28.07.2008 12:30

Die Pflichten der Fünfjährigen

Würde ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr die Sprachprobleme der Schulanfänger beseitigen? Ein Gastkommentar von Präsident Fredy Mayer in der Tageszeitung "Die Presse"

Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer

Es gibt sie: die Taferlklassler, die kein Wort Deutsch können. Dafür eine andere Sprache. Die noch nie unterrichtet wurden und vom ersten Schultag an im Rückstand sind. Die keine Chance haben, gleichzuziehen mit den anderen, die schon im Kindergarten gefördert wurden. Die von allen verstanden werden, weil Deutsch ihre Muttersprache ist. Es liegt auf der Hand, dass ein Kind, das die Unterrichtssprache nicht versteht, einen Startnachteil hat. Aber wie lässt sich dieser Nachteil ausgleichen?


Für das Rote Kreuz ist es unerheblich, ob der Aufenthalt dieses Kindes „rechtens“ ist (überwiegend handelt es sich um österreichische Staatsbürger). Genauso wenig interessiert uns eine mögliche „Mitschuld“ der Eltern an der kindlichen Kompetenzlücke. Unser Anliegen ist das Kind, und so sind unsere Vorschläge zu verstehen.

 

Kindergärten sind Teil unserer Bildungskultur. Im letzten Kindergartenjahr besuchen in den Bundesländern mehr als 90% der Fünfjährigen einen Kindergarten, in Wien rund 85%. Dieses letzte Kindergartenjahr soll für die Schule „fitmachen“, soll Kindern „Basiswissen“ vermitteln. Aus diesen Begriffen spricht das verbreitete Missverständnis, die Kinder müssten früher mit dem Lernen beginnen. Völlig daneben: In diesem Alter sollen Kinder ihre Wahrnehmung schulen, Denkstrukturen aufbauen, die später (!) für das Lernen ausschlaggebend sind, Fertigkeiten erwerben, die sie brauchen werden, und ihre Koordination (z.B. Motorik und Akustik) verfeinern. Klar ist, dass Kinder dabei auch sprachlich profitieren – sie reden ja miteinander, und sie befinden sich in einem Alter, in dem ihnen das Sprachenlernen enorm leicht fällt. Das alles unter der Voraussetzung professioneller Steuerung und Begleitung.
Soll man daher alle Fünfjährigen zum Kindergartenbesuch verpflichten? Das wäre auch ein Angebot, das die Eltern ins Boot – nämlich in das soziale Leben rund um den Kindergarten – holt.


Wie geht es dann weiter?

Ein „Dauerbrenner“ ist die Forderung nach spezieller Förderung, nach Kursen im Kindergarten. Wer soll sie halten? Kindergartenpädagogik wird in einer fünfjährigen höheren Schule mit Matura vermittelt. Je kleiner die Kinder, desto weniger Ausbildung – das scheint der österreichische Weg zu sein. Auch wenn Experten mahnen, dass man für das Begleiten kleiner Kinder mehr wissen müsse als für jene Kinder, die sich schon selbst ganz gut artikulieren können. Deshalb gehört die Kindergartenpädagogik in den Pädagogischen Hochschulen unterrichtet, wie das in anderen Ländern längst geschieht. Schade, dass man bei der Reform der Pädagogischen Hochschulen auf die Kindergärten „vergessen“ hat.

 

Welche Chancen haben solche Ideen?

Aus tagespolitischer Sicht gar keine. Sie kosten Geld, ihre Effekte werden erst in Jahren spürbar und noch später messbar sein. Ein freies Kindergartenjahr müsste wohl für alle Kinder gelten. Das wäre eine kostspielige Aktion – andererseits eine treffsichere, zweckgebundene Familienförderung. Auch eine Verlängerung der Ausbildung ist zuerst einmal ein Kostenfaktor. Andererseits wäre mehr Kompetenz im Kindergarten ein Konzept, das nicht nur beim Deutschlernen in die Zukunft weist. Und: Es ist eine Investition in unsere Zukunft. Wir sollten angesichts der Alterung nicht vergessen: Eine Volkswirtschaft kann auch trotz immer weniger Beschäftigter vermögend bleiben und so die Funktionsfähigkeit seiner Sozialsysteme erhalten. Nur müssen diese Beschäftigten dafür sehr produktiv – und bestens ausgebildet – sein. Ein solches Kindergartenjahr schafft die Voraussetzungen, weil es die negativen Auswirkungen der sozialen Vererbung bekämpft. Gerade die Kleinsten brauchen die beste Pädagogik. Aus Respekt vor den Kindern – aus Liebe zum Menschen.

 

Fredy Mayer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK). Die Migrations- und Integrationscharta des ÖRK ist auf www.roteskreuz.at zu finden.

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