07.03.2019 08:43

„Jeder kann die Welt verändern“

Ex-UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hofft, dass die junge Generation eine Trendwende beim Klimawandel schafft. Politiker wie Trump lägen falsch.

„Jeder kann die Welt verändern“
Ban Ki-moon (74), aus Südkorea. Von 2007-2016 Generalsekretär der UNO. Gründete mit Heinz Fischer das Ban Ki-moon Center for Global Citizens.

Der Klimawandel scheint sich zu beschleunigen. Hat die Menschheit realisiert, was auf dem Spiel steht?

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit und die Uhr tickt. Naturkatastrophen werden häufiger und stärker. Um unseren Planeten für künftige Generationen zu schützen, muss schneller etwas zur Bekämpfung des Klimawandels und zur Klimawandelanpassung unternommen werden. Viele von uns sind sich sehr bewusst, was auf dem Spiel steht, aber einige stellen sich einfach taub. Das ist beunruhigend, vor allem wenn es Politiker sind. 


Die USA haben sich vom Pariser Klimaschutzabkommen verabschiedet.

Die Haltung von Donald Trump ist kurzsichtig, wirtschaftlich unverantwortlich und wissenschaftlich falsch. Er steht auf der falschen Seite der Geschichte. Trotzdem hoffe ich, dass die Welt mit diesem Abkommen gemeinsam vorwärts kommen wird. 


Verhindert der wachsende Nationalismus auch in anderen Länder nicht genau das?

Nationalismus ist wirklich die Antithese zur Idee des Weltbürgertums und behindert uns beim Erreichen des Ziels, den Planeten nachhaltiger zu gestalten. Es braucht globale Lösungen. Wenn sich die Führer der Welt in ihre Blasen zurückziehen, sind wir nicht in der Lage schwierige Diskussionen zu führen. Deshalb muss der Multilateralismus gefördert werden, wo es nur geht.  


Das scheint nicht im Trend zu liegen.

Politiker müssen in allem was sie tun eine globale Vision haben und verfolgen. Ich habe nicht viele mit so einer Vision getroffen. Nelson Mandela ist ein Beispiel. Viele sind von seinem selbstlosen Kampf für menschliche Würde, Gleichheit und Freiheit stark beeinflusst worden. Niemand hat in unserer Zeit mehr getan, um die Werte und Ambitionen der Vereinten Nationen zu fördern.


80 Prozent der Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind, leben in Asien. Müsste dort eine Kehrtwende in der Klimapolitik beginnen?

China hat eine große Verantwortung in der Region und weltweit um eine Kehrtwende in der Klimapolitik anzuführen. Das Land hat eine großartige Führungsrolle im Säubern der Luft bewiesen und viel zum Grünen Klimafonds der Vereinten Nationen beigetragen. China hat seine CO2-Emmissions-Ziele für 2020 schon drei Jahre früher erreicht und wird der Schlüssel dafür sein, andere Länder zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu bringen. 

 

Braucht es ein anderes Wirtschaftssystem, um den Planeten nicht zu zerstören?

Um eine Kehrtwende zu schaffen muss die Welt viele Schritte setzen – auf systematischer, sozialer, aber auch individueller Ebene. Unternehmen müssen den wirtschaftlichen Nutzen verstehen, den ein nachhaltigeres Agieren bringt. Das System muss sich vielleicht nicht ändern, aber die Strukturen und Entscheidungsträger können Veränderungen anstoßen. Mehr Frauen in die Wirtschaft zu bringen wird auch eine Veränderung der Weltwirtschaft bewirken und die Nachhaltigkeit erheblich beeinflussen. Wenn mehr Frauen arbeiten, wachsen und gedeihen Wirtschaften. 


Was kann jeder Einzelne tun?

Ich glaube fest daran, dass einzelne Personen die Kraft haben, die Welt zu verändern. Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen und die Hälfte der Menschen sind jünger als 25 Jahre. Es ist wichtig, diese Gruppen darin zu bestärken als Weltbürger zu agieren. Es gibt viele Leute mit Leidenschaft, aber zu wenig Leute mit Mitgefühl. Wir müssen der Jugend dieser Welt erklären, dass ihre Taten weltweite Folgen haben. Wir müssen neben Mathematik und Geschichte auch Empathie unterrichten, sonst werden wir es nicht schaffen, eine nachhaltige Zukunft aufzubauen.


Hat Sie das Rote Kreuz in Ihrer Haltung beeinflusst?

1942 hatte ich die Möglichkeit, mit Studenten aus 42 Ländern das Amerikanische Rote Kreuz zu besuchen. Das hat meine Augen für die Welt geöffnet. Während der Reise habe ich Präsident John F. Kennedy getroffen. Er sagte: Es gibt keine nationalen Grenzen, nur die Frage ob man bereit ist, seine helfende Hand auszustrecken. Diese Botschaft hat sich in meine Erinnerung eingebrannt und seitdem versuche ich, einen Beitrag zu leisten. Es sind alle helfenden Hände nötig. 


Wie wird die Welt in 50 Jahren aussehen?

Hoffentlich ist Nachhaltigkeit dann die globale Norm geworden. Die Welt hat den größten Anteil an jungen Menschen in der Geschichte. Ich habe große Hoffnung in ihre Kraft, die Zukunft zu gestalten. Sie sind die erste Generation, die die Armut beenden kann, und die letzte Generation, die die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels vermeiden kann.

Interview: Stefan Müller

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