Endlich kommen wir Alten dran!

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Im Jahr der Freiwilligen nehmen vier Vorarlberger Senioren im Rahmen des EU-Projekts „Lebenslanges Lernen“ an einem Austauschprogramm mit schwedischen Rotkreuz-Kollegen teil.
Franz Reinbacher bezieht das Bett neu. Er macht das nicht im eigenen Haushalt, sondern hilft der 86-jährigen Frau Hämmerle. „Die Matratzen sind schwer, die kann sie allein nicht mehr heben“, sagt der 61-jährige Pensionist. Frau Hämmerle freut sich immer, wenn sie Besuch bekommt. „Vor Weihnachten war ich krank, und da hat mir der Franz den Schnee in der Einfahrt weggeschaufelt. Einen guten Geist braucht man eben, und der Franz ist meiner!“, strahlt die Vorarlbergerin.
Zweimal pro Woche besucht der freiwillige Rotkreuz-Mitarbeiter seine Klientin – und das seit nunmehr sechs Jahren. Im Rahmen des Rotkreuz-Besuchsdienstes hört er sich ihre Sorgen an, geht mit ihr einkaufen, hilft im Haushalt oder spielt mit ihr Karten.

Franz Reinbacher ist einer der wenigen Männer im 150 Personen starken Team der Gesundheits- und Sozialen Dienste des Roten Kreuzes Lustenau, das ausschließlich aus freiwilligen Mitarbeitern besteht. Deshalb wird er auch liebevoll „Schwester Franz“ gerufen. „Ich trage meinen Spitznamen mit Stolz“, erklärt er mit einem Lachen. „Für mich ist das eine Auszeichnung.“ Als Freiwilliger engagiert sich Herr Reinbacher beim Roten Kreuz bereits seit 1969, begonnen hat er im Rettungs- und Krankentransport. „Zu der Zeit hatten wir in Lustenau noch nicht einmal ein eigenes Rettungsauto, sondern mussten in Dornbirn Dienst machen. Ich wollte mir das eigentlich nur ein halbes Jahr lang ansehen, und jetzt bin ich immer noch dabei“, erinnert sich das „Rotkreuz-Urgestein“.

Lebenslanges Lernen
„Viel ist passiert in den vergan­genen Jahren“, weiß auch seine Rotkreuz-Kollegin Marinka Baur zu berichten. „Vor allem in der Ausbildung hat es wohl die größten Veränderungen gegeben. Es wird heute erwartet, dass man sich permanent weiterbildet. Da wird einem viel abverlangt“, berichtet die „Vollzeit-Freiwillige“, die pro Woche inklusive aller Kurse, die sie belegt, gut und gerne
auf 35 freiwillige Arbeitsstunden kommt. Da braucht es Verständnis seitens der Familie. In Marinkas Fall ist das kein Problem. „Wir sind ein bisschen eine ‚sozial verseuchte‘ Familie – mein Mann ist Präsident der Wasserrettung.“
Begonnen hat ihre Rotkreuz-Karriere bei den mobilen Hilfsdiensten, „nach zwei Jahren habe ich die Rettungssanitäter-Prüfung gemacht, und vor zehn Jahren bin ich dem Kriseninterventionsteam beigetreten. Ich habe schon ein ganzes Bücherregal voll mit Kurs- und Unterrichtsmaterialien“, erzählt die 59-Jährige.

Austauschprogramm
Aber genug vom Lernen haben die beiden Rotkreuz-Freiwilligen deshalb noch lange nicht, wie sie sagen. Vor wenigen Monaten erst wurden sie für ein EU-Projekt mit dem Titel „Freiwillige Senioren in sozialen Diensten“ ausgewählt. Im Rahmen dieses Projektes werden sie mit zwei weiteren Rotkreuz-Freiwilligen aus Lustenau drei Wochen lang das Rote Kreuz Skövde in Schweden besuchen. Schon im Mai kommen die Kollegen aus Schwe­­den nach Vor­arl­berg. Ziel des Austauschpro­gramms ist es, die jeweilige Partnerorganisation und de­r­en Arbeit kennenzulernen. Jeden Tag wird man schwedische Rot­kreuz-Ein­rich­tun­gen besuchen. Dabei int­er­essiert die vier Lus­tenauer besonders:

  • Welche Gesundheitsförderungsprojekte für ältere Menschen bietet das Schwedische Rote Kreuz in Skövde an?
  • Wie werden freiwillige Mitarbeiter mit Migrations­hintergrund langfristig integriert? (Anm.: In Lustenau haben 25 Prozent der Bevölkerung einen Migra­tionshin­tergrund.)
  • Wie sieht das Freiwilligenmanagement beim Schwedischen Roten Kreuz aus?

 
Englischkurs
Um auch alles verstehen zu können, besuchen die vier Senioren nun einen Englischkurs. „Das Sprachniveau ist sehr unterschied­lich, aber alle sind mit Begeisterung bei der Sache“, erzählt Projektkoordinatorin Sonja Kamper. „Es geht nicht darum, in ein paar Wochen perfekt Englisch sprechen zu können. Die vier sollen sich aber selbst vorstellen und den Ausführungen der schwedischen Kollegen folgen können.“

Bleibt die Frage, warum ein solches Projekt gerade für Mitarbeiter, die 50 Jahre oder älter sind, konzipiert ist? „Wer sonst bringt so viel Erfahrung mit? Die ausgewählten Freiwilligen haben in allen unseren Leistungsberei­chen gearbeitet und kennen das Rote Kreuz in- und auswendig. Eine bessere Wahl hätten wir nicht treffen können“, ist Kamper überzeugt. Die vier freuen sich über das in sie gesetzte Vertrauen und können die Reise nach Schweden kaum mehr erwarten. „Endlich kommen auch wir Alten mal dran“, strahlen alle.

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