03.07.2017 12:14

Vom Bau zur Pflege: neue Jobs für Migranten

Dank „migrants care“ ist Morris Noru ausgebildeter Pflegeassistent.

Vom Bau zur Pflege: neue Jobs für Migranten
Der 34-jährige Pflegeassistent hat sein nächstes Ziel

Morris Noru ist beliebt. Die Patienten im Wiener Franziskus-Spital freuen sich, wenn der Nigerianer zu ihnen ans Bett kommt. Sein Lachen verbreitet gute Laune. "Die Arbeit macht Spaß", sagt er nach Blutdruckmessen und Verbandswechsel. "Und ich freue mich, dass ich einen krisensicheren Job gefunden habe. Als Pflegeassistent kann ich überall arbeiten."

Der 34-Jährige kam 2006 nach Österreich und studierte zunächst an der Wirtschaftsuniversität, weil der Bachelor-Abschluss aus seiner Heimat nicht anerkannt wurde. Doch die Umstellung, die Bürokratie und der Geldmangel machten ihm zu schaffen. Also schlug er sich als Müllmann, Koch und Bauarbeiter durch, bis er auf "migrants care" aufmerksam wurde.

Konkretes Integrationsprojekt

Seit 2012 bieten die Träger der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG), also Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe, Kurse für Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache an, um sie für eine Ausbildung im Pflegebereich fit zu machen - praxisbezogen und im Einklang mit dem Bestreben des Roten Kreuzes, nicht nur über Integration zu sprechen, sondern konkret etwas zu tun.

Ein Kurs dauert 12 Wochen. Auf dem Lehrplan stehen Deutschkurse, Infos zu den Rahmenbedingungen und zum Berufsbild, ein Schnupperpraktikum und ein Bewerbungs- und Antidiskriminierungstraining. Die Bilanz nach fünf Jahren kann sich sehen lassen und könnte als Schablone für weitere Integrationsinitiativen im Gesundheitsbereich dienen. In der Steiermark wurden bisher zwei Kurse abgehalten. In Wien sind in 13 Kursen 224 Personen qualifiziert worden. Davon hatten Ende 2016 bereits 81 einen Dienstvertrag in der Tasche: Das ist eine Erfolgsquote von 36 Prozent. "Aus unserer Sicht ein schöner Erfolg, der zeigt, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen", sagt der derzeitige BAG-Vorsitzende Michael Opriesnig, zugleich stellvertretender Generalsekretär des Roten Kreuzes.

Die Wiener Kursteilnehmer 2016 kamen aus 17 verschiedenen Herkunftsländern. Die Hälfte davon waren Asylberechtigte, die sich in der Regel besonders schwertun, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Asylberechtigte sind Nettozahler

Dass es sich auszahlt, in deren Ausbildung zu investieren, zeigt eine Studie von Joanneum Research, die von Caritas und Rotem Kreuz initiiert wurde. Die Analyse der Erwerbskarrieren von Asylberechtigten von 2002 bis 2015 ergab nämlich, dass sie mehr zur Volkswirtschaft beitragen, als sie den Sozialstaat kosten. In einem Zeitraum von zehn Jahren ist die Summe der bezahlten Steuern pro Person im Durchschnitt um 3.050 Euro höher als die Summe der erhaltenen Transferzahlungen - und das, obwohl Asylberechtigte mit höheren Barrieren auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben und stärker als Österreicher von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Offen und lebensfroh


Morris Noru schloss den "migrants care"-Kurs 2013 ab, machte eine Ausbildung zum Pflegehelfer und fing danach im Franziskus-Spital zu arbeiten an. "Wir sind froh, dass wir ihn haben", sagt Stationsleiterin Laura Klammer. "In der Pflege kommt es auch darauf an, wie man auf den anderen zugeht - und Morris ist ein sehr offener, empathischer und lebensfroher Mensch." Dem gemeinnützigen Ordensspital sei es ein Anliegen, möglichst viele Nationalitäten und Kulturen im Team zu haben. "Wir ergänzen uns ausgezeichnet und können so gut auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen, unter denen heutzutage eine große kulturelle Vielfalt herrscht."

Halt und Identität


Nur einmal hat Noru Rassismus erlebt, erzählt er. Eine Patientin hatte von Anfang an unzufrieden gewirkt. Als sie erneut nach einer Pflegekraft klingelte und wieder Morris Noru in der Tür stand, wurde sie wütend. "Wir sind hier ja nicht in Afrika", schimpfte sie und verlangte einen anderen Pfleger. Doch in der Regel wird Noru geschätzt und respektiert. Sein Job verleiht ihm Halt und Identität. Man müsse von Beginn an richtig auftreten, sagt er mit leichtem Wiener Zungenschlag. "Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es zurück." Mit der richtigen Unterstützung hat Noru sein Leben neu geordnet und auch schon das nächste Ziel vor Augen: die Ausbildung zum Diplompfleger.

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