Handbuch für Notfall- und Rettungssanitäter: Buchrezension und Interview
„Das Handbuch für Notfall- und Rettungssanitäter ist das erste und einzige deutschsprachige Lehr-, Lern- und Nachschlagewerk mit praxis- und anwendungsorientierter Strukturierung nach primären Patientensymptomen am Notfallort“ – so der Verlag zur zweiten Auflage des Handbuchs. Wir haben mit zwei der Herausgeber, Wolfgang Schreiber und Christoph Redelsteiner, gesprochen und nachgefragt.
Was sind die Highlights in der zweiten Auflage dieses Buches, was sind die Unterschiede zur ersten Auflage?
Wolfgang Schreiber: Die zweite Auflage ist eine überarbeitete, den aktuellen Leitlinien bzw. Entwicklungen der Medizin/Wissenschaft angepasste Version der ersten Auflage. Als Highlight erscheint mir weiterhin die anschauliche, mit vielen realen Beispielen und grafische Aufarbeitung der Themen.
Christoph Redelsteiner: Das ABCDE Schema, von Peter Safar (Österr.US Wiedererfinder der Reanimation) schon vor vielen Jahren eingeführt, hat sich international endgültig durchgesetzt und wurde in allen Kapiteln übernommen. Neben den aktuellsten ERC Standards finden sich auch der „Knochenbohrer“ und der Larynxtubus als wesentliche Innovationen wieder. Mir persönlich ist das Kapitel über palliative Versorgung am wichtigsten, da die Arbeit an der Schnittstelle zwischen einer menschlich gestalteten letzten Lebensphase und der oft aggressiven und technisierten Notfallmedizin eines umfassenden Hintergrundwissens und einer guten Abstimmung braucht um die Würde der Betroffenen im Mittelpunkt zu behalten.
Die Anforderungen und die Ausbildung der Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter haben sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Was sind die drei wichtigsten Veränderungen im Arbeitsumfeld der Notfallsanitäter seit den 1990er-Jahren?
Christoph Redelsteiner: Die Zunahme an Patienten die extrem Übergewichtig sind ist eine wesentliche Veränderung. Hier haben wir noch Entwicklungs- und Handlungsbedarf im Bereich der Logistik. Weiters sind die Zahl an Geräten, insbesondere im Monitoring Bereich gestiegen – das führt zu einem mehr an Messparametern, erhöht die Sicherheit, aber auch die Gefahr die Messwerte und nicht den Patienten zu behandeln. Die Einsatzzahlen steigen ständig, wodurch auch der Leistungsdruck erhöht wird – das hat zunehmend Auswirkungen auf die Gesundheit der MitarbeiterInnen, insbesonder der Älteren.
Wolfgang Schreiber: Die in den Grundzügen strukturierte, vom Gesetzgeber vorgegebene NFS-Ausbildung gibt es seit 2002 in unveränderter Form. Die tatsächliche NFS-Ausbildung ist österreichweit durchaus inhomogen, wobei man sich aktuell - zumindest innerhalb des Roten Kreuzes - um eine Harmonisierung bemüht. Das Arbeitsumfeld hat sich weniger inhaltlich verändert (die Krankheiten bzw. Verletzungen von heute sind nicht wesentlich unterschiedlich im Vergleich zu 2000), gestiegen ist aber sicherlich die Erwartungshaltung und Begehrlichkeit der Bevölkerung.
Nicht nur die Anforderungen haben sich verändert, sondern auch die Einsatzindikationen. Warum hat sich der Fokus deutlich weg vom Unfall jedweder Ursache hin zu internistischen und neurologischen Notfällen verändert?
Wolfgang Schreiber: Einerseits werden die Fahrzeuge, die Sportausrüstungen sicherer, andererseits wird unsere Bevölkerung älter.
Christoph Redelsteiner: Im Bereich der Verkehrsunfälle zeigen die Herabsetzung der Promillegrenze in Bezug auf Alkohol und die technischen Verbesserungen wie Airbags, Seitenairbags eine deutliche Verbesserung bei der Zahl der Toten und schwer Verletzten. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen nun ins „reifere“ Alter – in Kombination mit der Erhöhung der Lebenserwartung führt das zu mehr Einsätzen. Verstärkt wird das in manchen Regionen weil zu wenig auf niedergelassene Ärzte als erste Versorgungswelle zurückgegriffen wird oder werden kann.
Warum sollte man dieses Buch für die Ausbildung heranziehen?
Wolfgang Schreiber: Es vermittelt - im Sinne eines Nachschlagewerkes - eine umfassende, praxisorientierte Grundlage für die Ausbildungsinhalte des Notfallsanitäters.
Christoph Redelsteiner: Das Buch ist so aufgebaut dass es ohne medizinischem Vorwissen gelesen und bearbeitet werden kann. Jedes Fremdwort ist in der Randspalte erklärt. Die in Fotos von einem Medizinillustrator hineingemalten Grafiken geben einen „tiefen“ unblutigen Einblick in Anatomie und Positionen von Sonden oder Tuben. Die Gliederung über Leitsymptome wie Brustschmerzen, Bauchschmerzen ist auch ein offener Zugang – Patienten haben beim Erstkontakt kein Mascherl wie „Neurologisch“, „Chirurgisch“ oder „Internistisch“. Hier haben wir einen Zugang geschaffen der ausgehend vom Leitsymptom zu einer strukturierten Untersuchung und Behandlung von PatientInnen führt.
Gibt es Aspekte der Notfallmedizin, die hier nicht abgedeckt wurden?
Christoph Redelsteiner: Der aktuelle Stand ist sicher sehr gut abgebildet, auch Besonderheiten bei Kindernotfällen werden dargestellt. Wünschenswert wären eine stärkere Betonung der unterschiedlichen Ausprägungen und Schwergrade von Symptomen die sich aufgrund des Geschlechts und des höheren Alters bei Notfällen ergeben – dafür fehlen oft noch die Grundlagen aus der innerklinischen Forschung.
Welche Literatur sollte man zusätzlich ins Auge fassen?
Wolfgang Schreiber: Andere ähnliche Werke sind: Gorgaß, Hansak. Ich glaube aber, dass es reicht sich neben Arbeitsunterlagen von den Ausbildungsstrukturen für ein Buch zu entscheiden. Wichtig erschiene mir um über längere Zeiträume up to date zu sein, regelmäßig Fachjournale zu lesen (Rettungsdienst, Notfall+Rettungsmedizin, ...)
Christoph Redelsteiner: Am Wichtigsten ist das regelmäßige Lesen von Fachzeitschriften – hier werden aktuelle Entwicklungen und besondere Einsätze rasch publiziert: Notfall & Rettungsmedizin, Rettungsdienst oder RettungsMagazin, für Englischfans ist das Journal of Emergency Medical Services (JEMS) ein guter Tipp.
Die Interviewpartner
Ao. Univ.Prof. Dr. Wolfgang Schreiber ist Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Er ist Oberarzt der Universitätsklinik für Notfallmedizin am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und ao. Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Wien. Zu seinen wichtigsten Aufgaben im Roten Kreuz zählen die permanente Überprüfung und Anpassung der Lehrmeinung, der Inhalte und Kursformen für die „Erste Hilfe“ und die „Sanitätshilfe“. In einer regelmäßige Kolumne „Sprechstunde mit …“ auf der Gesundheitsseite im Rotkreuz-Portal bespricht er medizinische Themen.
Mag. (FH) PhDr. Christoph Redelsteiner, MSc, ist fachlicher Leiter des Studiums Rettungsdienstmanagement an der Donauuniversität in Krems und Dozent an der Fachhochschule in St. Pölten. Er ist seit vielen Jahren im Rettungsdienst als Sanitäter tätig und ist Notfallsanitäter mit besonderer Notkompetenz endotracheale Intubation (NKI).

