07.04.2010 20:00

Family News Nr. 01/10, Jänner 2010

Ein Informations-Service des Suchdienstes des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK)

Inhalt:

 

I. S

  • Klärung der Herkunft
  • Neue Asylgesetznovelle

 

II. Suchdienst International:

  • Ruanda: Junge Frau sieht nach 15 Jahren ihre Familie wieder
  • Erdbeben in Haiti

 



I. Suchdienst Österreich


Klärung der Herkunft

Frau Anna T., wohnhaft in Kirgisistan, wurde im März 1944, im Durchgangslager in Linz, als Tochter einer ukrainischen Landarbeiterin, geboren. Da sie im Jänner 1948 in ein Sonderkinderheim nach Borislaw, Ukraine, gebracht worden war, bat sie den Suchdienst um Klärung ihres Aufenthaltes in Österreich.


Es stellte sich heraus, dass ihre Mutter Justina F., die in Kallham beschäftigt war, im Mai 1945 ohne die Tochter Anna in die Ukraine zurück kehren musste. Anna verblieb bis November 1947 in Kallham, danach kam sie zu einer Pflegefamilie nach Laakirchen, wo sie bis September 1948 wohnte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bad Schallerbach wurde sie im November 1948 in die Ukraine repatriiert.


Der Suchdienst konnte die Tochter der ehemaligen Pflegeeltern ausfindig machen und informierte sie über die Anfrage von Anna. Frau Barbara S. war sehr daran interessiert, mit ihr in Kontakt zu treten. Sie hat Fotos und Unterlagen und überlegte bereits vor einem Jahr selbst die Initiative zu ergreifen.


Da die Eltern von Barbara zu dieser Zeit noch keine eigenen Kinder hatten, versuchten sie, Anna zu behalten. Nach monatelangem Kampf mit den sowjetischen Behörden wurde der Antrag auf Adoption jedoch abgelehnt. Sie mussten Anna nach Bad Schallerbach bringen, wo sich eine „Sammelstelle“ für Kinder befand.


Anna T. erhielt die neuen Informationen sowie die Kontaktdaten von Barbara. Nach einigen Wochen erhielt der Suchdienst ein Schreiben von Anna T., die ihre Freude über das Ergebnis wie folgt ausdrückte: „Ich bin sehr dankbar und verneige mich zutiefst. Jetzt weiß ich genau, wer ich bin und wie ich in meiner frühen Kindheit gelebt habe. Die Verbindung mit Barbara ist sehr wichtig für mich. Es ist angenehm zu fühlen, dass es irgendwo einen Menschen gibt, der mir auf irgendeine Weise nahe steht. Ich habe meine Wurzeln gefunden und gleichzeitig das Schicksal meiner Mutter geklärt. Sie ist 1996 verstorben und hatte meine Geburt verheimlicht, deshalb haben die Verwandten nicht nach mir gesucht. Sie haben mich nun mit großer Wärme aufgenommen.“

 



Neue Asylgesetznovelle

Die neue Asylgesetznovelle, welche mit 01.01.2010 in Kraft trat, brachte auch für das Familienverfahren einige Erneuerungen. Das Kompetenzzentrum Familienzusammenführung setzte sich in Zusammenarbeit mit der ÖRK Migrations- und Rechtsabteilung im Jänner intensiv mit den Änderungen und ihren praktischen Folgen auseinander:

  • Da der Antrag auf Familienzusammenführung nun als Sichtvermerksantrag gilt, liegt die Verantwortung, bezüglich Einreisen der Angehörigen, nun mehr bei den österreichischen Vertretungsbehörden statt beim Bundesasylamt.
  • Wurde für einen Fremden in Österreich ein Asylaberkennungsverfahren eingeleitet, sind Angehörige nicht antragsberechtigt. Sollten bereits Familienverfahren anhängig sein, werden diese als gegenstandlos abgelegt. Die Familienmitglieder können neue Anträge stellen, sobald die vom BAA angestrebte Asylaberkennung seitens des Asylgerichtshofs abgelehnt wurde.
  • Das Thema Straffälligkeit zieht sich durch die gesamte Gesetzesänderung. Angehörige einer straffällig gewordenen Bezugsperson in Österreich sind nicht mehr antragsberechtigt.
  • Über Angehörige deren Asylstatus von anderen Familienmitgliedern abgeleitet wurde (d.h. Personen, die über ein Familienverfahren in Österreich Asyl erhalten haben), können nur mehr minderjährige, ledige Kinder einreisen. Dies führt zur Konsequenz, dass z.B. Eltern, die lediglich eine Lebensgemeinschaft führen, ein gemeinsames Familienleben in Österreich verwehrt wird.
  • DNA-Analysen und Altersfeststellungen durch Handwurzelknochenröntgen wurden als Standardmethoden zur Feststellung der Familieneigenschaft oder bei Zweifel an der Altersangabe festgeschrieben. Erfreulich ist, dass den Familien bei positivem Testergebnis auf Antrag, die Kosten des DNA-Tests erstattet werden. Damit wurde eine mehrmals formulierte Forderung des Österreichischen Roten Kreuzes umgesetzt.

 


 


II. Suchdienst International


Ruanda: Junge Frau sieht nach 15 Jahren ihre Familie wieder

23.02.2010 Kiagali (IKRK)
Das heutige Datum wird sich für immer in das Gedächtnis von Chantal, einer 18jährigen Frau aus Ruanda, einprägen, die nach 15 Jahren mit ihrer Tante und ihren Geschwistern, ohne etwas von ihnen in dieser Zeit gehört zu haben, wieder vereint wurde.


Chantal ist es gelungen, diese Momente des Glücks aufgrund der umfangreichen Arbeit in Ruanda, die vom IKRK durchgeführt wurde, zu genießen. Seit vielen Jahren bemüht sich das IKRK, den Kontakt zwischen den Familienmitgliedern, die durch Konflikte in dieser Region getrennt wurden, wieder herzustellen.


„Ich bin begeistert, nach so vielen Jahren, endlich wieder mit meiner Tante vereint zu sein,“ sagte die junge Frau. „Und ich bin unglaublich glücklich, dass ich wieder mit meinen Geschwistern zusammen leben kann.“


Chantal wurde im Juli 1994 in der Demokratischen Republik Kongo, im Alter von 3 Jahren zur Waise und von ihrer Tante getrennt. Sie wurde in diesem Land von einer Pflegefamilie aus Ruanda aufgenommen. 1996 kehrte Chantal mit ihrer Pflegefamilie nach Ruanda zurück, um in Gisenyi zu leben.


Anfang 2009 wurde Chantal vom IKRK registriert und somit begann die Suche nach ihrer Familie. Verschiedene Suchstrategien, wie zum Beispiel Radiodurchsagen wurden ohne Erfolg eingesetzt. Erst im Dezember 2009 war es der jungen Frau möglich, Dank der Methode der physischen Anwesenheit, die darin bestand, dass man die junge Frau in die Nähe des vermuteten Wohnsitzes der Familie brachte, ihre Familie zu finden.


„Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger ist es für junge Leute, sich an Namen und Herkunft zu erinnern“, erklärte Dan Rukeba, der IKRK-Suchdienstverantwortliche in Kigali. „Deshalb werden unsere Mitarbeiter manchmal dazu aufgefordert, diese Methode als letzte Möglichkeit zu versuchen. Bei Chantal haben sich diese Bemühungen gelohnt.“


Im Rahmen des Programms Wiederherstellung der Familienbande wird das IKRK morgen 10 weitere Kinder aus Ruanda, aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo repatriieren. Die Kinder werden mit ihren Familien, die bereits in verschiedenen Bezirken in Ruanda gefunden wurden, zusammengeführt. Dank dieses Programms hat das IKRK seit 1995 über 14.000 unbegleitete Kinder mit deren Familienmitgliedern wieder vereint.
Quelle: IKRK News 10/22

 



Erdbeben in Haiti

Am 12. Jänner 2010 um 16:53 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7 nach Richter die Karibikinsel Haiti. Das Epizentrum befand sich ca. 20 km südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince und führte zu enormem Personen- und Sachschaden in der Region um und in Port-au-Prince. Auch heute noch gibt es keine genauen Opferzahlen, es wird jedoch davon ausgegangen, dass durch das Erdbeben 230.000 Personen ihr Leben verloren haben und mehr als 1 Million obdachlos wurden.

Die Hilfsaktion des Roten Kreuzes lief binnen Stunden an und innerhalb weniger Tage halfen Tausende lokale und Hunderte internationale Rotkreuz-HelferInnen vor Ort. Primärer Fokus der Arbeit lag dabei auf der Versorgung der Überlebenden mit dem Notwendigsten.

Auch das IKRK identifizierte seine prioritären Aufgabenbereiche und definierte insbesondere die Wiederherstellung des Kontakts zwischen getrennten Familienmitgliedern (restoring family links – RFL) und das Management der Toten (Management of the dead) als zentrale Aufgabenfelder.


Bereits am Tag nach dem Erdbeben wurde die Webseite www.icrc.org/familylinks für Haiti geöffnet, die es ermöglichte, einerseits aufgrund des Erdbebens vermisste Angehörige zu registrieren und andererseits und auf Sicht gesehen auch, dass sich Überlebende selbst als solche eintragen. Die Webseite wurde insbesondere von der außerhalb Haitis lebenden Bevölkerung genützt, die ihre vermissten Angehörigen in Port-au-Prince und Umgebung dort registrierten und nur 5 Tage nach dem Erdbeben zählte diese Webseite bereits mehr als 20.000 Einträge.

Erstmals wurden auch drei MitarbeiterInnen von Nationalen Gesellschaften aus dem weltweiten RFL-Expertenpool eingesetzt, unter ihnen auch Johannes Guger vom ÖRK, um gemeinsam mit dem Haitischen Roten Kreuz im Katastrophengebiet RFL-Arbeit zu leisten.


Einerseits die Lage evaluierend, andererseits bereits operativ implementierend wurden so diverse Maßnahmen gesetzt, um die Überlebenden im Hinblick auf ihre RFL-Bedürfnisse zu unterstützen. Unmittelbar nach Ankunft des internationalen RFL-Teams wurde ein fixer RFL-Posten vor dem durch das Erdbeben unbenützbaren Headquarters installiert, wo sich Betroffene als „I am alive“ registrieren konnten. Des weiteren wurden mobile Teams zusammengestellt, die Satellitentelefonanrufe und die Registrierung für die Webseite anboten. Die RFL-Leistungen selbst wurden über Lautsprecherdurchsagen, Posterinformationen und auch mittels Kooperationen mit lokalen Medien bekanntgemacht.


Innerhalb der ca. 10 Tage zwischen dem Eintreten der Katastrophe und dem Wiederfunktionieren der Mobiltelefonnetze wurden mehr als 2.500 Anrufe getätigt; Anrufe, die in der Vielzahl der Fälle der erste Kontakt nach dem Erdbeben und damit die heiß erhoffte Nachricht, dass der geliebte Angehörige überlebt hat, waren. Auch über tausend Namen von vermissten Personen konnten von der familylinks-Webseite gestrichen werden, weil durch den Datenabgleich die vermisste Person als überlebend lokalisiert werden konnte bzw. bekanntgegeben wurde, dass der Kontakt mit der gesuchten Person mittlerweile hergestellt werden konnte.


Besonderes Augenmerk wurde in einer zweiten Phase auf unbegleitete Minderjährige gelegt, wobei die Herausforderung auch in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen bestand.


Der Einsatz des internationalen RFL-Teams, der für einen Maximalzeitraum von 1 Monat konzipiert war, wurde Mitte Februar beendet. Dank der hervorragenden Arbeit insbesondere auch der Nationalen Gesellschaft, die die Suchdienst-Agenden weiterführt und dabei selbstverständlich weiterhin auf die Unterstützung des IKRK zählen kann, konnten die RFL-Aktivitäten weitgehend in geordnete Strukturen gelenkt werden. Leider sind zehntausende Tote dieses schrecklichen Unglücks unidentifiziert und werden dies immer bleiben, aber betreffend die Überlebenden sind nur wenige Schicksale ungeklärt und die Betroffenen können auf die Unterstützung des Haitischen Roten Kreuzes zählen.


Insbesondere die Rückmeldungen der Betroffenen vor Ort zeigen uns, wie wichtig die RFL-Arbeit in Katastrophensituationen ist und welche große Bedeutung entsprechenden Unterstützungsleistungen zugewiesen wird.



 
Die nächsten Family News erhalten Sie im Juni 2010
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Detailinformationen zu unserer Arbeit finden Sie unter: http://suchdienst.roteskreuz.at

Rückfragen:

Österreichisches Rotes Kreuz
Internationale Beziehungen und Suchdienst
Tel.: +43/1/58900-125
Fax.: +43/1/58900-349
E-Mail: tracing@roteskreuz.at

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