07.05.2004 22:34

Ostafrika: Mörderisches Mitleid?

Wie in Ruanda und Bosnien soll auch im Sudan die helfende Hand allein den Arm des Mörders aufhalten.Gastkommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Kürzlich wurde in der Wiener U-Bahn am helllichten Tag eine Frau vergewaltigt. Dutzende Menschen, darunter ein Mitarbeiter der U-Bahn-Aufsicht, ein Journalist, ein Politiker und der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, sahen dabei untätig zu. Niemand tat etwas. Oder jedenfalls: fast nichts.
Der Mitarbeiter der U-Bahn-Aufsicht verfasste einen detaillierten Bericht über den Vorfall für die Wiener Linien. Der Journalist verfasste eine Meldung darüber. Weil es sich bei dem Vergewaltigungsopfer aber um niemand Prominenten, sondern nur um eine Hausfrau handelte, erschien sie nur klein im Chronik-Teil seiner Zeitung. Der Mitarbeiter der Hilfsorganisation verfasste spontan einen Spendenaufruf und sammelte bei den betroffenen Fahrgästen, um der Frau die zerrissene Kleidung zu ersetzen. Auch der Politiker verfasste etwas: eine Rede. „Dass man dieser Frau dieses Martyrium auferlegt hat“, sagte er. „Man empfindet Scham und Trauer für die Menschheit. Aber man darf vor gynäkologischen Krisen wie dieser nicht resignieren und die Hoffnung nicht aufgeben, dass es gelingt, den Geist der Brüderlichkeit zwischen den Geschlechtern zu festigen!“


Er überreichte der vergewaltigten Frau die Spenden und ließ sich dabei vom Journalisten fotografieren. Dann eilte er davon. Ihn erwartete ein Mittagessen mit dem Vergewaltiger, mit dem er dessen Milieuschäden diskutieren und ihn ernsthaft an die Unbotmäßigkeit seiner Tat erinnern würde.

Sie halten diese Geschichte für absurd? Dann hören Sie sich diese hier an:

In Darfur, im Westen des Sudan, finden zurzeit ethnische Säuberungen statt. Die Gewalt richtet sich gegen die Volksgruppe der Fur. Der Hohe UN-Kommissar für Menschenrechte hat eine Untersuchung der Vorfälle durchgeführt und einen Bericht verfasst. Er ist am vergangenen Donnerstag nur durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangt und bestätigt die Befürchtungen. Weil der Westsudan ökonomisch, strategisch und sicherheitspolitisch eine völlig unergiebige Gegend ist, erscheinen in den meisten Medien bestenfalls Randnotizen über die Massaker. Einige Regierungen werden jetzt ein bisschen Geld locker machen, damit Hilfsorganisationen vor Ort für Überlebende und Flüchtlinge das eine oder andere aus dem Flugzeug fallen lassen können. Das sieht im Fernsehen gut aus, sollte doch noch eine Kamera vorbeikommen. Und einige Diplomaten werden ihre sudanesischen Kollegen beim nächsten Empfang bestimmt an die Unbotmäßigkeit ihrer Taten erinnern. Und wenn wieder alles zu spät ist, werden sie Reden verfassen, die sich ungefähr so anhören werden: „Man empfindet Scham und Trauer für die Menschheit. Aber man darf vor humanitären Krisen wie dieser nicht resignieren und die Hoffnung nicht aufgeben, dass es gelingt, den Geist der Brüderlichkeit zwischen den Völkern zu festigen!“

Gerade wurde mit tönenden Worten der „humanitären Krise“ in Ruanda vor zehn Jahren gedacht. Sie war in Wahrheit ein Genozid. Auch die „humanitäre Krise“ in Bosnien ist noch in frischer Erinnerung. Das waren ethnische Säuberungen. Aber trotz aller vollmundigen Erklärungen („Nie wieder!“) reagiert die Staatengemeinschaft auf die Ereignisse in Darfur, die jetzt schon schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, so, wie sie das immer tut: Mit rhetorischer Beschwichtigung (wer würde eigentlich eine Vergewaltigung, fragte Ex-MSF-Präsident Rony Brauman, als „gynäkologische Krise“? bezeichnen) und humanitärer Hilfe. Die humanitäre Stafette wird losgeschickt, um die Welt glauben zu machen, es geschähe etwas, die Helfer wären zur Stelle und könnten handeln. In der Praxis sieht es aber so aus, dass ihre Anwesenheit nichts anderes ist als ein Alibi. Sie sind Geiseln einer Situation, die sie nicht kontrollieren können. An einigen Orten werden sie toleriert, an Orten der Gräuel werden sie abgewimmelt. Die vor sich hin dösende Öffentlichkeit vergisst mittlerweile, dass die Anwesenheit der Helfer den Staaten erlaubt, die Politik in den Ausstand treten zu lassen.

Die Frage: „Schweigen oder Protestieren?“ stellt sich heutzutage gar nicht mehr. Bosnien und Ruanda haben es gezeigt, der Sudan bestätigen es wieder: Die moderne Form der Duldung von Gräuel durch die schweigende Mehrheit besteht nicht mehr in Passivität und Geheimhaltung. Sondern im Gegenteil, in Aktivismus und Zurschaustellung. Das Spektakel der Hilfe ist an die Stelle von Politik und Diplomatie getreten, der Vorhang der Hilfslogistik fällt über die Massengräber. Den Opfern nichts als eine helfende Hand zu reichen heißt aber, so Rony Brauman, „die mörderische Logik eines Systems zu akzeptieren, das ein paar Überlebende zurücklässt, wie um unseren Wertehunger zu stillen.“
Denn keine helfende Hand hat je den Arm des Mörders aufgehalten. Das kann nur die Politik. Politische Probleme müssen politisch – und wenn es sein muss militärisch – gemanagt werden, bevor es zu spät ist. „Der einzige Unterschied zu Ruanda“, sagt der UN-Koordinator für Nothilfe im Sudan, Mukesh Kapila, „ist bis jetzt die Zahl der Opfer.“ Bis jetzt.

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