01.03.2014 17:10

Blutspender.Altruismus.Hämochromatose.Migration

Blutspender.Altruismus.Hämochromatose.Migration
Blutspender.Altruismus.Hämochromatose.Migration

von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz

 

Im Februarheft von Vox Sanguinis sind drei Beiträge erschienen, die sich mit verschiedenen aktuellen Aspekten der Blutspende beschäftigen.
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vox.2014.106.issue-2/issuetoc


Frei zugänglich ist der Beitrag von Evans R. und Ferguson E.: Defining and measuring blood donor altruism: a theoretical approach from biology, economics and psychology. Vox Sang. 106: 118–126
http://onlinelibrary.wiley.com/enhanced/doi/10.1111/vox.12080/

 

Das Spenderrecruitment ist trotz abnehmenden Blutbedarfs eine wichtige Aufgabe der Blutspendedienste. Selbst In den entwickelten Ländern spenden weniger als 5 % der Bevölkerung. Angesichts der Alterung dieser Gesellschaften ist das Werben um jüngere Dauerspender eine Herausforderung.

 

Die Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften (Psychologie, Ökonomie und Evolutionsbiologie) wurden in Bezug auf ihre Wichtigkeit für das Verhalten von Blutspendern untersucht:

 

Die Theorie des geplanten Handelns (Ajzen/Fishbein1) verbindet die Handlungsintentionen von Menschen mit ihren subjektiven Normen und Einstellungen.

 

Altruismus wird als Hauptgrund, Blut zu spenden, bei Befragungen von Spendewilligen angegeben. Dementsprechend konzentrieren sich die Werbekampagnen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der transfusionsmedzinischen Forschung basieren, auf diesen Aspekt. Die vorliegende Arbeit, eine Querschnittsstudie (cross sectional survey), bezieht folgende Unterteilung des Altruismus in die Überlegungen zur Spendemotiviation ein (siehe auch Fußnote 2):

  1. Pure Altruism (reiner Altruismus) ist definiert durch den selbstlosen Wunsch, anderen zu helfen, ohne eine Belohnung zu erwarten. Ein selbstloser Altruist handelt auf eigene Kosten, auch wenn es ihm selbst zum Nachteil gereicht.
  2. Warm Glow ist ein ökonomisches Phänomen, das 1989 von James Andreoni  beschrieben wurde (siehe Fußnote 3) und als persönlicher Benefit, der aus der emotionalen Anerkennung der guten Tat resultiert, definiert wird. Psychometrische Daten und Daten der Verhaltensökonomie sprechen dafür, dass dies die Hauptmotivation zur Blutspende ist.

    Kombiniert man reinen Altruismus und Warm Glow, so spricht man von Impure Altruism.

  3. Reluctant Altruism liegt vor, wenn die Kooperation deshalb erfolgt, weil gedacht wird, dass andere Menschen nicht spenden (mangelndes Vertrauen in die Spendebereitschaft anderer Menschen).
  4. Social Responsibility: Die soziale Verantwortung verpflichtet zur freiwilligen, unbezahlten Blutspende, weil Blut ein Gut ist, das nicht den Regeln der Ökonomie unterliegen soll.
  5. Reziproker Altruismus: Der dahinterliegende Gedanke ist, selbst Hilfe zu erhalten, wenn sie gebraucht wird. Für Menschen,  von denen bekannt ist, dass sie selbst helfen, ist  aufgrund des Ansehens in der Gruppe die Wahrscheinlichkeit, Hilfe zu erhalten, hoch.
  6. Kin Selection  bezeichnet den Vorgang, wenn die Hilfe einer bestimmten Gruppe zukommen soll: meist der Familie und nahen Verwandten. Gerichtete Spenden im Blutspendewesen sind in unseren Breiten nur bei ausgewählten Patienten (z. B. bei seltenen Blutgruppenkonstellationen) möglich, in Entwicklungsländern sind sie aber zur Deckung des Blutbedarfs notwendig, s. u.
  7. Hedonismus unterstellt eigentlich ein egoistisches Motiv. Hier ist das Ziel des Spenders persönlicher Gewinn (ohne Bedacht auf die Bedürftigkeit des Empfängers). Der Wunsch nach Belohnungen, etwa nach freien Gesundheitschecks, gehört auch in diese Kategorie.


In der Studie wurden 414 Teilnehmer mittels Fragebögen befragt, die zur Vorsagbarkeit des geplanten Spendeverhaltens und zur Erfassung der multidimensionalen Facetten des Altruismus entwickelt worden waren. Alle Teilnehmenden waren Studierende. 77 Personen wurden nach einem Monat nochmals befragt. Mittels hierarchischer multipler Regressionanalyse konnten zwei Facetten von altruistischem Verhalten zur Unterscheidung zwischen Blutspendern und Nichtspendern identifiziert werden (impure und reluctant altruism: Selbstlosigkeit + soziale Anerkennung und mangelndes Vertrauen in die Spendewilligkeit anderer).
So verdienstvoll eine multidimensionale Betrachtung der Spendemotivation ist, so werden wesentliche Schwachpunkte der Arbeit von den Autoren selbst angegeben.

  • Die befragten Personen waren ausschließlich Studierende, sodass die Ergebnisse nicht repräsentativ sind.
  • Ein kausaler Zusammenhang zwischen den Befragungsergebnissen und dem tatsächlichen Verhalten bezüglich Spendebereitschaft ist nicht herzustellen.

 

Das Ansprechen verschiedener Facetten des altruistischen Verhaltens könnte aber Anregungen für die zukünftige Spenderwerbung geben, denn die Motivation und v. a. der Aufbau eines Spendepools mit Menschen, die wiederholt Blut spenden, sind die Voraussetzung, um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten. Deshalb ist auch die Arbeit, die sich mit Hämochromatosegenträgern befasst, für Blutspendedienste sehr interessant.
Stefashyna  O. et al.: Pattern of care of blood donors with early-uncomplicated hereditary haemochromatosis in a Swiss blood donation centre. Vox Sang. 106: 111–117
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vox.12078/abstract

Mit der Einführung der Ferritinbestimmung 2004 beim Basler Blutspendedienst werden Spender mit Ferritinwerten > 300ng/ml zur weiteren Abklärung an ihre Hausärzte verwiesen. Nach Abklärung werden Genträger ohne manifeste Organschäden (Herz, Leber, endokrine Organe) nach Normalisierung des Ferritinwertes (<100ng/ml) zur Blutspende zugelassen. Unter den üblichen Spendekriterien werden alle 3 Monate Vollblutspenden und bei dafür Geeigneten (Gewicht >70 kg; Hb >14,0g/l) Doppelerythrozytapheresen durchgeführt. Beide Verfahren erwiesen sich als gleichwertig in Bezug auf Wirkung und Nebenwirkungen und können als kosteneffektiv angesehen werden. Die Integration von früh diagnostizierten Hämochromatosegenträgern ermöglicht es diesen Menschen, ihr Blut als altruistische Gabe zu spenden. Die in frühen Arbeiten beschriebene höhere Infektiosität (Yersinien) ist bei Frühdiagnostik kein Problem. Die Lebenserwartung der Genträger ohne Organschäden entspricht der der Allgemeinbevölkerung.


Die dritte Arbeit beschäftigt sich mit dem sensiblen Thema der Blutspende durch Migranten afrikanischer Herkunft:
McQuilten N et al.: Blood donation by African migrants and refugees in Australia: the role of demographic and socio-economic factors. Vox Sang. 106: 137–143
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vox.12091/abstract

In dieser australischen Querschnittsstudie wurden 425 Personen afrikanischer Herkunft zu ihrem Blutspendeverhalten befragt. Die Befragung erfolgte durch bilinguale Mitarbeiter, die flüssiges Englisch, Arabisch und/oder andere afrikanische Sprachen beherrschen. 73 (17,2 %) der so befragten Personen gaben an, Blut gespendet zu haben. Nur 2,4 % aller Befragten hatten in Australien Blut gespendet. Diese Zahl entspricht in etwa der der Spender aus der australischen Bevölkerung (2,7 %). Der Bedarf an Spendern afrikanischer Herkunft wird in Zukunft aus folgenden Gründen steigen.

  1. Vorliegen besonderer Blutgruppenmerkmale in verschiedenen Ethnien
  2. Das gehäufte Vorkommen von Hämoglobinopathien in Malariaendemiegebieten. Diese Krankheiten zeichnen sich durch einen erhöhten Transfusionsbedarf aus. Bei Patienten mit dieser Krankheit besteht auch eine erhöhte Gefahr der Entwicklung von Alloantikörpern (Langzeittransfusion, ethnische BG-Unterschiede).

In der Multivarianzanalyse der australischen Querschnittsstudie war das Blutspenden in dem untersuchten Kollektiv mit folgenden Faktoren signifikant vergesellschaftet:

  • höheres Alter (>45 Jahre),
  • geografische Herkunft (Ausschluss von Menschen, die in Endemiegebieten geboren wurden) und
  • höheres Bildungsniveau (Kenntnisse über Blutspenden)

 

 

Wie es in Afrika mit der Spendewilligkeit aussieht, darüber kann man sich am Beispiel Togo in einer frei zugänglichen Arbeit in Transfusion Medicine vom Februar 2014 informieren:
Alinon K. et al.: Emotional-motivational barriers to blood donation among Togolese adults: a structural approach. Transfusion Medicine 24: 21–26 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/tme.12082/full

Obwohl sich die Anzahl der Spender im Laufe der Jahre auch in Togo deutlich erhöht hat (2003: 5000 Spender, Anstieg auf  18.000 im Jahre 2008), gilt wie in vielen Entwicklungsländern, dass  < 0,2 % der Bevölkerung spenden (Vergleich: Kanada 4 %). Bei 400 freiwilligen Spendern in Lomé, die meisten der Befragten waren Universitätsabsolventen oder höhere Beamte, wurden 6 Faktoren, die von der Blutspende abhalten, auf einer Skala von 0-–10 bewertet:

 

Fehlende Information5,42
Bedenken, was mit dem Blut geschieht4,72
Risikoaversion4,37
Furcht vor dem medizinischen Setting2,41
Traditionsgebundenheit1,88
Indifferenz gegenüber anderen1,69

 

Weiterführende Links

  1.  Ajzen I., Fishbein M., Heilbroner R. L.: Understanding attitudes and predicting social behavior. Prentice Hall; Auflage: Revised. (7. März 1980)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_%C3%BCberlegten_Handelns
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Altruismus
  3. Otto Ph. E., Bolle F.: Multiple facets of altruism and their influence on blood donation. http://www.ohio.edu/people/paxton/webpage/altruism/Multiple%20facets%20of%20altruism,%20blood%20donation.pdf
  4. Andreoni J.: Impure altruism and donation to public goods: a theory of warm glow giving. http://econ.ucsd.edu/~jandreon/Publications/ej90.pdf

 

Beiträge über Blutspender auf Forschung aktuell

 

30.11.12
Freiwillige unbezahlte Blutspende (Voluntary Non-Remunerated Blood Donation/VNRBD). WHO-Experten-Konsensus.
Freiwillige unbezahlte Blutspende (Voluntary Non-Remunerated Blood Donation/VNRBD). WHO-Experten-Konsensus. Von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz. Die Versorgung der Bevölkerung mit sicheren Blutprodukten ist an ein ...
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30.04.10
Blutspenden: Entscheidet die Ökonomie über die Transfusionsfrequenz?
Blutspenden: Entscheidet die Ökonomie über die Transfusionsfrequenz? Von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz. Im April 2010 befassten sich mehrere Beiträge in Vox Sanguinis mit Problemen der Blutaufbringung: ...
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31.03.09
Blutsicherheit ist Spendersicherheit
Forschung aktuell April 2009
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31.10.08
Blutspende: Aktuelle Diskussion in internationalen Fachzeitschriften
Forschung aktuell November 2008
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01.02.08
Datenbanken, Register, Spenderabweisung
Forschung aktuell 2/2008
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01.08.07
Blutspende: Menschenrechte und Verantwortung
Forschung aktuell 08/2007
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01.05.05
Blutspende und Wissenschaft
Forschung aktuell 5/2005
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http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2003/05/01/haemochromatose/

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