02.09.2008 16:08

Warten auf die nächste Ernte

Monique Broeshart, Delegierte des Österreichischen Roten Kreuzes, koordiniert die Nahrungsmittelhilfe in Äthiopien. Sie schildert ihre persönlichen Eindrücke der Situation in den Gebieten Welayita und Pulasa.

Rotkreuz-Hilfe in Äthiopien

In den Straßen der Ortschaften in der äthiopischen Region Welayita verkaufen Kinder frisch geröstete Maiskolben an Passanten. Indessen stellen sich hunderte Menschen vor den Lagerhäusern der Städte an, um sich ihre monatliche Ration Mais, Bohnen und Öl abzuholen.

 

Die vom Roten Kreuz initiierte Nahrungsmittelhilfe sichert insbesondere Kleinkindern und älteren Menschen das Überleben.  Sie garantiert, dass Kinder weiterhin die Schule besuchen und Bauern genügend Energie haben, um ihre Felder bestellen zu können.

 

Als unser Rotkreuz-Auto gerade einige Eselskarren, die sich mehr schlecht als recht ihren Weg über die schlammigen Straßen bahnen, überholt, blickt Gedlu Beyene, Mitarbeiter des Äthiopischen Roten Kreuzes, auf die Ladung der Karren. Die hölzernen Stangen sind ausgedörrt und schmutzig. „Das ist bestimmt kein frisches Holz“, bemerkt Gedlu. „Es sieht ganz danach aus, als ob die Menschen ihre Hütten abbauen, um das Holz als Brennmaterial am Markt zu verkaufen. Das zeigt, wie verzweifelt sie sind. Sie haben schlicht nichts anderes, womit sie ihren Unterhalt bestreiten können.“

 

Eigentlich ist Welayita ein fruchtbares Gebiet. In guten Zeiten kann das ganze Jahr über angebaut werden. Eine Ernte folgt der nächsten, die Felder werfen viel Getreide ab. Doch aufgrund der der hohen Bevölkerungsdichte besitzt ein durchschnittlicher Haushalt weniger als einen halben Hektar Land. Das bedeutet selbst bei guten Ernten, dass viele Familien nur knapp über die Runden kommen. Nach drei Missernten in Folge geht sich selbst das nicht aus – die Vorräte sind aufgebraucht.

 

Über Regenknappheit beklagt sich derzeit niemand mehr. Das Klima ist feucht, die Samen treiben innerhalb kurzer Zeit aus. Das Vieh hat genügend Gras und Ensete – ein Bananengewächs - gedeiht reichlich rund um die Bauernhöfe. Diese Stauden sind so etwas wie ein Lebensretter. Aus ihren Stämmen kann Brot hergestellt werden, dessen Verzehr schon viele Familien vorm Verhungern rettete – nicht allerdings vor einer bedenklichen Mangelernährung.
Da viele Bauern gezwungen sind, ihr Vieh zu verkaufen, fallen die Preise – mittlerweile bekommt man weniger als ein Drittel des herkömmlichen Preises. Addis Abeba verzeichnet wegen der Krise einen erheblichen Anstieg an Zuwanderung. Die Einwohner der Hauptstadt kennen Welayita auch als Herkunftsort etlicher Buben, die sich ihren Unterhalt durch Schuheputzen auf der Straße verdingen.

 

In Welayita leiden nicht nur die Kinder der ärmsten Familien an Unterernährung. Auch die Mittelschicht ist bereits betroffen. In Spitälern gibt es eigene Zimmer, in denen Säuglinge und Kleinkinder versorgt werden, die schwer unterernährt sind. Neun Kinder sind in einem Zimmer untergebracht. Einen Großteil des Tages verbringen die Kleinen mit Schlafen. Ihre Mütter sitzen schweigend daneben. Als die Rotkreuz-Mitarbeiter das Zimmer betreten blicken sie nur kurz auf, dann wenden sie sich wieder besorgt ihren Kindern zu.

 

Welayita ist eine jener Gegenden Äthiopiens, die besonders stark von Dürren betroffen sind. In den beiden Regionen Damot Pulasa und Damot Welayita ist das Äthiopische Rote Kreuz von der Regierung mit der Verteilung von Lebensmitteln beauftragt worden. Die 20 Rotkreuz-Freiwilligen, die in den Verteil-Zentren arbeiten, finden keine Zeit für eine Pause oder einen kurzen Tratsch zwischendurch. Laufend kommen verzweifelte Menschen zu ihnen, die erstmal beruhigt und über die Modalitäten der Verteilung aufgeklärt werden müssen. Jeder muss geduldig warten, bis er an der Reihe ist. Wer seine Ration bekommen hat, bestätigt den Erhalt mit einem Fingerabdruck. Den ganzen Nachmittag werden Nahrungsmittel verteilt. Jene, die weiter hinten in der Schlange stehen, werden schon nervös und ungeduldig. Jeder möchte vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Abends und in der Nacht ist die Gefahr am Heimweg ausgeraubt zu werden nämlich viel größer. Nach und nach werden die Stapel im Lagerhaus kleiner. Unablässig schultern Arbeiter schwere und staubige Säcke. Außerhalb warten die Empfänger und helfen einander die Nahrungsmittel auf Eselskarren zu verladen. Ein Koordinator regelt die Verteilung. Lokale Autoritätspersonen schreiten ein, wenn Streitereien zu schlichten gibt. Dennoch kommt es zu lautstarken Auseinandersetzungen. Die Kinder laufen indessen aufgeregt herum, manche heben ein paar Saatkörner auf, die auf den feuchten Boden gefallen sind.


Eines ist allen gemeinsam: Jeder bemüht sich, genug Nahrung für die nächsten Tage zu ergattern – im Idealfall genug Nahrung bis zur nächsten sehnsüchtig erwarteten Ernte im November.

Monique Broeshart, Äthiopien

socialshareprivacy info icon