henry Dunant

Das Rote Kreuz entstand nach einer Idee des Schweizer Geschäftsmanns Henry Dunant, der – zufällig in der Gegend, weil er den Französischen Kaiser Napoleon, III. treffen wollte - 1859 nach der Schlacht von Solferino die Verwundeten in der Region um das norditalienische Städtchen Castiglione sah und angesichts des Leides der Betroffenen drei Tage und Nächte lang mithalf, Wunden zu verbinden und Leiden zu linden, um „zu trösten und zu retten“. Beeindruckt von den Erlebnissen schrieb Dunant 1862 das Buch "Eine Erinnerung an Solferino", das er im Eigenverlag drucken lies und an Vertreter der Herrscherhäuser und ranghohe Militärs in ganz Europa verschickte.

 

Das wesentliche Element an Dunants Werk war die Abstraktion - er blieb nicht bei einer bloßen Wiedergabe der erlebten Ereignisse sondern er forderte Lösungen: Man möge private anerkannte und ausgebildete Hilfsgesellschaften gründen, die im Kriegsfalle die militärischen Sanitätsdienste unterstützen und von allen Konfliktpartei als neutral akzeptiert sind.

 

Die Öffentlichkeit und ihr Einfluss zur politischen Gestaltung der Realität war Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa allerdings noch nicht so ausgeprägt, wie wir sie heute kennen. Die damaligen „Global Players“ waren zumeist nicht parlamentarisch-demokratisch organisiert, sondern wurden als Monarchien in deutlich autokratischerem Maß von einem komplexen System interdependenter Europäischer Herrscherhäuser und Adelsgeschlechtern regiert. Genau diese, besser gesagt deren Exponenten – heute würde man Stakeholder sagen – wurden vom Autor und Philanthropen Dunant kontaktiert.

 

Immer mit in seinem Gepäck, seine Publikation „Eine Erinnerung an Solferino“, die aufgrund des literarischen Stils und der Aktualität in kürzester Zeit zum Gesprächsstoff innerhalb der Zielgruppe von Entscheidungsträger auf Europäischen Niveau wurde. Die Zeitungen lobten sein Werk, das im Handel zunächst überhaupt nicht erhältlich war[1], genauso, wie der bekannte Schriftsteller Victor Hugo.

 

„Auf den steinernen Fliesen der Spitäler und Kirchen von Castiglione liegen Seite an Seite Kranke aller Nationen: Franzosen und Araber, Deutsche und Slawen. Man legt sie einstweilen dort nieder, wo Platz ist, und sie haben nicht mehr die Kraft, sich zu bewegen und können sich auf dem engen Raum nicht rühren. Flüche, Lästerungen und Schmerzensschreie, die wiederzugeben die Sprache nicht fähig ist, hallen von den Gewölben der geweihten Räume wider“

 

Vielfach war der Französisch-Schweizer Geschäftsmann geschickt genug, seine Publikation nicht an die meist militärisch ausgebildeten und damit für derartige Reize abgestumpften Grafen und Herzoge, an die Generäle und Minister zu schicken, sondern an ihre sozial engagierten Gattinnen, die sich bereits bei den vergangenen Kriegen in Europa zum Beispiel als Krankenschwestern immer wieder in den Dienst der verwundeten Soldaten gestellt hatten.

 

Doch es gibt auch andere Interpretationen zur Rotkreuz-Gründung, wie beispielsweise:

 

„Schon zu Lebzeiten diente Dunant, der die Schwäche des Republikaners für Adelspomp und höfische Formen besass, Zwecken Dritter. Seine Vorschläge der 1860er Jahre kamen dem Fortschrittsglauben seiner Zeit und den Hoffnungen auf eine Zivilisierung des Krieges entgegen, die - so weit gingen manche - vielleicht nur eine Vorstufe zur Ächtung des Krieges als Mittel der Politik überhaupt sein würde. Minister und gekrönte Häupter liessen sich mit überraschender Bereitwilligkeit für die Humanisierung des Schlachtfeldes erwärmen; Dunant rannte schon beinahe offene Türen ein.“

 

„Es sei mir erlaubt“, schreibt Dunant gegen Ende des Buchs, als Antwort auf die Frage, ob es wirklich notwendig sei, derartige Schmerzen und das vielfache Leiden in einem Buch derartig intensiv und anschaulich zu schildern, „auf diese sehr natürliche Frage mit einer anderen Frage zu antworten: gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?“

 

Und er nimmt in weiterer Folge bereits auf die technischen und administrativen Möglichkeiten Bezug, wie derartige Hilfsgesellschaften funktionieren könnten.

Dunant nutzte seine Kontakte geschickt, baute mit viel Engagement ein Netzwerk zu den jeweiligen Entscheidungsträgern auf, in das er viel Energie steckte. Daraufhin versuchte die „Genfer gemeinnützige Gesellschaft“, ein Verein bedeutender Genfer Bürger mit philantropen Bedürfnissen, den Vorschlag Dunants, eine Hilfsorganisation zu gründen, die neutral im Kriegsfalle Hilfe leisten würde, umzusetzen, indem bereits 1863 zu einer internationalen Konferenz eingeladen wurde. Die Gründung des Roten Kreuzes und der Beschluss der so genannten "Genfer Konvention betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen" im Jahre 1864 war eine Folge dieser Konferenz.

 

Die Broschüre des internationalen Komitees, die zur ersten internationalen Konferenz eingeladen hatte, hatte folgenden ersten Absatz

 

„Jede Europäische Regierung muss die geschaffenen Nationalen Komitees unter ihrem Schutz und ihre Patronanz stellen. Diese Komitees sollen sich in den jeweiligen Hauptstädten etablieren und als Mitglieder die meistgeachteten und respektierten Bürger der Länder aufnehmen.“

 

 

Aufgrund privater Fehlspekulationen und schwerer wirtschaftlicher Fehler wurde Dunant zu enormen Schadensersatzzahlungen verurteilt, die dazu führten, dass er vor der Genfer Bürgerschaft moralisch diskreditiert wurde. Das führte 1867 dazu, dass sich das Rote Kreuz von seinem Gründer distanzierte und Dunant als "ruheloser Wanderer" durch Europa zog und Vorträge hielt und philantrophische Projekte anging[2], ohne über sozialen oder finanziellen Rückhalt zu haben. 1887 setzte er sich in Heiden am Bodensee zurück, wo ihn 1895 der Journalist Georg Baumberger auffand und über ihn berichtete. Erst diese Berichterstattung rehabilitierte den Humanisten Dunant und führte letztendlich auch dazu, dass er im Jahr 1901 den allerersten Friedensnobelpreis[3] verliehen bekam. Das Preisgeld, das mit dem Nobelpreis verbunden ist,  wurde – um es vor den Zugriffen von Dunants Gläubigern zu sichern – von einem norwegischen Fürsprecher bis zu seinem Tod verwaltet.

 

Dunant starb am 30. Oktober 1910 mit 82 Jahren. Noch heute wird am 8. Mai, dem Geburtstag des Gründers Jean Henry Dunants der Weltrotkreuz-Tag gefeiert.

 

Dempfer begründet die herausragende Stellung der protestantischen Staaten - und damit natürlich auch der calvinistischen französischen Schweiz -  bei der Entstehung der humanitären Bewegung des Roten Kreuzes mit der protestantischen Ethik, wie dies auch Max Weber für den modernen Kapitalismus europäischer Prägung getan hat: Die Prädestinationslehre, also die Tatsache, dass es vorher bestimmt ist, ob man die Seligkeit erwirbt, oder in Verdammnis stirbt, wie sie von Johannes Calvin verbreitet wurde, erlaubt es auf der einen Seite nach Reichtum zu streben und andererseits gegenüber denen, die »gottgewollt arm sind« mildtätig zu sein.

 


[1] Dunant finanzierte und verlegte die erste Auflage von 1.600 Stück selbst, weil er das Buch nie in den Verkauf bringen wollte Österreichisches Rotes Kreuz 2002, S. 15

[2] So gründete er beispielsweise – bereits 1852 - in Genf auch den Schweizer Ableger des Vereins Christlicher Junger Männer.

[3] Insgesamt - Dunants Preis eingerechnet - erhielt das Rote Kreuz vier mal den Friedensnobelpreis: 1901 (Henry Dunant), 1917 (IKRK), 1944 (IKRK), 1963 (IKRK und Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften).

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