Jeffrey T. Mitchell

Jeffrey T. Mitchell, Paramedic des Rettungsdienstes in Baltimore, war von der Arbeit auf dem Weg nach Hause, als er zu einem Verkehrsunfall zurechtkam. Eigentlich nichts Besonderes für den erfahrenen Retter und Psychologiestudenten. Selbst die tödliche Pfählungsverletzung der Beifahrerin war für ihn noch einigermaßen erträglich. Das die Frau aber im Brautkleid war und auf dem Weg nach Hause von ihrer Hochzeit verstarb, ließ Jeff nicht mehr los. Dass Bild verfolgte ihn bei Tag und bei Nacht, er bemerkte, wie er mit seinem Auto jeweils einen weiten Bogen um die damalige Notfallstelle fuhr und der Anblick einer Auslage mit Hochzeitskleidern war ihm alles andere als angenehm. Nach einigen Monaten erkannte Jeffrey, dass er ein ernstes Problem hatte. Wer konnte ihm helfen? Seine Studienkollegen, ein Professor? Er war doch kein Patient, war nicht verrückt. Jeff suchte erfolgreich Rat und Hilfe bei einem älteren Kollegen, sprach mit ihm über das Ereignis und fand heraus, dass diese Reaktionen häufig nach solchen Ereignissen vorkamen, nur trug jeder der betroffenen Kollegen seine Reaktionen für sich allein.

 

 

Wer keinen Stress hat ist ...?

Wer keinen Stress hat, ist tot, wer aber so wie Kollegen im Rettungsdienst neben dem Alltagsstress gelegentlich mit besonders belastendenden Ereignissen konfrontiert ist, kann unangenehmere Reaktionen auf diese Ereignisse erleben: Von kurzfristigen Reaktionen wie Übelkeit, Erbrechen bis hin zu Schlafstörungen, ständigen Erinnerungen an den Vorfall bis hin zu Erkrankungen und Problemen in Familie oder am Arbeitsplatz reicht die Palette.

 

 

Die dicke Haut

Als Qualifikationsanforderungen für Retter wurden aber vor nicht allzu langer Zeit ausreichende Muskelkraft, gute Fahrkenntnisse und eine dicke Haut definiert. Bis heute ist deshalb unter den Rettungsdienstmitarbeitern der Mythos vom unverletzbaren Helden weit verbreitet. Neben den steigenden berufsspezifischen Belastungen (z.B. zunehmender Straßenverkehr, Diskussionen mit Patienten und Schwestern wegen langer Wartezeiten) gibt es besonders belastende Ereignisse, vor denen niemand geschützt ist: ein Eigenunfall mit Verletzten oder Toten, der Transport einer schwerverletzten nahestehenden Person oder eine erfolglose Reanimation, können diesen Mythos schnell zum Einsturz bringen. Das kann nicht nur Kollegen passieren, die man gemeinhin als "Weicheier" beschmunzelt, auch alte Hasen hat es schon erwischt. Manche glauben fälschlicherweise, ein Zugeben der Belastungen sei als Schwäche anzusehen. Sie wagen es nicht, im kollegialen Kreis über ihre Erlebnisse und Reaktionen zu berichten, ziehen sich zurück, glauben vielleicht nicht ernstgenommen zu werden, oder fürchten auch als "Weichei" zu gelten.

 

 

Normale Reaktionen auf abnormale Dinge

All diese Reaktionen sind völlig normal, es kommt kaum vor, dass jemand auf einen besonderen Vorfall, wie eine erfolglose Säuglingsreanimation oder einen Eigenunfall mit Verletzten oder gar Toten, nicht in irgendeiner Form körperlich-seelisch reagiert. Der gesunde Retter darf normale Reaktionen auf abnormale Ereignisse haben. Wichtig ist aber, durch rasche Verarbeitung des Erlebten, eine langfristige Verschleppung der Reaktionen mit Auswirkung auf Wohlbefinden und Gesundheit zu vermeiden.

Mag. Dr. Cornel Binder-Krieglstein hat in der Studie "Prävention psychosomatischer Belastungen von extramuralem Pflegepersonal und Rettungsdienstmitarbeitern" für den Bereich "Rettungsdienst" folgende spezifische Schwerpunkte ermittelt:

 

  • Je länger im Berufsfeld gearbeitet wird, desto stärker treten körperliche Symptome durch psychische Belastung auf.
  • Müdigkeit, Herzprobleme, Verspannungen, Magenprobleme und Kopfschmerzen findet man hauptsächlich bei hauptberuflichen, am wenigsten bei freiwilligen Mitarbeitern.
  • Je unzureichender das Unterstützungsangebot, desto höher die personelle Fluktuation
  • Je höher die emotionale Erschöpfung, desto geringer die Frustrationstoleranz
  • Problem erkannt – Gefahr gebannt?

 

Das bloße Aufzeigen der einschlägigen Belastungen allein ist erst ein Anfang. Damit diese hohen berufsspezifischen Belastungen, die ein ernstes gesundheitliches Risiko darstellen, gelindert ( nicht weggezaubert ! ) werden können und zu keinen schwerwiegenden psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führen, müssen gezielte stresspräventive Maßnahmen entwickelt werden. Mit Unterstützung der Geschäftsleitung und des RD-Betriebsrates des Wiener Roten Kreuzes ist eine Arbeitsgruppe aus RD-Mitarbeitern, Sicherheitsvertrauenspersonen, QM und Arbeitspsychologen aktiv geworden und hat das Projekt "SvE Peer" begonnen. SvE (= Stressverarbeitung nach besonders belastenden Ereignissen) ist eine aus den USA übernommene Methode, wo sogenannte "Peers" (Peer = englisch für Gleichrangiger, Kollege, Kumpel) ihren Kollegen nach solchen Ereignissen zu Seite stehen. Entwickelt wurde diese Methode, von Dr. Jeffrey T. Mitchell, jenem Paramedic aus der Einleitung, der selbst ein derartiges Ereignis verarbeiten musste. Er ist mittlerweile Professor an der Universität von Maryland und unterrichtet dort SvE (Critical Incident Stress Management = CISM).

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