Humanität als Spitze des Wertekatalogs

Gerald Schöpfer liefert ein Resümee aus den ersten 5 Jahren Präsidentschaft und wagt einen Blick in die Zukunft.

 

Meine sehr Damen und Herren! 


ich möchte, weil nun meine vor 5 Jahren begonnene Amtsperiode abläuft, einen kompakten Rückblick geben – aber ich wage auch einen Blick in die Zukunft. Dafür brauche ich keine Kristallkugel. Man braucht weder ein Hellseher, noch ein Schwarzseher zu sein: die kommenden Herausforderungen sind klar absehbar. 


Doch zuerst zur Vergangenheit.


Jede Einheit des Roten Kreuzes hat genaue statuarisch vereinbarte Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Eine Aufgabe ist aber nicht ausdrücklich verankert: die Wahrung der Gesamtsicht. 

Ich behaupte trotzdem: Auch die vergangenen fünf Jahre, die voll spannender Herausforderungen waren, haben gezeigt, was wir zu erreichen imstande sind: Wenn wir das Gesamte im Auge behalten. Wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. 


  • Unser „Einsatz für Menschen auf der Flucht“ ist wohl noch immer in lebhafter Erinnerung. Dieses Ereignis hat uns geprägt und gefordert.
  • Unsere Bildungsaktivitäten für Kinder sind stark gewachsen. Die Anzahl der geleisteten Lerneinheiten hat sich in nur zwei Schuljahren fast verdoppelt.
  • Wir haben die gemeinsame „Aus Liebe zum Menschen Stiftung“ mit den Stiftungszwecken Bildung und Demenz gegründet.
  • Wir haben eine neue Form der Zusammenarbeit mit dem Jugendrotkreuz gefunden. 
  • Last but not least ist es uns in gemeinsamer Anstrengung gelungen, das Vergaberecht zu ändern und so das Rettungsverbundsystem zu erhalten. Hier dürfen wir allen Mitstreitern, aber auch den dafür zuständigen Politikern danken.

Einheit, immerhin einer unserer Grundsätze, zahlt sich also aus. Sie zahlt aber auch ein, nämlich auf unser Markenkonto. Die Liste der Auszeichnungen für unsere Kampagnen ist lang. Zumindest die Staatspreise für Werbung 2015 und für Public Relations 2017 möchte ich erwähnen. Auch sie gehören uns allen, und sie bestätigen, dass sich unsere konsequente Markenführung auszahlt. Die Krönung im Mai war: Nicht Digital-Giganten wie Google, Microsoft oder Amazon sind die Marken-Kaiser in Österreich. Sondern das Rote Kreuz ist laut Brand Asset Valuator der Agentur Young & Rubicam die stärkste Marke. 


Das alles haben wir gemeinsamen erreicht. Unsere fast 74.000 Freiwilligen, unsere 8.300 Hauptberuflichen, unsere 4.500 Zivildiener, die fast 10.00 Mitglieder des Jugendrotkreuzes und last but not least unsere über 1 Million Unterstützer und Mitglieder.

Und das zeigt deutlich, bei allem Föderalismus und Regionalismus: Wir werden österreichweit nur als ein rotes Kreuz wahrgenommen. Was immer sich auch in den entlegensten Gegenden ereignet – es wird uns allen zugerechnet. Deshalb: Subsidiarität ja! Aber stärken wir auch die Gemeinsamkeit und nutzen wir die Synergien, so werden wir auch weiter als Top-Marke an der Spitze bleiben. 


Unabhängigkeit – ein weiterer Rotkreuz-Grundsatz – bedeutet auch: wirtschaftliche Unabhängigkeit. Das gilt besonders für die Zukunft.


  • Deshalb werden wir die Laborleistungen unserer Blutbank konsequent weiter ausbauen. Hier wird uns höchste Kompetenz zugeschrieben.

  • Deshalb behalten wir das Vergaberecht im Blick. In Österreich haben wir eine Bereichsausnahme für den Rettungsdienst erwirkt. In Deutschland dagegen häufen sich die Klagen kommerzieller Anbieter. Der EuGH wird heuer erste Urteile fällen. Wir beobachten die Entwicklung genau.

  • Das „Team Österreich“ hat sich vielfach bewährt: In der Katastrophenhilfe, bei der Tafel, in der Flüchtlingshilfe. Jetzt wird es digital: Mit Hilfe einer App kann sich jeder selbst auf Krisen und Katastrophen vorbereiten. Man kann damit auch uns helfen, etwa bei der Lagebeurteilung. Und es gibt Anleitungen zur Selbst- und Nachbarschaftshilfe. Das ist eine großartige Sache, die schon ab 2. Juli mit unserem Partner, dem Hitradio Ö3, österreichweit ausgerollt wird.

  • Auch unsere internationale Rolle wollen wir nicht vernachlässigen. Das Erdbeben in Nepal; unsere Hilfe in den Hotspots Syrien, Jemen, Südsudan, Ukraine; und unsere Expertise im Bereich „Water & Sanitation“ haben die letzten Jahre geprägt. Und es war für mich in meiner Amtszeit immer ein ganz besonderer Moment, wenn ich in entlegenen Gegenden von Nepal, oder erst unlängst in der Ukraine großes Lob über die hohe Effizienz der Hilfe durch das Österreichische Rote Kreuz erfahren durfte. Die internationale Rolle bleibt inhärenter Teil des Roten Kreuzes. 

  • Genauso wie als Marke „Rotes Kreuz“: Wir haben erfolgreiche Markenpositionierung gesetzt. 2011 und 2012 haben wir gemeinsam mit den Landesverbänden unser aktuelles Leitbild entwickelt. Jetzt ist es an der Zeit, es aufzufrischen. Wir wollen den Slogan „Aus Liebe zum Menschen“ erfolgreich weiterkommunizieren. Auch das können wir nur gemeinsam tun. 
  • Die Zahl unserer Freiwilligen entwickelt sich nach wie vor gut. Das ist erfreulich, denn wir brauchen sie nicht nur für unser klassisches Leistungsangebot.

  • Das Wachstum bei den Lernprogrammen wurde erwähnt. Trotzdem deckt das Angebot bei weitem nicht die Nachfrage. Die logische Antwort lautet: weiteres Wachstum. Wir dürfen nicht so viele Bildungsverlierer zurücklassen. Niedrige Bildung gefährdet nicht nur sie selbst, sondern gefährdet die Gesellschaft als Ganzes. 

  • Was auch wächst, ist die Anzahl älterer Menschen und solcher mit dementiellen Erkrankungen. Hier erproben wir nun erfolgreich ein Angebot, das Menschen schon im Frühstadium auffängt. Man kann Demenz noch nicht heilen. Aber wir müssen auch nicht zuschauen, wie sie sich ausbreitet. Die Pflegelandschaft der Zukunft wird ganz generell ein zentrales Thema für uns bleiben.


Was wir außerdem groß denken wollen, ist das Thema „Erste Hilfe“. Wir wollen Österreich sicherer machen. Derzeit arbeiten wir intensiv an einem Programm, das Kinder und Jugendliche in ihrer gesamten Pflichtschulzeit regelmäßig mit Erster Hilfe in Kontakt bringen wird. Denn der Rettungsdienst funktioniert. Aber die Schwachstelle in der Rettungskette, das sind die Ersthelfer. Das wollen wir ändern.

Mit ist auch klar, dass wir mit unseren Positionen nicht immer und überall Freude auslösen. Unser Motto heißt zwar „Aus Liebe zum Menschen“, aber man kann eben nicht immer „Everybody‘s Darling“ sein. Wir halten uns aus jeglicher Parteipolitik heraus. Aber wenn es um Fragen der Humanität geht, dann üben wir uns selbstbewusst im aufrechten Gang. 


Und so finden wir die Diskussion über die Frage, wie sehr kann der Sozialstaat verschlankt werden, suboptimal. 


Gerade in Zeiten der Unsicherheit und der Ungewissheiten ist es wichtig, eine klare Orientierung und feste Anker zu haben. So glaube ich, dass wir mit unserem Wertekatalog, bei dem die Humanität an der Spitze steht, eine verlässliche Erdung haben. Und jeder im Land weiß, dass man sich auf uns verlassen kann und dass wir rund um die Uhr auch in den entlegensten Gegenden für Menschen in Not schnell und effizient Hilfe leisten. 


Und so gestehe ich offen, dass ich sehr dankbar bin, für diese großartige Gemeinschaft tätig sein zu dürfen.

Dafür sage ich ein großes Dankeschön!

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