Ansprache ÖRK-Präsident Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer auf der Hauptversammlung des ÖRK, 8. Juni 2019

„Wir wollen die Welt verändern, und nicht den Status quo verwalten.“ Das ist ein Kernsatz aus unserem Leitbild. Wenn wir heute auf die vergangenen 12 Monate zurückblicken: Haben wir die Welt verändert? Aufs Ganze gesehen wohl nicht. Aber die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung hat wieder einmal für Millionen Menschen auf der Welt einen Unterschied gemacht. Hat Leben gerettet und Perspektiven verändert.

Ich glaube auch: Die heutige globalisierte Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, ist nicht mehr so einfach zu verändern. Der britische Premierminister Benjamin Disraeli konnte 1872 noch sagen: „Wir werden die Cholera und andere ansteckende Krankheiten im Vereinigten Königreich ausrotten.“ Seine Regierung hat eine Kanalisation und Spitäler gebaut, mehr Ärzte und Forscher ausgebildet und eingestellt. Inzwischen sind ansteckende Krankheiten besiegt.

Womit wir es in der heutigen Welt zu tun haben, sind chronische Krankheiten:

 

  • Der Klimawandel, die steigende Ungleichheit – und ihre Folgen, zum Beispiel Migrationsbewegungen, Abstiegsängste, Re-Nationalisierung.
  • Die Bevölkerungsentwicklung, die sich auf die Systeme der sozialen Sicherung auswirken wird.
  • Dazu kommen Megatrends wie die Disruption der Arbeitswelt durch Automatisierung und Digitalisierung.

 

Neue Bruchlinien entstehen, alte vertiefen sich: Zwischen arm und reich, jung und alt, zugewandert und eingesessen. Zwischen gebildet und wenig gebildet, Stadt und Land, Männern und Frauen. Von einer „Ära der Polarisierung“ ist die Rede. Aber wie auch immer: Wir vom Roten Kreuz arbeiten eben genau an diesen Bruchlinien. Wir dürfen nicht resignieren, wenn wir dabei nicht alle Probleme lösen können. Was wir tun, ist vielleicht wenig gemessen an ihrer Zahl und Größe. Aber es ist entscheidend für jeden einzelnen Menschen, dem wir helfen.

 

Die Welt wird dadurch nicht anders.
Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich nicht.
Aber einige Menschen haben ein Nachtlager.
Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten.
Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße.

Treffender als Bertolt Brecht kann man das Wesen der humanitären Hilfe nicht beschreiben. Unser aktueller Jahresbericht dokumentiert das. Ich halte ihn heuer für besonders gelungen. Die Zahlen darin sind beeindruckend. Aber noch beeindruckender sind die Geschichten:

  • Die Geschichte von unserer Hebamme im größten Flüchtlingscamp der Welt, in Bangladesch. Sie war keine zehn Minuten vor Ort und musste schon bei einer Kaiserschnittgeburt mit Zwillingen helfen.
  • Die Geschichte von der neu begonnen Registrierung von Stammzellenspendern. Um krebskranken Menschen zu helfen. Für mich ein Meilenstein in der Weiterentwicklung unserer Arbeit.
  • Von freiwilligen Sozialbegleiterinnen. Sie helfen Menschen in unterschiedlichsten schwierigen sozialen Lagen auf die Beine. Ein gutes Beispiel für eine wirksame Reaktion auf neue Nöte.
  • Von unseren Sommercamps. Dort genießen Kinder mit besonderen Bedürfnissen Ferien, Spaß und vor allem ein paar Wochen Sorgenfreiheit.
  • Von unserem Suchdienst. Er bringt Familien wieder zusammen, die von Kriegen, Katastrophen oder durch Migration getrennt wurden. Ich komme am Schuss noch darauf zurück.
  • Die Geschichten unserer Lesepatinnen und Lesepaten. Sie arbeiten freiwillig dafür, dass es weniger Schulabbrecher gibt. Das ist nicht nur moralisch richtig, sondern auch ökonomisch sinnvoll.


Selbst über die Digitalisierung gibt es eine Geschichte. Darin steht, wie das Rote Kreuz sie sich zunutze macht: Mit der Team Österreich-App haben wir eine weltweit einzigartige digitale Hilfsdrehscheibe entwickelt. Sie nützt jedem und passt in jede Hosentasche.

Und das ist nur ein Ausschnitt unserer Arbeit. Es fehlen die Jugendmagazine des Roten Kreuzes, die wir ab Herbst wieder selbst herausgeben. Sie werden viel stärker als bisher der Leseförderung und der humanitären Bildung dienen. Das Magazin „Trio“, einzigartig in Europa, das Schülerinnen und Schülern mit anderen Erstsprachen beim Deutschlernen hilft. Denn Bildung beugt Armut und Bedürftigkeit vor.

Ein Wort zu unserer internationalen Arbeit: Hier hat man den Eindruck, dass alles zugleich besser und schlechter wird. Die Zahl der absolut armen Menschen auf der Welt hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als halbiert. Ähnliches gilt für die Kindersterblichkeit. Die Lebenserwartung steigt. Die Bildungsbeteiligung von Mädchen ebenso.

Doch im gleichen Zeitraum hat die Armut in Afrika südlich der Sahara, in Südasien, in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks und in Lateinamerika zugenommen. Mit allen negativen Folgen für Kindersterblichkeit, Lebenserwartung und Bildung. Außerdem geht die Abnahme der Ungleichheit zwischen den Staaten einher mit ihrer Zunahme innerhalb der Gesellschaften.

Das gilt auch für unsere Schwerpunktregionen Naher Osten, Südkaukasus, östliches Afrika und Südosteuropa. Dort sind ansteckende Krankheiten noch nicht besiegt. Dort geben wir täglich Antworten auf die Nöte der Menschen: 2018 haben 55 Delegierte des Österreichischen Roten Kreuzes 6.500 Einsatztage in 20 Ländern geleistet. Oft unter schwierigsten Bedingungen. Denn mit der Einhaltung des humanitären Völkerrechts ist es oft nicht weit her. Geschweige denn mit der Einhaltung der Menschenrechte.


Diese sind übrigens ein Thema, bei dem wir uns auch hierzulande mehr Sensibilität wünschen. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich Grundsätze in Frage gestellt, die lange Zeit zu Recht unantastbar waren. Das besorgt mich. Dass es eine breite Kontroverse darüber gibt, beruhigt mich. Falls Sie meinen, dass wir uns darüber öffentlich zu selten äußern: Manche Dinge bespricht man besser hinter verschlossenen Türen. Und dort reden wir durchaus Klartext. Außerdem fördern wir diese Debatten. Zum Beispiel mit unserem Projekt „überMorgen“. Gemeinsam mit der Industriellenvereinigung und der ERSTE Foundation veranstaltet das Rote Kreuz Gespräche über Zukunfts- und auch Angstthemen in ganz Österreich. „Welche Gesellschaft wollen wir sein?“ Diese Frage wollen wir am Ende dieser Gespräche beantworten können. Es ist übrigens erstaunlich, wie konstruktiv und zivilisiert die Debatten verlaufen, wenn nicht der Brandbeschleuniger Social Media zwischen den Diskutanten steht.


Für das Österreichische Rote Kreuz selbst bildet das Jahr 2019 eine Zäsur. Unser Generalsekretär Dr. Werner Kerschbaum geht nach 20 Jahren in unserer Geschäftsleitung im Sommer in Pension. Es war schwierig, einen so umsichtigen, klugen und erfahrenen Menschen zu ersetzen. Ihm folgt der bisherige stellvertretende Generalsekretär, Mag. Michael Opriesnig, nach. DI Peter Kaiser, bisher Geschäftsführer des Roten Kreuzes Niederösterreich, wird sein Stellvertreter. Bundesrettungskommandant Mag. Gerry Foitik komplettiert das Trio unserer neuen Geschäftsleitung.

Wir haben bei der Nachfolgeregelung auf Kontinuität gesetzt. Dennoch: Wir müssen und werden in Zukunft noch stärker engagierte und kompetente Frauen für unsere Spitzenpositionen ansprechen. Einsatzorganisationen sind immer noch eine Männerdomäne. Das muss sich ändern. Hier müssen wir durchlässiger werden. Nachdenken über andere Einsatzzeiten, flexibles Engagement und so weiter.

Meine Damen und Herren. Es ist für uns alle gut zu wissen, dass es unter dem Zeichen des Roten Kreuzes zehntausende Menschen in diesem Land gibt, die sich um andere kümmern. Wenn ich die Nachrichten sehe oder manche Politiker reden höre, merke ich oft wenig von dem großartigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, den ich im Roten Kreuz täglich erlebe. Aber: „When they go low, we go high.“ So hat Michelle Obama die Ausfälle gewisser Personen des öffentlichen Lebens kommentiert. „Auch wenn die anderen sich nicht benehmen können, wir antworten trotzdem mit Anstand“. Und mit Menschlichkeit. Das gefällt mir als Motto, gerade in Zeiten wie diesen. Lassen Sie uns auch im kommenden Arbeitsjahr das Gemeinsame, den Zusammenhalt und nicht das Trennende in den Vordergrund stellen.

Bevor Ihnen jetzt die Mitglieder der Geschäftsleitung berichten, komme ich nochmals auf das Recht auf Familie und auf unseren Suchdienst zurück. Er bringt Angehörige wieder zusammen, die von Kriegen, Katastrophen oder durch Migration getrennt wurden. Die Zahlen dazu finden Sie im Jahresbericht, der Ihnen vorliegt.

Man kann die Geschichten dieser Menschen aber auch besser als in Zahlen erzählen, stellvertretend für viele. „Rocketman“, der Film über das Leben des Musikers Elton John, ist seit knapp einem Monat in den Kinos. Elton John hat den iranischen Filmemacher Majid Adin gebeten, den titelgebenden Hit in eigenen Bildern neu zu erzählen. Sehen Sie jetzt den Blick eines Künstlers, der selbst auf der Flucht war. Seine Antwort sind Bilder, die eindringlich zu uns sprechen. Auch sie erinnern uns daran, dass wir nicht resignieren dürfen. Selbst wenn das, was wir tun, die Welt nicht sofort verändert.

Aber es ist entscheidend für jeden Menschen, dem wir helfen können.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Hier geht's zum Youtube-Video.

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