15.04.2010 11:11

Regionalkonferenz: Stille soziale Katastrophe

Georg Habsburg, Präsident des Ungarischen Roten Kreuzes, fordert neue Hilfsmittel und Werkzeuge, um die sozialen Folgen der Wirtschaftskrise zu mildern.

Regionalkonferenz: Stille soziale Katastrophe

Die Welt erlebt die schwerste ökonomische Krise seit den 1930-er Jahren. Die Krise betrifft reiche Länder in Europa genauso wie ärmere in Afrika. Ihre Auswirkungen auf soziale Organisationen und die humanitäre Arbeit sind vielfältig. Überall auf der Welt steht steigende Bedürftigkeit schrumpfenden Spendeneinnahmen gegenüber. Auch die komplexen Themen Migration und gesellschaftliche Alterung werden von der Wirtschaftskrise beeinflusst.

Der Präsident des Ungarischen Roten Kreuzes, Georg Habsburg, hat sich mit den Auswirkungen der Krise auf die Gesellschaft und die Rotkreuz-Arbeit beschäftigt und den Delegierten der Konferenz einen Überblick über die Situation in Europa verschafft.

„Der wirtschaftliche Niedergang macht Entwicklungen in der Weltwirtschaft sichtbar. Vor der Krise waren die fünf größten Banken der Welt in den USA. Jetzt stehen die vier größten Bankhäuser in China. Dieser Wechsel in wirtschaftlichen Machtverhältnissen wird sich auch auf die Arbeit des Roten Kreuzes auswirken“, sagte Georg Habsburg in seiner Keynote-Rede.

Eine Umfrage unter 49 Rotkreuz-Gesellschaften ergab im Vorjahr, dass die Krise auch neue Gruppen von Bedürftigen geschaffen hat. „Der Mittelstand braucht plötzlich Hilfe. Alleinerziehende Eltern, Jugendliche und vermehrt ältere Menschen zählen zu den verletzlichen Gruppen der Gesellschaft.“

Europa ist ein großer Kontinent mit vielen Unterschieden. Spanien zum Beispiel leide schwer unter der Krise. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt dort 44,5 Prozent. Der Zustrom von Migranten belastet das Land ebenso wie die soziale Bedürftigkeit von älteren Menschen. „Das Spanische Rote Kreuz verteilt täglich Lebensmittel an eine halbe Million Menschen.“

Auch das zentralasiatische Kirgistan hat zu kämpfen: 30 Prozent des Bruttosozialprodukts haben vor der Krise Gastarbeiter im Ausland erwirtschaftet und an ihre Familien nach Hause geschickt. Aufgrund der Krise haben tausende ihre Jobs verloren. Sie kommen zurück und finden auch in Kirgistan keine Arbeit und sind auf Sozialhilfe angewiesen.

„Es muss eine bessere Balance zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft und den sozialen Bedürfnissen geschaffen werden“, forderte Habsburg. „Um die sozialen Konsequenzen der Krise abzufedern wurden keine Millionen zur Verfügung gestellt.“

Die Rotkreuz-Gesellschaften überall in Europa erweitern ihre Hilfsprogramme und ändern ihre Strategien. Die notwendige finanzielle Unterstützung dafür zu bekommen, wird aber laufend schwieriger.

„Wir haben es mit einer stillen, langsam wachsenden Katastrophe zu tun, die auch geographisch nicht einzudämmen ist und sich über alle Grenzen zieht“, beschreibt Habsburg das Phänomen. „Wir als Rotes Kreuz haben noch zuwenig Werkzeuge, um dieser Katastrophe zu begegnen. Bei Naturkatastrophen haben wir Zelte und eine sehr erfahrene und effiziente Maschinerie. Für die soziale Katastrophe fehlen noch die passenden Hilfsmittel.“

„Wir müssen verstehen, was passiert, um die passenden Antworten und Strategien dagegen zu finden. Und wir müssen uns gegenseitig über alle Grenzen hinweg unterstützen“, gab Georg Habsburg mit auf ihren Weg in die Arbeitsgruppen.

Diese Arbeitsgruppen werden bis zum Konferenzende am Freitag zu den drei Schwerpunktthemen der Konferenz Erfahrungen austauschen und praktische Schritte für die Umsetzung erarbeiten.

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