16.04.2008 10:14

Zuwanderung „Australian-style“

Ein Gastkommentar von Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer in der Zeitung "Die Presse" am 16. April 2008

Gelingende Integration braucht Steuerung von Migration mit Augenmaß, siehe www.immi.gov.au


Wenn eine aktuelle Umfrage recht hat, dann surfen österreichische Angestellte in ihren Büros täglich im Durchschnitt 20 Minuten privat im Internet. Das ist eine Chance, die nicht vergeben werden darf. Hier deshalb ein Tipp für alle Bürosurfer: Die Website des australischen Ministeriums für Immigration und Staatsbürgerschaft www.immi.gov.au.

Ein Besuch der Site ermöglicht nicht nur, längst begrabene Jugendträume einer Auswanderung nach down under noch einmal zu beleben. Es lässt sich dort praktischerweise auch gleich feststellen, ob man für eine dauerhafte Einwanderung in Australien überhaupt zugelassen wäre.

Man sammelt mittels Mausklick Punkte für verschiedene Kriterien wie Alter, Ausbildung oder Sprachkenntnisse. Ergänzt ist das Punktesystem durch eine Liste von Qualifikationen, die besonders benötigt werden, und die alle zwei Jahre aktualisiert wird. In 20 Minuten ist klar, ob man für eine dauerhafte Bleibe inklusive sofort erteilter Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung und einen Familiennachzug zugelassen ist. Die Einwanderungspolitik des sonneverbrannten Kontinents ist klar, flexibel, zukunfts- und bedarfsorientiert, unkompliziert, transparent und fair.

Integration hängt davon ab, wer kommt

Die im Moment laufende Aktion des Innenministeriums „Gemeinsam kommen wir zusammen“ zur besseren Integration von bereits in Österreich lebenden Migrantinnen und Migranten ist ganz bestimmt eine lobenswerte Initiative. Von Zuwanderung ist dabei allerdings mit keinem Wort die Rede. Im Kontinuum Migration – Integration wird nur letztere behandelt, das Pferd also von hinten aufgezäumt. Aber erfolgreiche Integration hängt auch davon ab, wer kommt. Bei Integrationsfragen stehen wir heute auch deshalb vor Herausforderungen, weil unser Land nicht durch Steuerung, sondern durch die faktische Entwicklung zum Einwanderungsland geworden ist. Wenn jetzt nicht auch über ein neues Zuwanderungsmodell geredet wird, dann heißt das nur, dass wir in ein paar Jahren wieder vor genau denselben Problemen stehen werden.

Gelingende Integration braucht Steuerung von Migration mit Augenmaß. Auch die Folgen der demografischen Entwicklung machen die Umstellung der Zuwanderungsgesetze auf der Grundlage rationaler, vernunftgesteuerter Politik notwendig. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sollen der Steuerung von Zuwanderung anhand klarer und transparenter Kriterien primär nach den Bedürfnissen des Zuwanderungslandes dienen. Zuwanderungsmodelle, die sich an Kriterien und nicht an Quoten orientieren, schaffen außerdem Transparenz und Fairness für potentielle Zuwanderer: Sie müssen nicht um die halbe Welt reisen, nur um dann festzustellen, dass sie nicht bleiben dürfen.

Umfassendes Konzept für Migration

Nur, wenn ein umfassendes Konzept für qualifizierte Zuwanderung und Integration erstellt und umgehend an den entsprechenden Zielen gearbeitet wird, stehen wir morgen nicht vor dem Problem weiterer zahlreicher nicht integrierter Menschen mit Migrationshintergrund.

Übrigens: In Großbritannien trat Anfang März ein Zuwanderungsmodell „Australian-style“ in Kraft. Es ersetzt die bisher über 80 (!) Möglichkeiten, wie Drittstaatsangehörige ins Land gelangen konnten, durch fünf Säulen. Im Zentrum steht ein Punktesystem wie in Australien. Die Briten haben damit auch den Geist der Migrations- und Integrationspolitik ihrer ehemaligen Kolonie übernommen: „Unser Land bereichern – durch optimal gesteuerte Zuwanderung und Hilfe bei der Niederlassung von Migranten.“


Fredy Mayer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK). Die Migrations- und Integrationscharta des ÖRK ist ab Mitte April auf www.roteskreuz.at zu finden.

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