29.08.2011

Auf der Flucht getrennt – vom Roten Kreuz wieder vereint

Ein Bericht über die Trennung einer Familie und ihre Wiedervereinigung mit der Hilfe des Rotkreuz-Suchdienstes.

Es ist Nacht, als Abdul Sabur Rahimi mit seiner Frau Shakila und den fünf Kindern aus seinem Heimatland Afghanistan flieht. Mehrere Jahre hatte die Familie zuvor im Iran gelebt, dann wurden sie vertrieben und kehrten nach Afghanistan zurück. Dort aber war die Familie nicht sicher. Nachdem mehrere Familienmitglieder verhaftet und über Tage eingesperrt waren, fassten Abdul Sabur und seine Frau Shakila den Entschluss zur Flucht. Die wichtigsten Dinge packten sie in Taschen und Koffer, Papiere und Kleider und ein paar Spielsachen für die Kinder. Mit Schleppern gelangten sie nach Istanbul.

 

Dort bleiben die Rahimis insgesamt vier Monate. Dann sollte die Flucht weitergehen: die Familie wird aus Platzgründen auf zwei Fahrzeuge aufgeteilt, die Söhne Mashal, Maishal, Maisam und die Tochter Sahar sind im ersten Wagen, die Eltern und der jüngste Bruder Keyhan folgen im zweiten, als sie aus der Stadt fahren. Der hintere Wagen macht plötzlich kehrt und fährt zum Ausgangpunkt zurück. Die Eltern erschrecken, stellen Fragen. Die Antworten sind kurz und beschwichtigend: alles in Ordnung, man werde in wenigen Tagen ebenfalls weiterreisen.

 

Bange Tages des Wartens beginnen. „Ich hatte Sorgen – große Sorgen um meine Kinder“, sagt Shakila Rahimi. Die Nächte sind besonders schlimm, Schlaf findet sie kaum. Wenige Tage später geht die Fahrt endlich weiter, wieder ist es Nacht. Schließlich steigt das Ehepaar Rahimi mit dem sieben Jahre alten Keyhan aus dem Fahrzeug aus, die Schlepper verschwinden. Sie sind in Österreich angekommen – gesund und unversehrt – aber von ihren vier Kindern wissen sie nichts. Auch Mashal, Sahar, Maishal und Maisam sind wohlauf, auch ihre Flucht fand ein Ende – in Belgien.

 

„Wir wussten nicht, wo unsere Eltern sein könnten, wir waren ratlos“, schildern der 15 Jahre alte Mashal und die 14jährige Sahar die Situation. „Wir hatten große Angst, dass wir unsere Eltern vielleicht nie wieder sehen würden“, sagen die beiden jüngeren Buben Maishal und Maisam, zwölf und zehn Jahre alt. Im Flüchtlingsheim in Belgien nimmt ein Mitarbeiter des Belgischen Roten Kreuzes die Daten der Minderjährigen auf und die Suche nach den Eltern beginnt: an 20 nationale Rotkreuz-Gesellschaften geht der Suchantrag nach den Rahimis.

 

„Innerhalb weniger Tage konnten wir das Ehepaar Rahimi und den kleinen Bruder Keyhan in Österreich ausfindig machen. Wir waren glücklich, als der Kontakt hergestellt und Kinder und Eltern am Telefon miteinander sprechen konnten“, erzählt Claire Schocher-Döring, Leiterin des Suchdienstes beim Österreichischen Roten Kreuz. Knapp zwei Monate später ist die Familie in Österreich wieder vereint. Das Glück des Wiedersehens ist nicht in Worte zu fassen. Am Ende unseres Gesprächs sagt Shakila: „Ich möchte allen Menschen danken, die geholfen haben, dass meine Kinder wieder bei mir sind.“ In diesen Worten und der Art, wie sie ihren Blick zu Boden richtet, kann man erahnen, welch unvorstellbare Qual es ist, nicht zu wissen, wo die eigenen Kinder sind und wie es ihnen geht.

„Das Nicht-Wissen über den Verbleib der Liebsten ist eine große Last. Der Suchdienst des Roten Kreuzes hilft überall auf der Welt, Menschen Gewissheit zu geben“, so Schocher-Döring.

 

Weltweit gelten mehr als zwei Millionen Menschen als verschwunden. Seit 1966 wurden aus 84 Ländern Fälle von systematisch betriebenem „Verschwinden lassen“ gemeldet. Unter „Verschwinden“ versteht man die unbegründete Festnahme von Menschen durch staatliche Organe oder bewaffnete Kämpfer.

 

Das Österreichische Rote Kreuz bearbeitet jährlich mehr als 500 Suchfälle. Viele dieser Anfragen werden von Flüchtlingen gestellt, die aus Konfliktgebieten stammen und ihre Kinder oder Eltern suchen.