01.08.2014 08:00

Blutspende: Aktuelle Forschungsergebnisse

Blutspende: Aktuelle Forschungsergebnisse
Blutspende: Aktuelle Forschungsergebnisse

von Univ.-Prof. Dr. Renate Heinz

Der Satz „Gesunde Blutspender und Blutspenderinnen sind die Grundlage sicherer Blutprodukte“ hat nichts an Aktualität verloren: Dies zeigen mehrere rezente Publikationen, die in verschiedenen transfusionsmedizinischen Zeitschriften erschienen sind:

 

Die im Juliheft von Transfusion Medicine and Hemotherapy publizierten, frei zugänglichen Arbeiten geben einen Überblick über die weltweite Forschung auf diesem Gebiet: https://www.karger.com/Journal/Issue/262018

 

Editorial: Müller-Steinhardt M., Bugert P.: Donor research - an upcoming field of interest all over the world! Transfus Med Hemother 2014; 41: 240-1
https://www.karger.com/Article/FullText/365943

 

Bis zur Jahrtausendwende war die Motivation zur Blutspende nur selten Thema hochkarätiger Forschung. Die komplexe Thematik erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Blutspendediensten und verschiedenen akademischen Institutionen. Trotz aller Bemühungen, globale Standards im Blutspendewesen zu implementieren, müssen die unterschiedlichen Bedingungen in den verschiedenen Ländern berücksichtigt werden.

 

Masser B., Smith G., Williams L. A.: Donor research in Australia: challenges and promise. Transfus Med Hemother 2014; 41: 296-301
https://www.karger.com/Article/FullText/365016

In Australien arbeitet das Rote Kreuz als wichtige BCA (Blood Collection Agency) seit 2001 eng landesweit mit verschiedenen Universitäten zusammen. Die Arbeiten des sogenannten „Donor and Community Research“(DCR)-Teams sollen helfen, die Schere zwischen dem steigenden Bedarf an Plasmaprodukten und Thrombozytenkonzentraten (TK) un der gleichzeitigen Abnahme des Bedarfs an Erythrozytenkonzentraten (EK) in den Griff zu bekommen.
Die Zusammenarbeit fokussiert auf folgenden Fragestellungen:

  1. Spenderrekrutierung (Recruitment) und Spenderbindung (Retention) von Apheresespendern
  2. Untersuchung der Rolle von Emotionen bei der Motivation und Bindung von Blutspendern

 

Die demografisch bedingten Probleme der Blutspende werden in der Arbeit einer deutschen Arbeitsgruppe untersucht:

Zeiler T., Lander-Kox J., Alt T.: Blood donation by elderly repeat blood donors. Transfus Med Hemother 2014; 41: 242-50
https://www.karger.com/Article/FullText/365401

 

Die historische obere Altersgrenze von 65 Jahren bei der Blutspende wurde aus Sorge um die Gesundheit der Spender ohne Vorliegen wissenschaftlicher Evidenz gezogen. Bereits 1996 wurden in Deutschland Spender, die regelmäßig Blut spenden, bis zum 68. Lebensjahr zur Spende zugelassen. Seit 2005 können Mehrfachspender nach ärztlicher Freigabe ohne vorgegebene fixe Altersgrenze spenden. In einer prospektiven Studie wurden ältere Spender (68–71 Jahre) genau untersucht. Es zeigte sich, dass bei dieser Altersgruppe im Vergleich zum Gesamtkollektiv weniger (!) Nebenwirkungen auftraten. Aufgrund dieser Ergebnisse hat das DRK, Blutspendedienst West (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland; 23 Mio. Einwohner), im Jänner 2010 das Alterslimit für Mehrfachspender aufgehoben, wobei aber eine engmaschige Kontrolle bezüglich Gesundheitszustand, Abweisungsraten und Verträglichkeit der Spende durchgeführt wurde. Der älteste Blutspender war 83 Jahre alt. Die ermutigenden Ergebnisse von 171.231 freiwilligen Mehrfachspendern, die älter als 68 Jahre sind, liegen nunmehr vor:

Nebenwirkungen waren sogar bei den >71-Jährigen seltener als im Gesamtkollektiv (0,16 % vs. 0,26 %). Allerdings muss bei Spendern, die älter als 70 Jahre sind, die langsamere Regeneration (Alterung der Stammzellen) beachtet werden. Dies zeigt sich in der Abweisungsrate, die bei >70-Jährigen 12,6 % beträgt, was aber noch immer weit unter dem Wert bei jungen Blutspendern (menstruierende Frauen!) liegt (21,4 %).

 

Die Autoren raten, ältere Blutspender besonders genau ärztlich zu untersuchen, wobei ein Attest des Hausarztes keine Bedingung zur Zulassung ist, sodass die Verantwortung ganz bei den Ärzten liegt, die den Spender vor der Spende untersuchen.

 

Der gute Gesundheitszustand der motivierten Seniorenspender/-spenderinnen trägt dazu bei, die Versorgung zu sichern: Stammten 2005 nur 2114 Blutspenden (0,2% des Spendeaufkommens) von Menschen, die älter als 68 Jahre alt waren, so waren es 2012 bereits 38.432 (4,2 % aller Blutspenden in der untersuchten Region).

 

Diese Arbeit ist umso wichtiger, als die freiwillige, unbezahlte Blutspende aus Altruismus die wichtigste Grundlage einer sicheren Blutversorgung ist. Die Motivation, die durch Geld erfolgt, ist allenfalls eine kurzfristige, während die Risken der bezahlten Spende nicht vernachlässigt werden dürfen!

Weidmann C. et al.: Monetary compensation and blood donor return: results of a donor survey in Southwest Germany. Transfus Med Hemother 2014; 41: 257-62
https://www.karger.com/Article/FullText/365525

 

Die langfristige Spenderbindung ist ein weltweites Problem, wie die folgenden Arbeiten zeigen. Vor allem junge Erstspender sind oft wegen der Nebenwirkungen nur schwer zu weiteren Spenden zu motivieren.

Newman B. H.: Management of young blood donors. Transfus Med Hemother 2014; 41: 284-95
https://www.karger.com/Article/FullText/364849

 

Bei der Definition junger Spender (bis 23 Jahre) unterscheiden sich die USA von Österreich, weil dort bereits 16-Jährige Blut spenden dürfen. Die hohe Rate an vasovagalen Reaktionen (54 %) und ihre Vermeidung sind Gegenstand vieler Publikationen, die in der vorliegenden Arbeit zusammengefasst werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen eine Herabsetzung des Spendealters. Neben der Motivation junger Spender sind es medizinische Gründe, wie niedrige Hämoglobinwerte, aber interessanterweise auch Medikamente, die zu Spenderabweisungen Anlass geben, wie auch die Arbeit der japanischen Arbeitsgruppe zeigt:

Ngoma A. M. et al.: Blood donor deferral among students in Northern Japan: challenges ahead. Transfus Med Hemother 2014; 41: 251-6
https://www.karger.com/Article/FullText/365406

 

Selbst in Ländern mit einer langen Tradition der freiwilligen, unbezahlten Blutspende sind die Rekrutierung und Anbindung von Spendern an die Blutspendeeinrichtungen nicht einfach. Der Aufbau eines funktionierenden Blutspendewesens in China ist im Vergleich dazu eine Mammutaufgabe. Nur neun Promille (!) der Bevölkerung sind zur Blutspende motivierbar und 60 % dieser motivierten Menschen spenden nur einmal!

Shi L. et al: Blood donor management in China. Transfus Med Hemother 2014; 41: 273-82
https://www.karger.com/Article/FullText/365425

 

Die Motivationsfaktoren in China sind aber sehr ähnlich wie in anderen Ländern: Altruismus, Reziprozität und der Einfluss von Peers (meist weil jemandem aus der Familie mit Blutprodukten geholfen hat werden können und Familienangehörige bzw. Freunde bereits gespendet haben). Die Steigerung des Selbstwerts durch die gute Tat ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Viele Spender glauben allerdings auch, dass sie ihrer Gesundheit etwas Gutes tun, und einige sehen die Vorteile einer kostenfreien Untersuchung auf mögliche Infektionskrankheiten. Neue staatliche Regulationen sollten ab 2013 diese potenziellen Risikospender im Vorfeld mittels Fragebogen exkludieren. Die HIV-Testung soll außerhalb des Blutspendewesens kostenlos und vertraulich angeboten werden, um damit das Risiko der Übertragung von Aids durch die Blutspende zu minimieren.

 

Während junge Chinesen durch Neugier zur Spende motiviert werden, sind bei vielen Älteren das traditionelle Denken (Verlust der Lebenskraft des Qi durch die Spende) oder das Vorurteil, dass durch die Blutspende Krankheiten übertragen werden, ein Hindernis. Die geringe Spendebereitschaft ist auch erklärbar durch die Skandale, die in der Vergangenheit die chinesischen Blutspendedienste betrafen. Das Vertrauen in ein flächendeckendes funktionierendes Blutspendewesen muss in China erst mühsam aufgebaut werden.

 

In Ländern, die ein funktionierendes System haben, gilt es, das Vertrauen auszubauen und auch auf andere Spendearten, wie zum Beispiel die Stammzellspende, auszuweiten:

Bart T. et al.: Giving blood and enrolling on the stem cell donor registry: ranking of obstacles and motives in Switzerland. Transfus Med Hemother 2014; 41: 264-72
https://www.karger.com/Article/FullText/365457

 

Die strengen Spendekriterien dürfen keinesfalls aus populistischen Motiven verwässert werden. Immer wieder wird der lebenslange Ausschluss von Spendewilligen infrage gestellt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass dem Schutz der Empfänger von Blutprodukten oberste Priorität zukommt. Der lebenslange Ausschluss homosexueller Männer (MSM) gibt immer wieder zu Diskussionen Anlass. Im Juliheft von Transfusion finden sich drei Beträge zu diesem Thema:

Liszewski W. et. al.: The rates, perceptions, and willingness of men who have sex with men to donate blood. Transfusion 2014; 54: 1733-8
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/trf.12535/abstract

 

Goldman M. et al.: Donor criteria for men who have sex with men: a Canadian perspective. Transfusion 2014; 54: 1887-92
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/trf.12592/abstract

 

In diesem Artikel wird das Ringen um eine für alle Parteien (Gay/Lesbian/Transgender-Community, Patient-Advocacy-Groups und Experten) akzeptable Lösung deutlich. Der Richterspruch „Blood donation is a gift, not a right“ hat viel für sich! Siehe auch http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2007/08/01/blutspende-menschenrechte-und-verantwortung/

 

Trotz aller Fortschritte darf nicht vergessen werden: Die HIV-Infektion ist eine bisher nicht heilbare Erkrankung und es existiert ein diagnostisches Fenster (9–11 Tage)! MSM, die falsche Angaben machen – was zwar selten, aber doch vorkommt –, gehen ein Risiko ein.

Tarana T. et al.: Understanding noncompliance with selective donor deferral criteria for high-risk behaviors in Australian blood donors. Transfusion 2014; 54: 1739-49
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/trf.12554/abstract

 

Die epidemiologischen Daten in Europa mahnen zur Vorsicht und unterstützen die Beibehaltung der geltenden Regeln: http://www.eurosurveillance.org/ViewArticle.aspx?ArticleId=20673

 

Auch wenn laufend Fortschritte in der Therapie erzielt werden und/oder Krankheiten aus den Schlagzeilen verschwinden, heißt das nicht, dass das Risiko, zu erkranken, ebenfalls verschwunden ist. Der lebenslange Ausschluss von Personen, die aus Malariagebieten stammen, wird durch einen Beitrag im Augustheft von Vox Sanguinis gestützt:
Kitchen A. D., Chiodini P. L., Tossell J.: Detection of malarial DNA in blood donors – evidence of persistent infection. Vox Sang 2014; 107: 123-31
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vox.12142/abstract

 

Die Psychologie ist zweifelsohne ein wichtiges Element der Spendeforschung. Eine weitere Arbeit in Vox Sanguinis beschäftigt sich mit den psychologischen Reaktionen abgewiesener Spender, die auch nach Aufklärung der Testergebnisse meist für die Blutspende nicht mehr zu motivieren sind:

Delage G. et al.: Donors’ psychological reactions to deferral following false-positive screening test results. Vox Sang 2014; 107: 132-9
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/vox.12143/abstract

 

Blutsicherheit besteht aus

  • Spendersicherheit,
  • Empfängersicherheit und
  • Versorgungssicherheit.

 

Nur wenn alle drei Elemente gleichermaßen berücksichtigt werden, wird der Satz
„Blut ist das sicherste Arzneimittel“ auch in Zukunft gelten.

 

Weitere Infos zur Spendeforschung auf Forschung Aktuell
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2014/05/01/blutspender-sonderheft-transfusion-maerz-2014/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2014/03/01/blutspenderaltruismushaemochromatosemigration/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2013/09/02/blutspende-eisenstoffwechsel-pica/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2012/11/30/freiwillige-unbezahlte-blutspende-voluntary-non/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2010/10/31/motivation-zur-blut-und-plasmaspende/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2010/08/30/blutsicherheit-epidemiologie-hiv-hcv-hbv-und/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2010/04/30/blutspenden-entscheidet-die-oekonomie-ueber-die-t/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2008/10/31/blutspende-aktuelle-diskussion-in-internationalen/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2007/08/01/blutspende-menschenrechte-und-verantwortung/
http://www.roteskreuz.at/berichten/aktuelles/news/datum/2005/05/01/blutspende-und-wissenschaft/

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