09.09.2011

Amber-Med gewinnt "Best Start 2011"

Die Bank Austria stellt dem Siegerprojekt der Ausschreibung des Bank Austria Förderpreises „Best Start 2011“ Mittel und Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung.

Die Entscheidung ist gefallen und der diesjährige Sieger des Förderpreises "Best Start" der Bank Austria heißt Amber-Med. In einer letztlich klaren Entscheidung setzte sich das Kooperationsprojekt von Diakonie und Rotem Kreuz vor den Projekten "Schottenhof" und "Sterntalerhof" durch.

 
Amber-Med

Über 100.000 Frauen, Männer und Kinder in Österreich sind nicht krankenversichert. Amber-Med bietet diesen  Menschen ambulante medizinische Behandlung mit Medikamentenhilfe und sozialer Beratung an. Die Hilfe erfolgt anonym und unbürokratisch und steht allen Menschen, die krank sind oder körperliche Beschwerden haben, zur Verfügung.

 

Interview mit der Leiterin von Amber-Med, Carina Spak

Das Interview erschien auf der Bank-Austria-Förderpreis-Seite. Vielen Dank für die Genehmigung, es hier ebenfalls zu veröffentlichen.

Frau Spak, zunächst einmal herzliche Gratulation zum Gewinn des Bank Austria Förderpreises „Best Start“.
Können Sie uns in wenigen Sätzen sagen, was Amber-Med ist?

 

Carina Spak: Amber-Med ist eine Einrichtung, die Menschen ohne Versicherungsschutz kostenfreie ambulant medizinische Versorgung mit Medikamentenhilfe und sozialer Beratung anbietet. Das Besondere an Amber-Med ist, dass wir das Angebot ausschließlich über ehrenamtliche ÄrztInnen, OrdinationsassistentInnen, Psycho- und PhysiotherapeutInnen und DolmetscherInnen sicherstellen. Externe KooperationspartnerInnen wie Labors, Institute und FachärztInnen stellen Ihre Leistungen ebenfalls kostenfrei zur Verfügung.
Amber-Med ist ein Gemeinschaftsprojekt der Diakonie Flüchtlingsdienst in enger Kooperation mit dem Österreichischen Roten Kreuz.

Mit der Diakonie und dem Roten Kreuz haben Sie sozusagen zwei Trägerorganisationen. Wie funktioniert die Aufgabenverteilung?

Spak: Amber-Med wurde im Jahr 2004 unter dem Namen Amber – Ambulant Medizinsche Beratung gegründet und seit 2006 als Amber-Med gemeinsam mit dem Medikamentendepot des Österreichischen Roten Kreuzes als Kooperationsprojekt weiter geführt.
Somit ist der Diakonie Flüchtlingsdienst für das Personal inklusive der Betreuung der ca. 50 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, die soziale Beratung und die Projektentwicklung verantwortlich. Das Österreichische Rote Kreuz organisiert die dringend benötigten Medikamente für die PatientInnen und stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung.

Worin lagen in der Vergangenheit die Schwerpunkte und was wollen Sie in Zukunft noch weiter ausbauen?

Spak: Seit der Gründung von Amber-Med ist es uns ein Anliegen, unversicherten Menschen eine medizinische Grundversorgung sicher zu stellen. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings herausgestellt, dass das Grundrecht auf medizinische Versorgung weitergefasst werden muss: heute betreuen wir auch chronisch kranke Menschen wie DiabetikerInnen und PatientInnen mit Bluthochdruck. Wo es nötig ist, unterstützen wir auch mit Physiotherapie und psychologische sowie psychotherapeutische Krisenintervention und begleiten Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder.
Mehr und mehr arbeiten wir im Bereich der physischen und psychischen Gesundheitsvorsorge.
Für unversicherte Menschen ist es besonders wichtig, gesund zu bleiben und gar nicht erst krank zu werden!

Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen der Gewinn des Förderpreises der Bank Austria?

Spak: Mit dem Gewinn des Förderpreises der Bank Austria ergeben sich für die PatientInnen von Amber-Med weitreichende Möglichkeiten:
Geplant ist der weitere Ausbau der Gesundheitsbetreuung für Schwangeren, Säuglinge und Kleinkinder.
Gerade unsere jungen PatientInnen sind durch die instabile Lebenssituation ihrer Eltern oft sehr belastet. Es ist hier außerdem sehr wichtig, medizinische Vorsorge zu leisten, weil eine Korrektur von Fehlentwicklungen  bei Augen, Gehör, Zähnen und Stützapparat entscheidend für die weitere Entwicklung ist. Dank des Förderpreises können wir nun auch hier therapeutische Maßnahmen anbieten.
Die Verleihung des Preises ermöglicht Amber-Med eine breite Plattform um neue ehrenamtliche MitarbeiterInnen anzusprechen und zu gewinnen.
Nicht zuletzt kommt der Preis der Bank Austria allen unversicherten Menschen zu Gute, da wir durch die Verleihung eine breite Öffentlichkeit erreichen.

Wie viele ÄrztInnen arbeiten im Moment  unentgeltlich für Amber-Med?

Spak: Derzeit arbeiten 29 ehrenamtliche ÄrztInnen, 6 OrdinationsassistentInnen, 11 PsychotherapeutInnen, 1 Physiotherapeutin und 10 DolmetschererInnen. 73 KooperationspartnerInnen – FachärztInnen, Institute und Labors – runden das Angebot ab.

 
Auf wessen Initiative wurde Amber-Med gegründet?

Spak: Gegründet wurde Amber aufgrund einer Initiative eines Mitarbeiters der Diakonie, der privat einige ÄrztInnen kannte. Die Not der AsylwerberInnen vor Einführung der Grundversorgung war sehr groß, neben der Bereitstellung von Notquartieren wurde im Jahr 2004 Amber-Med gegründet. Mit den Jahren veränderte sich dann die Zielgruppe: Mittlerweile sind nur mehr etwa die Hälfte der PatientInnen AsylwerberInnen, die nicht mehr über Grundversorgung krankenversichert sind. Die andere Hälfte sind vorwiegend MigrantInnen, aber auch EU-BürgerInnen und ÖsterreicherInnen.

Wie schätzen Sie die Situation ein: wird der Bedarf an unentgeltlichen ärztlicher Hilfestellung in Zukunft noch weiter steigen?

Spak: Der Bedarf an unentgeltlicher medizinischer Hilfestellung ist derzeit bereits höher als wir mit unseren Mitteln abdecken können. Menschen in unsicheren Lebenssituationen und mit interkulturellem Hintergrund brauchen aufgrund der Sprachbarrieren und der Lebensgeschichten viel Zeit und umfassende medizinische Begleitung.
Je mehr ehrenamtliche MitarbeiterInnen wir im Team haben, umso besser können wir helfen.
Es gibt zunehmend armutsgefährdete Familien, die zwar versichert sind, aber sich die oft teuren Selbstbehalte für begleitende Therapien nicht leisten können. Auch hier sehen wir zusätzlichen Handlungsbedarf für die Zukunft.

Ist es schwierig, Ärzte zu finden, die sich bei Amber-Med engagieren?
 

Spak: Es ist leider nicht leicht, ÄrztInnen zu finden, die sich ehrenamtlich engagieren möchten oder aufgrund ihrer zeitlichen Ressourcen können. MedizinerInnen ohne abgeschlossenen Turnus dürfen noch nicht eigenständig praktizieren. Junge ÄrztInnen sind oftmals mit dem Aufbau einer eigenen Praxis sehr ausgefüllt, bereits etablierte MedizinerInnen engagieren sich am häufigsten für Amber-Med.
Und wir können immer mehr ÄrztInnen gewinnen, die in Pension sind und den Anschluss an ihren Beruf, der ja für viele eine Berufung ist, nicht verlieren möchten.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft.

Spak: Wir denken, es ist eine Illusion, sich zu wünschen, dass alle Menschen in Österreich einen Versicherungsschutz haben. So engmaschig das soziale Netz auch ist, immer wird es Menschen geben, die zumindest vorübergehend unserer Hilfe bedürfen. In vielen europäischen Ländern gibt es Einrichtungen wie Amber-Med, die von öffentlicher Hand finanziert werden.
Unser Wunsch wäre daher, dass die öffentliche Hand die Verantwortung für Menschen ohne Versicherung wahrnimmt und Einrichtungen wie Amber-Med nachhaltig finanziert. Bis es soweit ist, sind wir als zivilgesellschaftliche Einrichtung auf Spenden angewiesen und auf Preise wie jenen der Bank Austria „Best Start 2011“.

 
Welche Möglichkeiten gibt es, sich als Privater ehrenamtlich bei Amber-Med zu engagieren, auch wenn man kein Arzt ist?

Spak: Es gibt vielfältige Möglichkeiten des Engagements bei Amber-Med: Wir benötigen OrdinationsassistentInnen, TherapeutInnen, DolmetscherInnen und MitarbeiterInnen im Bereich der Organisation und Verwaltung. Zum Beispiel organisieren wir in der Adventzeit einen Punschstand. Für diesen können wir jede helfende Hand brauchen. Wir planen außerdem weitere Veranstaltungen um bekannter zu werden und um Spenden zu lukrieren..
Es gibt also viele Betätigungsfelder bei Amber-Med, sei es durch tatkräftige Unterstützung, Expertise oder/und Vernetzung zu KooperationspartnerInnen.

Gibt es noch etwas, was Ihnen ein besonderes Anliegen ist und Sie unseren Internet-UserInnen  und LeserInnen sagen möchten?

Spak: Wir möchten uns herzlich für die große Unterstützung zugunsten von Amber-Med und vor allem zugunsten unserer unversicherten PatientInnen bedanken. Wir waren sehr positiv überrascht, dass so viele unsere Arbeit und somit unsere PatientInnen mit Ihrer Stimme unterstützt haben.
Wir werden Sie in Ihrem Vertrauen in unsere Arbeit nicht enttäuschen und die Chancen, die die Verleihung des Preises des Bank Austria Förderpreis „Best Start 2011“ bietet, nützen.