16.08.2011 00:00

Pakistan: Ein Jahr nach der Katastrophe

Normalerweise freuen sich Pakistans Bauern auf die Regenzeit. Nach den trockenen Monaten bewässert der Regen ihre Felder. Wasser bedeutet Leben. Im vorigen Jahr brachte der Monsunregen die Katastrophe – etwa zehn Millionen Menschen verloren durch die Überschwemmungen ihre Lebensgrundlage. Ein Jahr danach setzt die Rotkreuz-Hilfe auf dauerhafte Verbesserungen.

Pakistan: Ein Jahr nach der Katastrophe

Vor einem Jahr stand fast ein Fünftel des Landes unter Wasser, die Fluten zerstörten Häuser und überschwemmten zwei Millionen Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche, die Ernten, oftmals auch der Viehbestand und die Wohnhäuser gingen verloren.


Mit dem Beginn der diesjährigen Regenzeit kommen auch die Ängste wieder. Reshma Bhugio, Mutter von vier Kindern, kämpft mit der Erinnerung an den vergangenen Sommer. Reshma war im achten Monat schwanger, als sie mit ihrer Familie nach Larkana im Norden der Provinz Sindh floh. „Das Hochwasser trieb uns von zuhause fort“, erzählt sie. „Viele Nächte haben wir unter freiem Himmel verbracht, bis endlich Hilfe kam und wir ein Zelt vom Roten Kreuz bekommen haben.“

 

Rückkehr ins Nichts

 

Nach drei Monaten kehrte die Familie in ihr Heimatdorf zurück – und stand vor dem Nichts. „Unser Haus war weg. Vor der Überschwemmung ging es uns gut. Wir hatten Arbeit und konnten unsere Kinder ernähren. Jetzt ist alles schwierig. Ich weine, weil ich meinen Kindern nur einmal am Tag etwas zu essen geben kann, manchmal reicht es nicht einmal dazu.“


Die Zerstörung zieht sich entlang des Indus und dessen Nebenflüssen quer durch Pakistan. Und auch ein Jahr nach der Überschwemmung sind noch Millionen Menschen von Hilfe abhängig. 

 

Der ÖRK-Delegierte Dirk Schrader ist einer von mehr als 55 internationalen Rotkreuz-Helfern, die seit der Katastrophe an der Verbesserung der Lebensbedingungen arbeiten. Sein Tätigkeitsbereich erstreckt sich geographisch über die Provinz Khyber Pakhtunkhwa (KPK) und den pakistanischen Teil Kashmirs im Norden des Landes bis nach Punjab und Sindh im Süden. Inhaltlich geht es um langfristige Wasser- und Gesundheitsprojekte aber auch um Kathastrophen-Vorsorge, die das ÖRK schon seit 2006 in Pakistan fördert.

 

Langfrisitige Verbesserung


„Wasser und Hygiene zählen zu den Kernkompetenzen des Österreichischen Roten Kreuzes“, erklärt Schrader. „In den ersten vier Monaten nach der Überschwemmung haben unsere Trinkwasser-Anlagen in den Provinzen Punjab und Sindh täglich mehr als 55.000 Menschen versorgt mit sauberem Trinkwasser  versorgt.“


Mittlerweile laufen die direkten Fluthilfeprojekte mit dem Schwerpunkt im pakistanischen Teil Kaschmirs allmählich aus. Die Lieferung von Baumaterial für den Wiederaufbau der Wohnhäuser, der Bau von Latrinen, die Reparatur von kleinen dörflichen Wasserversorgungsnetzen sind abgeschlossen. 

 

 „Für Familien wie die von Reshma Bhugio haben wir hier im Norden auch Küchengartenkurse gehalten“, schildert Schrader ein erfolgreiches Kleinprojekt. „Mit dem Wissen und den vom ÖRK ausgegebenen Gartengeräten und Saatgut werden die Frauen in die Lage versetzt für ihre Familien Gemüse und Kräuter selbst heranzuziehen.“ 

 

Sauberes Wasser für den Süden


In den Südprovinzen liegt der Schwerpunkt in der Rehabilitierung von Brunnen und Wassersystemen. „Damit schaffen wir die Grundlage für die Verbesserung der Gesundheitssituation der geamten Bevölkerung, insbesondere auch für die Kinder, die am meisten unter unsauberen Trinkwasser leiden“, sagt Dirk Schrader.


Schraders Arbeit beginnt schon lange vor dem ersten Spatenstich: „Wir haben in den Dörfern mithilfe von Freiwilligen des Roten Halbmondes, der örtlichen Schwesterorganisation des ÖRK,  Informationen darüber gesammelt, welcher Bedarf bei den Menschen im Wasser- und Sanitärbereich besteht, um festzulegen welchen Schwerpunkt unsere Hilfsprojekte haben sollen und wie wir die Bevölkerung in unsere Aktivitäten bestmöglich einbinden."

 
Bis Mitte 2012 soll sauberes Trinkwasser für tausende Menschen in den Provinzen Punjab und Sindh zur Verfügung gestellt werden. So werden unter anderem je nach Bedarf in den Dörfern Brunnen gereinigt oder neu gebohrt und Wasserfilter an die Familien verteilt, Latrinen errichtet, Pumpen und Wasserverteilungssysteme repariert oder neu errichtet. Begleitet wird all dies mit Informationsveranstalltungen zur Verbesserung der Hygienesituation, der sogenannten Hygieneerziehung.

 

Katastrophenvorsorge


 "Denn es geht um sicheres Wasser", erklärt der Rotkreuz-Delegierte Dirk Schrader. Noch immer sterben auch in Pakistan viel zu viele Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen, die Großteils durch schmutziges Wasser und unsauberkeit ausgeloessed werden. "Wir werden gemeinsam mit den Menschen in unseren Projektgebieten dafür sorgen, dass Katastrophen wie Überschwemmungen besser bewältigt werden können und dass die Gesundheitssituation insgesamt verbessert wird."


So ist auch Kathastrophenvorsorge ein grosses Thema in den ÖRK-Projekten, denn Pakistan ist nicht nur von Fluten und Dürren, sondern auch von Erdbeben und Bergrutschungen bedroht. Der vorbeugende Kathastrophenschutz wird zukünftig das Schwerpunktsaufgabengebiet der österreichischen Rotkreuz-Hilfe in Pakistan sein.


Für diese Monsun-Saison hoffen die Rotkreuz-Helfer gemeinsam mit den Bauern, dass der Regen moderat ausfällt und ein Segen für das Land bleibt. Das meterologische Institut Pakistans sagt weniger Regen als im Durchschnitt voraus. Aber in den Provinzen Punjab und Khyber Pakhtunkhwa (KPK) drohen örtlich um zehn Prozent mehr Regenfälle.

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