16.11.2016 11:16

Zeit zum Umdenken vor Katastrophen

Zur Präsentation des World Disasters Report in Wien forderten Rotkreuz-Experten mehr Mittel für die Katastrophenvorsorge. Unter ihnen war Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz-Föderation.

Zeit zum Umdenken vor Katastrophen
Foto: UN Information Service Vienna

Es war Montag früh, als ein schweres Erdbeben Neuseeland erschütterte. Häuser stürzten ein, Straßen rissen auf und das Zivilschutzministerium gab eine Tsunamiwarnung heraus. Am Ende gab es zwei Opfer zu beklagen. „Wenn das woanders passiert wäre, gäbe es jetzt eine größere Katastrophe“, sagt Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften.

 

Schutz im Vorfeld

 

Bei der Präsentation des World Disasters Report in der Wiener UNO-City wies er darauf hin, wie wichtig Resilienz für Gesellschaften ist – also die Fähigkeit, Notsituationen zu verkraften und gut damit umgehen zu können. Das Problem: Darin wird immer noch viel zu wenig investiert.



„Wir brauchen jetzt ein rasches Umdenken, um Bevölkerungen schon im Vorfeld besser vorzubereiten“, sagt Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer. Von 100 investierten US Dollar an internationaler Hilfe fließen immer noch nur 40 Cent in Maßnahmen, um die Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen zu verbessern. „Zumindest ein Prozent der Entwicklungsgelder sollten dafür aufgewendet werden“, ergänzt ÖRK-Generalsekretär Werner Kerschbaum.

 

Österreich habe erfreulicherweise beim UNO-Weltnothilfegipfel im Mai ein Commitment für verstärkte Katastrophenvorsorge abgegeben. „Darüber hinaus fordern wir, dass 25 Prozent der Gelder direkt an lokale Organisationen gehen, damit diese vor Ort ihre Kapazitäten stärken können. Auch diese Forderung wird von Österreich unterstützt und wir werden uns anschauen, inwieweit die Zusagen eingehalten werden“, so Kerschbaum.

 

Erfolgversprechende Kooperationen


„Business as usual ist keine Option”, stellte David Sanderson, Resilienz-Experte und Co-Editor des Reports klar. „Die Herausforderungen sind gewachsen, aber das Hilfssystem ist unverändert geblieben.“ Die Zahl der Naturkatastrophen lag 2015 mit 371 zwar im Schnitt der vergangenen zehn Jahre, aber die Zahl der Stürme und Dürren war so hoch wie noch nie. 65 Millionen Menschen waren gezwungen, vor Vertreibung und Krieg zu flüchten: Das ist der höchste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg.



Aufgabe der Rotkreuz-Helfer sei es auch, Vertrauen und Respekt der Leute vor Ort zu gewinnen, betont As Sy. „Das ist sehr wichtig zum Aufbau von Resilienz. Wir dürfen die Menschen nicht sich selbst überlassen.“ Wegweiser sei nach wie vor die Initiative One Billion Coalition, deren Ziel es ist, bis 2025 eine Milliarde Menschen für die Themen Vorsorge, Prävention und Katastrophenhilfe fit zu machen. Das wäre – theoretisch – eine Person in jedem Haushalt. „Trotz unserer Bemühungen schaffen wir es nicht, alle humanitären Bedürfnisse zu stillen. Wir müssen längere Partnerschaften eingehen und mit einer ganzen Reihe von Institutionen zusammenarbeiten.“



Die Kooperation mit Versicherungen sei zum Beispiel vielversprechend, wenn es um die Vorhersage von Risiken geht. Neue Technologien helfen dabei, bessere Katastrophen-Managementsysteme aufzubauen. „In Bezug auf das Klima gibt es aber keinen Plan B“, sagt As Sy. „Schließlich haben wir nur eine Erde. Da wird es entscheidend sein, das Verhalten und die Einstellung der Menschen zu ändern.“ Umfassende Resilienz schließe auch die Absiedelung von Bevölkerungen aus gefährdeten Gebieten mit ein. Aber nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.

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