20.06.2018 09:29

Aufruf der Europäischen Rotkreuz-Gesellschaften zu einer nachhaltigen Migrationspolitik

Anlässlich des Weltflüchtlingstags rufen wir, die europäischen Rotkreuz-Gesellschaften, zu einer tiefgreifenden Reform auf, um die Migrationspolitik der EU-Staaten nachhaltig und verantwortungsvoll zu gestalten.

Aufruf der Europäischen Rotkreuz-Gesellschaften zu einer nachhaltigen Migrationspolitik
Ein Aufruf der europäischen Rotkreuz-Gesellschaften an die Politik

Tag für Tag zählt das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) jene Menschen, die auf hoher See während ihrer Überfahrt nach Europa ums Leben gekommen sind. Manchmal werden Bilder davon veröffentlicht, meistens sterben die Menschen jedoch, ohne dass wir es wahrnehmen.

 

Weltweit arbeitet das Rote Kreuz mit besonders schutzbedürftigen Menschen, viele von ihnen wurden von ihren Familien getrennt. Ob Opfer von Naturkatastrophen, Kriegsverletzte, beeinträchtigte Kinder, ältere Menschen oder mittellose Familien, wir sind hier um sie aufzunehmen, zu schützen, zu versorgen und uns für sie einzusetzen.

 

Wir urteilen nicht über die Motive der Menschen, unsere Mission ist ausschließlich humanitär.

 

Flüchtlinge sind besonders schutzbedürftig. Aus welchen Gründen sie auch immer ihre Heimat verlassen, sie sind weit weg von ihren Familien. Bei uns werden sie oft nicht mit offenen Armen empfangen und sind oft von der Gesellschaft ausgeschlossen.

 

„Sollen wir Flüchtlinge aufnehmen?“, “Können wir Flüchtlinge aufnehmen?” „Wie sollen wir Flüchtlinge aufnehmen?“. In Europa werden diese Fragen meist in emotionalen Debatten diskutiert.

 

Am Weltflüchtlingstag rufen Rotkreuz-Gesellschaften in mehreren europäischen Staaten dazu auf, diese Diskussionen besonnen und sachlich zu führen. Gemeinsam möchten  wir den Staaten Lösungsvorschläge für die komplexen Herausforderungen anbieten, vor denen unsere Gesellschaften stehen:

 

Die EU-Staaten sollen ihre Migrationspolitik entsprechend den Bedürfnissen von Flüchtlingen und im Einklang mit den bestehenden rechtlichen Verpflichtungen gestalten. Dabei ist die weltweite Situation zu berücksichtigen: Wirtschaftliche Krisen, kriegerische Konflikte und die Folgen des Klimawandels vertreiben Menschen aus ihrer Heimat.

 

Die EU-Staaten haben das Recht, Migration auf ihrem Staatsgebiet zu regulieren. Allerdings gilt es dabei, völkerrechtliche Verpflichtungen zu respektieren, die die Rechte und die Würde von Flüchtlingen schützen. Vor allem sind dies das Recht auf internationalen Schutz und das Recht auf Familienleben, welche frei von Stigmatisierung und Fremdenfeindlichkeit gewährleistet werden müssen.

 

Aus humanitärer Sicht gilt es, folgende Grundpfeiler sicherzustellen:

  • Effektive Asylverfahren, die auch die gewissenhafte Prüfung einer oftmals komplexen Situation erlauben.
  • Die Respektierung des Rechtes auf Familienleben, insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die von ihrer Familie getrennt wurden.
  • Zugang zu humanitärer Hilfe und medizinischer und psychosozialer Grundversorgung, unabhängig vom legalen Status.
  • Zugang zu Unterkünften in einer Form, dass Rechte und Würde gewahrt werden. Es sollte keine Inhaftierung geben, insbesondere nicht bei Kindern, da dies zusätzlich traumatisierend sein kann.  

 

Ein wirksames Integrationsprogramm ist der nächste Schritt bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Um funktionieren zu können, muss es auf  einer ausgewogenen Balance zwischen Rechten und Pflichten beruhen. Das Recht ausgebildet zu werden, zu arbeiten, eine Wohnsituation zu haben, in der die Menschenwürde gewahrt bleibt, frei von Diskriminierung zu leben, mit der Familie vereint zu werden, Zugang zu medizinisch-sozialer Unterstützung sind dabei Rechte, die der Pflicht, die Sprache des Aufnahmestaates zu lernen, sowie seine gesetzlichen Bestimmungen zu befolgen, gegenüberstehen.

 

Erfolgreiche Integration ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Behörden, Sozialarbeitern und Freiwilligen kommt eine maßgebende Rolle zu, aber jeder einzelne Bürger sollte daran teilhaben können. Nur durch Solidarität werden wir es schaffen, Ängste abzubauen, Vertrauen zu bilden, gegenseitiges Verständnis aufzubringen, unterschiedliche Auffassungen  in Einklang zu bringen und von den wirtschaftlichen und sozialen Beiträgen von Migranten  zu profitieren. Unterschiede sollen nicht trennen, sondern die Gesellschaft bereichern.

 

Schlussendlich müssen wir verstehen, dass Migration ein nachhaltiges und globales Phänomen ist, und nicht eine temporäre europäische Krise. Europa sollte eine zentrale Rolle in der Koordinierung der Migrationspolitik übernehmen. Dabei sind wir auf einer globalen Ebene gefordert, soziale Kreativität zu entwickeln und uns fortwährend für die Respektierung der menschlichen Würde und des internationalen Rechts, sowie gegen die Ursachen erzwungener Migration wie Armut, Ungleichheiten, Umweltzerstörungen und jegliche Formen von Gewalt und Verfolgung, einzusetzen.

 

Da es dem Österreichischen Roten ein Anliegen ist, dass sich Freiwillige und Organisationen für Flüchtlinge einsetzen können, ohne dafür bestraft zu werden und dass Flüchtlinge nicht ausgebeutet werden, unterstützen wir aktiv das derzeit laufende europäische Bürgervolksbegehren für ein gastfreundliches Europa. Wenn auch Ihnen die Rechte und die Würde von Flüchtlingen und die Hilfe für diese verletzliche Personengruppe ein Anliegen ist, können Sie mit Ihrer Unterschrift auf https://www.roteskreuz.at/site/europaeisches-volksbegehren-welcomingeurope/ ein Zeichen setzen.

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