Johanna Goldmann - Langjährige Suchdienst Mitarbeiterin

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Jugendlicher Rotkreuz-Spirit 

Der Weg zum Roten Kreuz begann für die heute 37-jährige Wienerin schon in der Schulzeit. Im Gymnasium fragte die Lehrerin, wer Jugendrotkreuz-Schulsprecher werden möchte. Hanni zeigte motiviert auf und rief begeistert: „Ich! Ich!“ – und merkte, dass sie die Einzige war, die sich meldete. So fuhr sie mit sechzehn zu ihrer ersten Jugendrotkreuz-Tagung. Bei Freundschaftscamps, Erste Hilfe-Kursen und Jugendgruppentreffen entfachte das „Rotkreuz-Spirit“ in ihr und sie lernte Freunde kennen, die wie sie selbst heute noch als Freiwillige aktiv sind, wie zum Beispiel ihr Suchdienst-Kollege Dieter Koch. „Ich habe in der Schule Glückwunschkarten verkauft, hab Erste Hilfe-Kurse und Gruppentreffen organisiert und habe bei verschiedensten Integrationsprojekten mitgemacht.“, erzählt Hanni. „Im Prinzip die typische Karriere einer motivierten Rotkreuz-Jugendlichen.“ Sie schmunzelt, wenn sie über ihre ersten Erfahrungen beim Wiener Roten Kreuz berichtet, wenn sie an Übungen in der Kaserne Schwechat, Freiwilligentreffen im Hundsturm, die grauen Uniformen und die Fahrten mit den alten Rotkreuz-Bussen zurückdenkt. „Die kann man sich mittlerweile sicher im Museum anschauen!“, lacht sie. 

 

Die Rettungsschwimmerin von Teneriffa 

Mit achtzehn Jahren machte Hanni die Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Wieder ein sehr typischer Werdegang, denn „Der Rettungsdienst ist Mainstream beim Roten Kreuz.“, meint sie. Der Rettungsdienst war aber nicht das, was Hanni lange machen wollte. „Ich war so Eine, die sich für andere Arbeitsbereiche interessiert hat, später vor allem für das Thema Migration. Also bin ich irgendwann beim Suchdienst gelandet.“ Bevor der Suchdienst Hanni gefunden hat, hat Hanni ihre Liebe in Spanien gefunden. Weil das Medizinstudium doch nicht ihren Vorstellungen entsprach – „Ehrlich gesagt bin ich zu faul für so ein aufwändiges Studium“ – brach Hanni das Studium ab und ging im Rahmen des Projekts „Europäischer Freiwilligendienst“ für ein halbes Jahr als Freiwillige nach Spanien. Auf der Insel Teneriffa arbeitete sie für das Spanische Rote Kreuz im Jugendbereich und als Rettungsschwimmerin. Aus dem halben Jahr wurden aber zwei Jahre, denn Hanni lernte ihren damaligen Freund kennen und blieb in Spanien, um ihn bei der Arbeit im Medienbereich zu unterstützen. „Das hat mir wirklich großen Spaß gemacht. Wir waren ständig bei Dreharbeiten, haben Filme produziert und ich habe viele Leute der spanischen Medienbranche kennengelernt.“, erzählt Hanni. „Trotzdem wollte ich noch etwas anderes machen, wollte studieren.“ So ging Hanni ohne Freund im Gepäck wieder zurück nach Wien und begann Publizistik und Spanisch zu studieren. „Ich dachte mir: Mit Medien kenne ich mich aus, Spanisch kann ich schon, da muss ich nicht viel Neues lernen und kann meine Kenntnisse vertiefen.“ Schon während der Studienzeit fing Johanna hauptberuflich beim Jugendrotkreuz an und unterstützte die Hochwasserhilfe des Rotkreuz-Generalsekretariats in der Wiedner Haupstraße. Dort kam sie 2004 das erste Mal mit dem Bereich „Suchdienst“ in Berührung. 

 

Undercover Reggae-Fan 

Dieter Koch von der Wohnungslosenhilfe stellte den Suchdienst im „Haus Jupiter“, einem ehemaligen Asylwerberheim, vor und erzählte auAllch Hanni, dass es in diesem Bereich viele neue Entwicklungen gebe. Der Suchdienst, der seine Räumlichkeiten im Generalsekretariat und in der Paulanergasse hat, unterstützt Klienten bei der Suche nach ihren Angehörigen und hilft bei der Familienzusammenführung nach Flucht aus der Heimat. Da Hanni gerne mit Menschen arbeitet, die aus verschiedensten Gründen ihre Herkunftsländer verlassen haben, machte sie zunächst ein Praktikum beim Suchdienst, um schließlich nach fünf Jahren Mitarbeit für zwei Jahre die Leitung der Abteilung zu übernehmen. Nebenbei machte sie den Uniabschluss und entschied sich, aufgrund ihrer Doktorarbeit eine berufliche Auszeit zu nehmen. Nach so vielen Jahren im administrativen Arbeitsumfeld, hatte sie das Bedürfnis, zu reisen. „Ich wollte die Welt entdecken!“, sagt sie heute über ihre große Afrika-Reise. So brach sie 2011 zu einer Forschungsreise auf, die sie nach Süd,- Ost,- und Westafrika führte. Ihr Interesse galt der Frage, wie Menschen in ihren Herkunftsländern besser über die Risiken und Gefahren einer Migration informiert werden können. Bereits in Wien knüpfte Hanni deshalb Kontakte zu afrikanischen Migranten. So begab sie sich während der Fußball-WM in die afrikanische Community, ging zu Konzerten und besuchte bekannte Lokale der Migrantenszene. „Ich habe Reggae-Musik und Fußball eigentlich nie besonders gemocht, aber um mit Afrikanern ins Gespräch zu kommen und mit ihnen über ihre Herkunftsländer und Migrationsgründe zu sprechen, wurde ich plötzlich zum großen Fußball- und Reggae-Fan und knüpfte einige Freundschaften.“, lacht Hanni, wenn sie an ihre Reisevorbereitungen zurückdenkt. Ihre Reise führte Johanna nach Südafrika, Mosambik, Tansania, Äthiopien, Gambia und Senegal. Nach freiwilliger Mitarbeit bei einem Projekt der internationalen Hilfe des Roten Kreuzes fuhr sie ohne genaues Ziel durch den Kontinent – ihre erste große Afrikareise. „Die vielen auf ihrer Flucht nach Europa verschwundenen Menschen, die mich während meiner Arbeit im Suchdienst so beschäftigten, waren der Hauptgrund, um mich nach Gambia und in den Senegal zu wagen. Als europäische Frau ist es dort nicht immer einfach, aber ich reiste zum Glück mit Freunden, Afrikanern, die in Österreich und England leben, und hatte ihre volle Unterstützung.“, erzählt Hanni. 

 

Frau Lehrerin Goldmann

Hanni hat viel von Afrika zu erzählen, sie hat zahlreiche Eindrücke gesammelt, viel Neues kennengelernt und hat versucht die Gründe der Menschen zu verstehen, die aus wirtschaftlichen Gründen oft ihr Leben riskieren, um ein besseres Leben zu finden. Hanni erzählt, dass viele Rückkehrer ihre negativen Erfahrungen nicht weitergeben, da das Gefühl des Scheiterns zu groß ist und sie sich zu sehr schämen. Sie merkte während ihrer Reise, wie komplex Migrationsgründe sind, wie vielschichtig die Motive einer Flucht und lernte auch etliche Migranten kennen, die ihre Entscheidung, die Heimat zu verlassen, bereuten. Letztendlich kam Hanni zu dem Schluss, dass man Menschen nicht belehren kann. „Jemand, der aus wirtschaftlichen Gründen seine Heimat verlassen will, lässt sich schwer davon überzeugen, dass das möglicherweise keine so gute Idee ist. Die Träume und die auf den „goldenen Westen“ projizierten Wunschvorstellungen sind einfach zu groß. Die Schilderung der europäischen Flüchtlingsrealität oder der Gefahren auf dem Fluchtweg will niemand glauben oder sie werden verdrängt. Alle fokussieren auf die Erfolgsstories, die es natürlich auch gibt. Sie sehen nur die tollen Häuser, die sich Migranten – etwa in Gambia oder im Senegal – nun bauen können oder die Geschenke, die bei Heimatbesuchen mitgebracht werden. Sie wissen aber nicht, welcher Leidensweg sich oft hinter diesem `Reichtum` verbirgt“, sagt sie resignierend. Denn diese Erkenntnis ist der Grund, warum sie ihre Doktorarbeit auf Eis gelegt hat. 

 

 

 

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Seit einem Jahr ist Hanni nun wieder zurück in Wien und hat aber schon wieder ein neues Projekt am Start: Nachdem sie nun ein Jahr am Wiederaufbau des Freiwilligenteams im Wiener Suchdienst gearbeitet hat, hat sie die Koordination des Bereichs an zwei neue motivierte Freiwillige abgegeben und wird ab Herbst die Ausbildung zur Volksschullehrerin beginnen. „Kinder sind ja ganz spannende Wesen.“, lacht sie. „Durch die Kindercamps, beim Jugendrotkreuz und als Nachhilfe-Lehrerin habe ich gemerkt, dass ich gerne mit Kindern arbeite und dass ich das auch in Zukunft gerne machen will.“ Neben der Ausbildung wird Hanni weiterhin den Suchdienst unterstützen, soweit es ihre Zeit zulässt, denn an Hobbies mangelt es ihr ganz und gar nicht: Klettern, Radfahren, die Ausbildung zur Erste Hilfe-Lehrbeauftragten absolvieren…Johanna steckt voller Energie und steckt ihre Umgebung sofort mit ihrem Humor und ihrer Herzlichkeit an.  Neben diesen ganzen Projekten hat sie ein großes Ziel: Den Suchdienst bekannter machen. Wie oft hat sie sich schon gewundert, wie wenig Rotkreuz-Mitarbeiter wissen, was der Suchdienst macht, dass es so einen Bereich überhaupt gibt. „Einmal hat mich ein Freiwilliger gefragt: Wir haben einen SuchTdienst? Ist das eine Drogenberatungsstelle? Es würde mich wirklich freuen, wenn alle Mitarbeiter unserer Organisation wissen, was für ein toller Bereich der Suchdienst ist.“  Hanni lacht, steigt auf ihren Drahtesel und radelt zurück nach Wien Donaustadt. 

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