07.03.2019 08:46

„Ich wünsche mir mehr Zusammenhalt“

Josef Hader, einer der erfolgreichsten Kabarettisten Österreichs, leistete 1980 seinen Zivildienst in Blindenmarkt. Was er dabei gelernt hat und warum er Zweckpessimist ist.

„Ich wünsche mir mehr Zusammenhalt“

Waren Sie ein braver Zivildiener? 

Ich habe nur einmal den Dienst verschlafen, weil ich dachte, dass ich keinen habe. Sonst war ich glaub ich ganz OK. 


Damals mussten Zivildiener noch das Klo putzen und die Haare kurz schneiden.

Auch das Bett mussten wir sehr genau machen. Es war nicht so wie beim Militär, aber da ist schon darauf geschaut worden. Ansonsten waren die Pensionisten, die damals noch Telefondienst machten, lustige Leute. Die haben sich gefreut, dass sie Zivildiener haben, denen sie ordentlich schnapsen beibringen können. Wir lernten sehr gut Kaffee machen, aber natürlich auch alle anderen wichtigen Sachen.


Und bei den Einsätzen haben Sie nicht nur ältere Menschen transportiert? 

Nein, im Gegenteil. Zu Unfällen sind meist die Zivildiener geschickt worden, weil bei denen der Erste-Hilfe-Kurs noch nicht so lange her war. Bei den Fahrten mit den Dialyse-Patienten hat es das Trinkgeld gegeben. 


Mussten Sie jemals zu einem schlimmen Unfall?

Ein traumatisierendes Erlebnis war nicht dabei. Aber wir haben mehr Blut gesehen als beim Militär. Eine der wichtigsten Regeln war: Man soll sich von Blut nicht beeindrucken lassen. Je mehr wer im Gesicht blutet, desto eher wird es eine Platzwunde sein. Man lernt, dass man unbeeindruckt bleibt, weil man helfen muss. Das ist etwas, das man gut brauchen kann im Leben.


War es eine gute Erfahrung?

Es war eine sehr gute Erfahrung. Der Zivildienst hat mich nach neun Jahren Internat wieder ins normale Leben eingeführt. Ich denke schon, dass man selbständiger rausgegangen ist als man vorher war. 


Welche Lektion hätten Sie lieber nicht gelernt?

In der Nähe war die Autobahn, aber meine Einsätze waren nicht so dramatisch. Man hat Leute ins Krankenhaus gebracht, die später gestorben sind, das schon. Das sind sehr elementare, insgesamt aber wertvolle Erfahrungen. Ich habe schon immer eine Beziehung zum Tod gehabt. Im Gymnasium war ich sehr beeindruckt davon, wie cool der Sokrates den Giftbecher trinkt und sagt, man wisse nicht genau, ob der Tod etwas Schlimmes ist. Entweder man schlafe – und ich schlafe sehr gern – oder man treffe alle Leute, die vor einem gelebt haben. Auf dem Land hat man auch Menschen auf dem Totenbett gesehen. Der Tod war mehr ins Leben integriert.


Wie hat sich die Gesellschaft seit damals verändert?

Die meisten sagen, dass früher alles besser war, wenn sie älter werden. In diesen Pessimismus möchte ich nicht verfallen. Gleichzeitig ist klar, wie bestimmte Sicherheiten, die wir in der Nachkriegszeit hatten, nicht mehr da sind und etwas Neues beginnt. Hoffentlich steht nicht einmal in den Geschichtsbüchern, dass es eine Vorkriegszeit ist.


Das klingt pessimistisch.  

Ich bin Zweckpessimist, das ist der einzige Optimismus, der mir möglich ist. Das heißt ich stelle mir immer die schlimmsten Dinge vor und bin dann froh über das, was in Wirklichkeit eintritt. 


Die Gesellschaft würde auseinanderdriften, heißt es. 

Gleichzeitig sehen wir wirklich viele Menschen, die sich engagieren. Wir reden zum Beispiel von Freiwilligen beim Roten Kreuz oder bei der Feuerwehr. Wir sollten beobachten, was passiert, aber nicht denken, dass jetzt etwas Besonderes passiert. Jedes Jahrhundert hat es in der Hand, ob große Katastrophen passieren oder nicht. Ich hoffe es passieren keine. 


Haben Künstler eine besondere Verantwortung, sich für andere einzusetzen?  

Da bin ich immer vorsichtig, weil wenn Künstler eine besondere Verantwortung haben, würde das heißen, dass Installateure, Bäcker, Hochschullehrer und Tankstellenangestellte weniger Verantwortung haben, und das stimmt nicht. Wir haben alle eine Verantwortung und jeder sollte versuchen, diese wahrzunehmen. Künstler haben andere Möglichkeiten, in der Öffentlichkeit zu sagen, woran sie glauben. 


In den Lernhäusern helfen Pädagogen und Freiwillige lernschwachen Kindern, damit sie den Anschluss in der Schule nicht verpassen. Warum unterstützen Sie die Lernprogramme des Roten Kreuzes mit einem Benefizabend?

Jedes Jahr schaffen 4000 Schüler den Pflichtabschluss nicht. Man muss sich überlegen, was da an Ressourcen verloren geht und an Talent verschwendet wird. So etwas wie diese Lernhausidee beweist, wie man mit ganz wenig Geld eine enorme Wirkung produzieren kann. Das ist einfach nur intelligent. Es ist im Grunde auch der Beweis dafür, mit wie wenig Mitteln der Staat, wenn er mehr in Kindergärten, Volksschulen und Neue Mittelschulen investieren würde, viel erreichen könnte. Das Hauptproblem der Demokratie ist, dass die, die keine Wählerstimmen sind, keine Lobby haben. Das sind die jungen Menschen, die gerade ausgebildet werden.


Was wünschen Sie sich für Österreichs Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, wieder mehr Zusammenhalt zu finden, mehr miteinander zu reden und uns um die kümmern, die unsere Zukunft sind: Die Kinder. 

Interview: Stefan Müller

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