„Ich bin eine leidenschaftliche Wienerin“

Sandra Cervik ist frisch gekürte Kammerschauspielerin, Fernsehstar und Konsulin des Wiener Roten Kreuzes. Im Interview erzählt sie über ihr Verhältnis zu Wien, Gänsehaut-Momente des Helfens und was sie an ihrer Arbeit am meisten liebt.

Was ist das Schönste daran, auf einer Bühne zu stehen?

Es ist ein beglückender Moment, in dem du dein Publikum spürst und mit ihm gemeinsam auf eine Reise gehst. Im aktuellen Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ habe ich das Gefühl, das Publikum ist auch deshalb besonders sensibel, weil ich eineinhalb Stunden lang quasi mit ihm alleine bin. Es ist etwas Besonderes zu wissen, dass da unten gerade Menschen sind, die genau jeden einzelnen Moment mit mir teilen, der genau so kein zweites Mal stattfinden wird – was übrigens auch der große Unterschied zum Drehen ist.

 

Apropos Drehen: Was mögen Sie an der Arbeit vor der Kamera?

Du kannst kleiner sein, du kannst mehr zusammenrutschen und musst dich nicht so veröffentlichen, es genügt mitunter die kleinere Geste, die Töne können aufgefangen werden und alles nachbearbeitet werden. Und du hast natürlich die Möglichkeit, wenn dir etwas nicht gelingt, zu sagen: Bitte, können wir das noch mal machen?

 

Verfolgen Sie, was man auf Facebook oder Twitter über Sie schreibt?

Ich habe mich jetzt endlich dazu durchgerungen, auch auf Facebook zu sein, damit ich nicht ganz von vorgestern bin. Aber ich bin dort noch nicht zu Kritik und Rezensionen über meine Person durchgedrungen. Was als Theaterschauspielerin mein täglich Brot ist, ist die Zeitungskritik, also das Feuilleton, das immer nach der Premiere die Meinung kundtut.

 

Im erwähnten Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ von Peter Turrini verwandeln Sie sich in die Hollywood-Ikone Hedy Lamarr. Was verbindet Sie mit der Figur – und worin unterscheiden Sie sich?

Wir unterscheiden uns in vielem. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich kein Weltstar bin, sondern eine ganz erdige Schauspielerin, die ihr ganz normales Leben hier in Wien mit ihrer Familie lebt.

Hedy Lamarr war – und das ist wahrscheinlich auch der Zeit geschuldet – eine dieser weit entrückten Göttinnen, die kaum ein normales Leben führen konnten. Sie war noch in einem Frauenbild gefangen, das auch Thema des Stücks ist – dieses Reduziertwerden auf sieben Sekunden in deinem Leben. Dabei war sie eine blitzg’scheite Frau, die aber in diese Falle getappt ist, sich reduzieren zu lassen. Was mich auf der anderen Seite vermutlich mit ihr verbindet – was zumindest Peter Turrini ihr in den Mund legt: die Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Älterwerden.

Das ist ein spannendes Thema, in dem wir uns nahe sind.

 

Sie wurden im Jänner zur Kammerschauspielerin ernannt und mehrmals für den Nestroy nominiert. Wie ist Ihr Verhältnis zu Auszeichnungen?

Als ich erfahren habe, dass ich Kammerschauspielerin werde, habe ich mir zum ersten Mal überlegt, wie ich zu solchen Auszeichnungen stehe. Und ich musste feststellen, dass der Titel nicht so wesentlich ist wie das, was dahintersteht – die Wertschätzung und das Vertrauen. Es hat mich mit Wärme und auch mit Freude erfüllt, den Titel zu bekommen. Oft wird ja geschimpft über die österreichische Kultur der Titel und Auszeichnungen. Dabei ist es doch unglaublich, in einem Land zu leben, das Auszeichnungen für Künstler bereitstellt. Das ist eine Form der Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die nicht selbstverständlich ist.

Gleichzeitig ist es mit einem gewissen Auftrag oder einer gewissen Verpflichtung verbunden – wie im Falle des Roten Kreuzes.

 

Seit November 2016 sind Sie ja Konsulin des Wiener Rotes Kreuzes. Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle?

Meine ganze Hochachtung gilt diesen vielen ehrenamtlichen Menschen, die sich dort so stark einsetzen und von denen niemand weiß, wer sie sind. Sicher ist die Arbeit auch gleichzeitig der Lohn – dennoch ist es bewundernswert. Mein kleiner Beitrag dazu ist, meinen Namen und – wenn ich darf – meine Stimme öffentlich zur Verfügung zu stellen, um auf die Arbeit dieser Menschen aufmerksam zu machen, präsent zu sein und gerne auch anzupacken, wenn Hilfe – welcher Art auch immer – gebraucht wird.

 

Was verbinden Sie persönlich mit dem Roten Kreuz?

Mein Sohn leistet gerade seinen Zivildienst. Er arbeitet als Sanitäter. Dadurch wurde mir bewusst, wie unglaublich reich das Angebot an Hilfsleistungen ist. An eine Organisation wie das Rote Kreuz kannst du dich in nahezu jeder Notlage wenden. Immer ist jemand da, der dich auffängt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen das genug wertschätzen und ob ihnen bewusst ist, was für ein unglaubliches Geschenk das alles ist: Krankentransporte, Flüchtlingsbetreuung, Altenbetreuung, psychologische Betreuung in allerlei Krisensituationen und noch vieles mehr.

 

An welche Momente des Helfens erinnern Sie sich?

An die große Flüchtlingswelle und die damit einhergehende, plötzlich ausbrechende Solidarität der Menschen,

die dann tatsächlich einfach angepackt haben. Im Theater haben wir einen Verein gegründet, der zwei Flüchtlingsfamilien aufgenommen hat. Das Theater hat für sie zwei Wohnungen bereitgestellt, die über Spenden von Mitarbeitern aus der Josefstadt finanziert wurden. Mittlerweile sind beide Familien gut integriert.

Da hatte ich ab und an schon wirklich Gänsehaut bei dem Gedanken: So schwierig Menschen sein können – es gibt Situationen, die plötzlich das Beste in ihnen zum Vorschein bringen.

 

Erinnern Sie sich an Momente, in denen Ihnen geholfen wurde?

Gott sei Dank war ich persönlich noch nicht in der Situation, große Hilfe zu brauchen. Aber als meine Großmutter – das ist mittlerweile Jahrzehnte her – sehr krank war, ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass es Stellen gibt, an die du dich wenden kannst. 

Stellen, wo meine Großmutter gut betreut wurde, wo ich kein schlechtes Gewissen haben musste, wo sich auch junge Menschen rührend um sie gekümmert und sie umsorgt haben.

 

Sie sind eine echte Wienerin – Sie wurden hier geboren und leben hier. Wie denken Sie über Wien?

Ich bin eine leidenschaftliche Wienerin. Ich mag die Schrulligkeiten, das Stadtbild und das kulturelle Angebot wahnsinnig gern. Und ich mag im Grunde auch die Wiener sehr. Auch die Seltsamkeiten, durch die sich die Lokale, Plätze, Heurigen und Kaffeehäuser auszeichnen – das liebe ich alles sehr. Es gibt aber auch Dinge – und da war ich früher etwas unkritischer, die mir Wien ambivalent erscheinen lassen. Es ist so eine murrige Unwilligkeit zur Veränderung, die die Stadt ein bisschen träge macht: Es wird wahnsinnig lange geredet, was es für Probleme gibt und dass man sie lösen müsste. Aber letztlich bleibt es immer nur bei der Rederei – wobei das vermutlich nicht nur für Wien, sondern für Österreich an sich gilt.

 

Mögen Sie die Sommer in Wien oder fliehen Sie lieber aufs Land?

Ich bin nicht besonders hitzeempfindlich und mag den Wiener Sommer sehr gerne. Ich wohne am Stadtrand im Grünen, in Grinzing – da gibt’s so schöne Orterln und Platzerln. Ich kann aber auch dem Karmelitermarkt im Sommer viel abgewinnen, wo du draußen sitzt, da wurlt’s und da sind alle Arten von Menschen. 

Dieses Multi-Kulti finde ich sehr spannend. Eher schwierig ist für mich die Zeit nach Silvester bis Ende März, wenn alles grau wird und sich eine Art slawische Depression über die Stadt legt. Da spüre ich dann immer leichte Fluchttendenzen! Beruflich und familientechnisch sind wir aber zu dieser Zeit an Wien gebunden.

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