12.03.2010 10:19

Gastkommentar: Und ob es den Konflikt der Generationen gibt

Warum die Jungen nicht schon längst auf die Barrikaden steigen, ist ein Rätsel.

Gastkommentar: Und ob es den Konflikt der Generationen gibt

Dieser Gastkommentar von Präsident Fredy Mayer erschien in den Salzburger Nachrichten am 12. März 2010

 

Wenn eine Bevölkerungsgruppe besonders einflussreich ist - zum Beispiel, weil sie über eine nicht zu vernachlässigende Größe verfügt -, dann kann sie auf die besondere Zuwendung der Politik zählen. Das sagt einem der Hausverstand, und das ist auch so. Bloß für die Jungen und die Alten soll dieses politische Naturgesetz nicht gelten. So wird es uns jedenfalls in Debatten um die Generationengerechtigkeit erklärt: Den stärksten Effekt im Verhältnis zwischen Jung und Alt hätten nicht die wirtschaftlichen Eigeninteressen der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, sondern die Generationensolidarität. Deshalb sei alles Gerede vom "Krieg der Generationen" nichts als eben nur Gerede. Es handelt sich wohl um einen besonders ausgeprägten Fall kognitiver Dissonanz, dass der Öffentlichkeit gerade jener Beleg völlig entgangen ist, der die Existenz des Generationenkonflikts erstmals empirisch untermauert. Tatsächlich verhält es sich nämlich so: Ältere wünschen sich Reformen des Pensionssystems zulasten der Jüngeren. Dafür befürworten sie Steuererhöhungen, und geben das auch unumwunden zu. Und gleichgültig, ob es um Steuererleichterungen für Eltern, um die Erhöhung des Kindergeldes oder um ein Anheben der öffentlichen Ausgaben für die Kinderbetreuung geht: Je weiter über sechzig die Menschen, desto wütender verwehren sie sich dagegen, dass öffentliche Gelder an Familien und Kindern vergeudet werden. Einen "Verteilungskonflikt zwischen verschiedenen demografischen Gruppen" ortet der Politologe Harald Wilkoszewski vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock in seiner Studie "Sozialpolitische Präferenzen im Altersverlauf". "Generationenkrieg" heißt das im Klartext.

 

Bald werden die Senioren die Mehrheit der Wähler stellen, heißt es. Bei der Politik, die schon jetzt von den Jungen zu den Alten umschichtet, wird sich die Überzeugung verfestigen: Es wäre Selbstmord, Politik auf Kosten der Pensionisten zu machen. Sie sollte sich nicht täuschen.

Denn selbst wenn die Senioren irgendwann die Mehrheit stellen: Die Macht haben sie deshalb nicht. Die liegt nämlich bei den erwerbstätigen Jungen, die Beiträge und Steuern zahlen, und bei jenen, die das nach ihrer Ausbildung bald tun werden. Also bei den Kindern und Enkeln der geburtenstarken Jahrgänge, die ab 2015 in den Ruhestand gehen (schon in fünf Jahren). Diese Jahrgänge haben um ein Drittel weniger Kinder als die heutige Pensionistengeneration - bei gleichzeitig ungleich höheren Pensionsansprüchen. Dass die Enkel die in sie gesetzten Erwartungen hinsichtlich der Pensionszahlungen einlösen werden, geht sich im Umlageverfahren ohne massivste Belastungen schon rein rechnerisch nicht aus. Generationengerechtigkeit wird aus der Perspektive von Jung und Alt deshalb sehr bald mehr brauchen als bloße Klientelpolitik. Sonst drohen soziale Konflikte, die den Krieg der Generationen erst richtig befeuern.

Es verwundert, dass die Jungen im Gegensatz zu den Senioren in diesem Konflikt nicht imstande sind, ihre Interessen zu bündeln, zu artikulieren und durchzusetzen. Noch dazu, weil das Argument, dass ohne Pensionisten keine Wahl mehr zu gewinnen ist, noch für absehbare Zeit auf wackligen Beinen steht. 1,8 Millionen über 60-Jährigen standen 2009 rund 3,5 Millionen 15- bis 44-Jährige gegenüber, deren rosige Zukunft gerade verkauft wird. Warum die nicht längst auf den Barrikaden sind, ist allerdings auch den Wissenschaftern des Max-Planck-Instituts ein Rätsel.

Fredy Mayer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes

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