01.06.2014 09:54

Ist Antiageing mit jungem Blut – zumindest im Mausmodell – möglich?

Ist Antiageing mit jungem Blut – zumindest im Mausmodell – möglich?
Ist Antiageing mit jungem Blut – zumindest im Mausmodell – möglich?

von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz

 

In vorwissenschaftlicher Zeit dachte man, dass Blut von jungen Menschen Greisen die Jugend wiederbringen kann; siehe http://www.roteskreuz.at/knt/blutspende/blut-im-detail/wissenswertes-ueber-blut/geschichte-des-blutspendens.

 

Forschungen an renommierten amerikanischen Universitäten (Stanford und University of California) scheinen dies nun wissenschaftlich – zumindest in Experimenten mit Mäusen – zu bestätigen. Am 9. Mai 2014 erschienen in „Science“ mehrere Arbeiten, die die Identifizierung eines „Jugendproteins“ aus dem Blut junger Mäuse belegen.

http://news.sciencemag.org/biology/2014/05/young-blood-renews-old-mice

 

J. Kaiser: „Rejuvenation factor“ in blood turns back the clock in old mice. Science 2014; 344: 570-571
http://www.sciencemag.org/content/344/6184/570.summary

 

Seit Beginn dieses Jahrtausends untersuchen Forscher im Stammzelllabor von Irving Weissman und Thomas Rando Blut- und Muskelstammzellen mit einer seit 150 Jahren bekannten Technik. Bei diesen als Parabiose bezeichneten Experimenten werden zwei Organismen durch eine Operation verbunden. Diese Praxis ist übrigens in Deutschland aus tierrechtlichen Gründen seit dem Jahr 1987 nicht mehr genehmigt worden. http://de.wikipedia.org/wiki/Parabiose

 

In ihren Experimenten mit Mäusen, deren Kreisläufe miteinander verbunden sind, machten die Forscher der Stanford-Universität eine überraschende Beobachtung: Wenn die Kreisläufe junger und alter Mäuse verbunden werden, verjüngen sich die Muskelzellen der alten Mäuse. Es konnte ein bestimmtes Protein, der Wachstums- und Differenzierungsfaktor 11 (GDF11), der als ein Stammzellregulator fungiert, als Ursache identifiziert werden. GDF11 ist im Blut alter Mäuse vermindert. Die tägliche Injektion von GDF11 über 4 Wochen verbesserte die Muskelfunktion der behandelten Mäuse. So verjüngt, konnten sie ihre Leistung im Laufrad, auch nach artifiziell gesetzten Verletzungen, steigern.

 

M. Sinha et al.: Restoring systemic GDF11 levels reverses age-related dysfunction in mouse skeletal muscle. Science 2014; 344: 649-652

http://stke.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;344/6184/649

 

Weitere Experimente zeigten, dass die Effekte nicht auf den Skelettmuskel beschränkt sind.

 

Eine vor einem Jahr erschienene Arbeit aus dem Labor von A. Wager zeigt, dass Injektionen von GDF11 die Herzmuskelverdickung, eine typische Alterserscheinung, rückgängig machen können.

 

A. S. Loffredo A.S. et al.: Growth differentiation factor 11 is a circulating factor that reverses age-related cardiac hypertrophy. Cell 2013; 153: 828-839

http://www.cell.com/abstract/S0092-8674(13)00456-X

 

Die Bedeutung dieser Beobachtungen ist angesichts der Tatsache, dass kardiovaskuläre Erkrankungen nicht nur die Todesursachenstatistiken weltweit anführen, sondern die Diagnose Herzinsuffizienz mit einem erheblichen Behandlungsaufwand über viele Jahre verbunden ist, eminent.

 

Allerdings ist der Weg vom Mausexperiment zur Behandlung von Menschen meist ein langwieriger. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass selbst in so renommierten Journalen wie „Science“, dem offiziellen Publikationsorgan der AAAS (American Association for the Advancement of Science; www.aaas.org) Arbeiten publiziert wurden, die von anderen Arbeitsgruppen nicht bestätigt werden konnten. Aber auch bei aller gebotenen Skepsis ist nicht zu leugnen, dass die Resultate faszinierend sind.

 

Mittlerweile sind mehrere Arbeiten erschienen, die zeigen, dass die auf den Parabiose-Experimenten basierenden Veränderungen auch Auswirkungen auf die Funktion anderer Organe, etwa der Leber, und vor allem auch auf die Funktion des Nervensystems (Rückenmark, Hirn) haben.

 

L. Katsimpardi et al.: Vascular and neurogenic rejuvenation of the aging mouse brain by young systemic factors. Science 2014; 344: 630-634

http://stke.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;344/6184/630

 

Ein zunächst nur online zugänglicher Letter in „Nature Medicine“ zeigt mittels Mikroarrayanalyse der Parabionten, dass Veränderungen der Transkription im Hippocampus, einem u. a. für die Gedächtnisfunktion wichtigen Hirnteil, stattfinden. Diese Veränderung der synaptischen Plastizität verbesserte wichtige kognitive Hirnfunktionen. Die Aktivierung des zyklischen AMP-Response-Elements (CREB) ist zumindest zum Teil für die Zunahme der Lernfähigkeit bei den untersuchten Mäusen verantwortlich.

 

S. A. Villeda et al.: Young blood reverses age-related impairments in cognitive function and synaptic plasticity in mice. Nat Med. 2014; advance online publication 4.5.14

http://www.nature.com/nm/journal/vaop/ncurrent/full/nm.3569.html

 

Ob diese Forschungsergebnisse auch eine gute Nachricht für unsere alternde Gesellschaft sind, wird erst die Zukunft zeigen. Angesichts der durch die demografischen Veränderungen bedingten Zunahme neurodegenerativer Erkrankungen sind die weiteren Forschungen sicher mit Spannung zu erwarten.

A. M. Van Hook: Bettering your elders. Sci Signal. 2014; 7: ec125

http://stke.sciencemag.org/cgi/content/abstract/7/325/ec125

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