24.04.2008 17:11

Jugendüberschuss: Haben künftige Kriege demografische Ursachen?

Weltweit Millionen junger Männer ohne Zukunft

Kindersoldat

Wien/Bremen/Stanford (Rotes Kreuz). „Wo Väter im Mittel mehr als zwei Söhne hinterlassen, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Konflikten“, sagt der deutsche Ökonom und Völkermordforscher Gunnar Heinsohn. Wenn sich dieser Überhang über mehrere Generationen wiederholt, „erwächst ein regelrechter Sprengsatz.“


„Youth bulge“ – Jugendüberschuss – heißt das Phänomen im Jargon der Demografen. Er soll zu politischer Instabilität führen, wenn junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden. Für Millionen von ihnen, vor allem in den Ländern südlich der Sahara und im Mittleren und Nahen Osten, ist genau das der Fall. Eine Studie des amerikanischen Auslands-Nachrichtendienstes CIA ist schon vor über zehn Jahren zum Schluss gekommen: Sobald die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen einen Anteil von 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung übersteigt, drohen Mord und Totschlag.


Viele Staaten mit Jugendüberschuss fügen sich allerdings nicht in diese Theorie. Dagegen sind andere, in denen junge Männer eine aussterbende Spezies darstellen, tatsächlich in Kriege verwickelt (offensichtlichstes Beispiel: die USA). Die Studie „Die Alterung der Bevölkerung in verschiedenen Ländern“ (http://longevity.stanford.edu/doc/completeBK.pdf ) des Zentrums für Langlebigkeit in Stanford (http://longevity.stanford.edu) hat jüngst neben dem  Jugendüberschuss drei weitere Ursachen für künftige Konflikte identifiziert:
•    Rasches Wachstum der Stadtbevölkerung
•    Abnehmende Ackerfläche und sauberes Wasser pro Einwohner
•    Hohe Todesraten unter Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter (hauptsächlich als Ergebnis der HIV/AIDS-Epidemie)


Das Risiko für politisch motivierte Gewalt, Bürgerkriege oder auch Angriffskriege ist dort besonders hoch, wo junge Männer keine Möglichkeit zur Ausbildung, keine Chance auf Arbeit und in Folge keine Zukunftsperspektive haben, so die Forscher aus Stanford.


Diesen Zusammenhang hat der Demograf Steffen Kroehnert vom Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung (www.berlin-institut.org) noch weiter verfeinert. Eine Gegenüberstellung des Bevölkerungswachstums seit 1945 mit den über 200 Kriegen, die seit damals stattgefunden haben, ergibt allerdings ein noch vielfältigeres Bild. Die einfache Formel: „Mit vielen Kindern kommt der Krieg“ lässt sich nicht mehr so einfach aufrecht erhalten.


Kroehnert kommt zum Ergebnis: Blutige Konflikte entstehen eher dort, wo Diktaturen sich gegen Modernisierung und Demokratisierung stemmen und die Bildungssysteme sehr mangelhaft sind. Erschwerend wirkt dabei, wenn ein niedriger Lebensstandard zu hohen Geburtenraten führt. Die Länder, auf die diese Kriterien zutreffen, sind allerdings wieder nahezu identisch mit jenen, die Gunnar Heinsohn nennt: Sie liegen hauptsächlich in Afrika, und dort südlich der Sahara.


Das Ergebnis der aktuellsten Studien zum Thema „Jugendüberhang“ erscheint also vertraut: Selbst in Entwicklungsländern, in denen die Bildung steigt, Frauen mehr Rechte erlangen und die Demokratie als Regierungsform angenommen wird, steigt der Wohlstand und sinkt das Kriegsrisiko. Das gilt erst recht für die Staaten mit hohem Wohlstand: Denn warum sollte ausgerechnet Österreich gegen die Schweiz in den Krieg ziehen?  

 

 

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