Wohnungslosenhilfe: Zusammen ist man weniger alleine

Manchmal will es das Schicksal, dass zwei zueinander finden. Auch wenn es nicht zwei Menschen sind, sondern Mensch und Tier. Da wir wissen, wie wichtig Stabilität und Zuwendung sind, ist es uns ein Herzensanliegen auch unseren KlientInnen in der Wohnungslosenhilfe eine Verbindung zu ihren liebgewonnenen Tieren zu ermöglichen.

Hürden und Stolpersteine

Einfacher wird die Wohnungslosigkeit durch Tiere nicht: Nur wenige Einrichtungen in Wien öffnen ihre Türen für die liebgewonnenen Begleiter, oftmals wird Betroffenen der Zugang zu Unterkünften verwehrt. Das Haus Hermes des Wiener Roten Kreuzes war die erste Notschlafstelle in Wien, die wohnungslosen Menschen mit Hunden aufnahm. „Hunde sind eine sehr große Herausforderung, vor allem im niederschwelligen Bereich. Es kommen nur noch bestimmte Notschlafstellen in Frage, was wohnungslose Menschen in ihren Möglichkeiten stark eingrenzt. Deshalb bieten wir ein ganzjähriges, niederschwelliges Angebot für KlientInnen an, die bereits vor der Wohnungslosigkeit Hunde hatten“, unterstreicht Georg Prack, stellvertretender Leiter des Haus Hermes. Auch das Haus Henriette, ein Sozial betreutes Wohnhaus für Menschen ohne festen Wohnsitz, will einen sehr niederschwelligen Zugang anbieten: Die KlientInnen sind in der Lage, auch während ihrer Zeit der Wohnungslosigkeit die Verantwortung für neue Wegbegleiter zu übernehmen.

Neugewonnenes Vertrauen

Dass viele wohnungslose Menschen vor diesen Hürden nicht zurückschrecken und die Verantwortung für ein anderes Lebewesen übernehmen, zeigt, wie wichtig die vier- und mehrbeinigen Begleiter für sie sind. „Das Leben von wohnungslosen Menschen ist geprägt von ständiger Veränderung und Unsicherheit. Oft ist ihr Haustier die einzige Konstante, der Rettungsanker der Stabilität gibt, der gute Freund, der immer zu ihnen hält“, erklärt Bernhard Pillitsch, stellvertretender Leiter der Wohnungslosenhilfe des Wiener Roten Kreuzes.

Oft leben Betroffene zurückgezogen, durch die tierischen Begleiter entwickeln sie jedoch wieder ein familiäres Gefühl. Die Tiere sind für sie Familienmitglieder und Freunde, sie vermitteln ihnen ein Gefühl der Vertrautheit und Stabilität. „Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen, hatte nie Freunde. Jackson ist für mich wie ein bester Freund, wie ein Kumpel“, antwortet Gerhard R. auf die Frage, welchen Stellenwert sein Hund für ihn hat. Die KlientInnen vertrauen ihren Tieren und die Tiere vertrauen ihnen – ein zwischenmenschliches Verhältnis, das Sicherheit schafft.

Gut fürs Sozialleben

Wenn es uns gut geht, merken das andere – und das wirkt sich positiv auf das Sozialleben aus. Über Tiere bauen sich Kontakte bekanntlich schnell auf: Mag es in der Einrichtung, auf der Straße oder in der Hundezone sein. Diese Erfahrung machte auch Wolfgang W.: „Durch Kira komme ich schnell mit allen möglichen Menschen ins Gespräch und schließe schnell Freundschaften. Auch hier im Haus lieben sie alle – sogar die Betreuer. Man kann ihr einfach nicht wiederstehen.“

Okay A. und Silly (Haus Hermes)

„Wegen Silly bin ich zuhause ausgezogen. Meine Mutter ist strenge Muslimin, da dürfen keine Hunde im Haus sein. Ich habe jedoch keine Minute überlegt, Silly herzugeben. Sie schenkt mir Stabilität und Vertrauen.“

Gerhard R. und Jackson (Haus Henriette)

„Jackson war der Hund meiner Lebensgefährtin. Als sie starb, habe ich Jackson zu mir genommen. Zu diesem Zeitpunkt ging es uns beiden nicht gut – er hatte Trennungsängste und ich hatte ein Tief. Wir haben uns gegenseitig aufgefangen. Heute zahle ich dem Augustinverkäufer immer zwei Euro, damit der auf ihn aufpasst, während ich einkaufen gehe – aus der Angst, dass ihn mir jemand wegnimmt.“

Wolfgang W. und Kira (Haus Hermes)

„Ich wollte mir mein nächstes Tier selbst aussuchen, am liebsten wäre mir ein sibirischer Wolfshund gewesen. Dann verstarb das damalige Frauchen von Kira und sie ist mir quasi in den Schoß gefallen. Da wusste ich gleich: Ich nehme sie mit und gebe sie nicht mehr her.“

Hans-Georg R. und Tina (Haus Hermes)

„Sie lenkt mich ab – wenn ich etwas mit ihr unternehme, rattert mein Kopf nicht andauernd. Tina bringt mich dazu, viel hinauszugehen – sie ist eine Wasserratte, weshalb wir oft schwimmen gehen. Dabei bringt sie mich oft zum Lachen, zum Beispiel wenn sie tauchen geht und mir etwas Glitzerndes bringt.“

Josef H. und Susi (Vogelspinne – Haus Henriette)

„Ich bin Terrianer – ein Mensch, der Tiere gerne hat, die nicht jedermanns Geschmack sind. Vor allem Spinnen haben mich schon immer fasziniert. Jetzt habe ich sie schon einige Monate und es ist einfach ein schönes Hobby: Sie vertraut mir und ich vertraue ihr. Sogar gehäutet hat sie sich schon. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich: Während sie auf dem Rücken liegen, sind sie vollkommen wehrlos.“

Gottfried J. und Mucki (Katze, Augustinverkäufer – Haus Henriette)

„Früher hatte ich immer große Hunde, aber in einer kleinen Wohnung ist das Tierquälerei. Deshalb habe ich jetzt den Mucki. Er unterstützt mich sogar, wenn ich für den Augustin schreibe. Einmal lief er beim Arbeiten über meine Tastatur und dann dachte ich mir – das kann man doch einbinden. Seitdem schreibt der Mucki die kontroversen Aussagen: Security-Wachmann Mucki bewacht die Tastatur.“

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