13.04.2010 13:58

Regionalkonferenz 2010: Eröffnungsansprache von Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer

Diese Eröffnungsrede hielt der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes Fredy Mayer zur Eröffnung der 8. Europäischen Rotkreuz-Regionalkonferenz in der Wiener Hofburg am 13. April 2010

Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer bei der Eröffnungszeremonie

Das „alternde Europa“ und das „Zusammenleben der Kulturen“ sind die Themen dieser 8. Europäischen Regionalkonferenz des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds. Sie sind nicht nur auf das Engste miteinander verknüpft. Sondern auch mit den drei großen Bruchlinien unserer Gesellschaft. Es sind dies die Risse zwischen

 

  • jung und alt
  • arm und reich, 
  • zugewandert und alteingesessen.

 

Rotes Kreuz und Roter Halbmond arbeiten an allen drei dieser Bruchlinien. Die Bevölkerung Europas wird bekanntlich immer älter. Bereits ab dem Jahr 2015 werden die Folgen dieser Bevölkerungsentwicklung spürbar sein. Wenn dann zehn Jahre später die letzten Baby Boomer in Pension gehen, werden nicht mehr genügend Erwerbstätige da sein, die mit ihren Steuern und Beiträgen das Gesundheitssystem finanzieren; für die Pensionen der Älteren arbeiten; und sie pflegen, wenn sie krank werden.

 

Die Folgen führen uns zur Bruchlinie zwischen arm und reich. Denn vor allem sozial Schwache, unsere primäre Zielgruppe, sind betroffen: Aufgrund sinkender öffentlicher Budgets werden Gesundheitsleistungen rationiert, medizinische Standards sinken. Die bereits heute Besorgnis erregende Pflegekrise wird sich durch den eklatanten Mangel an Pflegepersonen extrem verschärfen. Das Pensionssystem in der derzeitigen Form könnte nicht zu halten sein. Gerade sozial Schwache geraten dadurch in Armut und Not. Soziale Spannungen sind vorhersehbar. Diese entzünden sich – wie auch in der gegenwärtigen Krise – oft an der Bruchlinie zwischen zugewanderter und alteingesessener Bevölkerung.

 

Diese Bruchlinie ist nicht neu. Schon immer gab es Zuwanderung. Schon immer meinten manche, sie verhindern zu müssen. Schon immer waren diese lauter als jene, die das Zusammenleben aller Menschen in einem Gebiet verbessern wollten. Wir kennen in Österreich zwar keine brennenden Vorstädte. Trotzdem müssen wir einräumen: Die Integration von Zuwanderern hat auch bei uns oft nicht gut funktioniert. Die Wahlergebnisse in vielen europäischen Ländern werfen die Frage auf, ob wir nicht in ein nationalistisches Jahrzehnt steuern. Rotes Kreuz und Roter Halbmond haben allerdings keine guten Erfahrungen mit gesellschaftlichen Strömungen gemacht, die ihre Zukunft in der Vergangenheit suchen.

 

Es wäre bedauerlich, wenn sie die Oberhand gewinnen würden. Denn gerade Zuwanderung stellt einen Teil der Lösung für die skizzierten Herausforderungen dar. Die Finanzierung der Sozialstaaten ist eng an die Wirtschaftsleistung gekoppelt. Eine Volkswirtschaft kann auch trotz weniger Beschäftigter immer reicher werden. Es kommt nicht nur darauf an, wie viele Menschen ich habe. Sondern vor allem darauf, wie produktiv sie sind.

 

Zuwanderer, besonders gut qualifizierte, sollten also willkommen sein. Es geht aber nicht nur um sie. Sondern auch um jene Migranten, die schon hier sind, und um ihre Nachkommen. Europa hat in den letzten Jahrzehnten viele billige Arbeitskräfte aus archaischen Gesellschaften geholt und sie dann leider weitgehend sich selbst überlassen. Heute wundern wir uns, dass viele Zuwanderer sich bei uns noch immer schlecht zurechtfinden. Dass sie lieber unter sich bleiben. Dass sie Halt in teils äußerst archaischen Traditionen ihrer südlichen Dörfer, Clans, Marktplätze und Moscheen suchen.

 

Das alles waren von Anfang an nicht die besten Voraussetzung für eine geglückte Integration. Es gibt viel aufzuholen. Was uns bevorsteht, ist ein teures Reparaturprogramm. Darin haben auch Rotes Kreuz und Roter Halbmond eine Rolle zu spielen. Der zentrale Wirkstoff dabei ist die Bildung. Der dänische Soziologen Gosta Esping-Andersen erklärt, warum:

 

Aus der Sicht der Gesellschaft insgesamt ist es wichtig, dass künftige Generationen kompetent und produktiv sind. Einfach, weil sie zahlenmäßig so klein sein werden, aber enorme transferabhängige Bevölkerungsgruppen mittragen müssen. Wir können uns eine zukünftige Erwerbsbevölkerung nicht leisten, die zu 20 oder 30 Prozent aus funktionalen Analphabeten oder Menschen ohne Sekundarschulbildung besteht.

 

Das bedeutet für uns: Unsere Arbeit zugunsten der Verletzlichsten kann sich nicht mehr auf die Nothilfe alleine beschränken. Das Rote Kreuz, das Wunden heilt, muss auch Wunden verhüten. Wir sind aufgefordert, an einem gesellschaftlichen Klima mitzuarbeiten, das Zuwanderer nicht als Feindbilder wahrnimmt. Wir müssen sie in Sachen Bildung und Qualifikation unterstützen. Integrationsanstrengungen sind immer auf beiden Seiten nötig: Auf jener der Zuwanderer genauso wie seitens der aufnehmenden Gesellschaften. Wir sollten deshalb offensiv, realistisch, von unserer humanitären Grundhaltung getragen, aber ohne falsche Illusionen an die Arbeit gehen.

 

Ich möchte auch davor warnen, die Themen dieser Konferenz zu eng zu sehen. Bei der demografischen Alterung geht es nicht nur um die Pflege und Betreuung älterer Menschen. Und beim Thema der Multikulturen nicht bloß um Fragen des täglichen Zusammenlebens. Wenn unsere humanitären Aufgaben glücken und fortwirken sollen, dann müssen wir die größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhänge berücksichtigen, in die beide Themen eingebettet sind. Dazu müssen wir viel stärker als bisher in der Lage sein, Trends und Herausforderungen sowie ihre Bedeutung für unsere Arbeit zu erkennen. Und darauf reagieren: gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen. Als Gestalter tätig sein – in der Gesellschaft und innerhalb unserer Organisationen. Und wir müssen in der Lage sein, die breite Öffentlichkeit genauso wie Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und der akademischen Welt zur Unterstützung unserer Arbeit zu bewegen.


Sie und ich wissen, dass wir im Roten Kreuz und im Roten Halbmond über das Potenzial verfügen, um die Zukunft zu beeinflussen. Um das Leben von Menschen, Staaten und Gesellschaften zu verbessern. Geben wir unser Wissen und unsere Kompetenz an die weiter, die in der Zukunft eine Bedrohung sehen. Die sich davor fürchten, dass alles anders wird. Erinnern wir daran, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben: Unser Zusammenleben soll nicht nur anders, sondern humaner und gerechter werden. Nicht nur für einige wenige, sondern für uns alle.

 

Lassen Sie uns in diesem Sinne an die Arbeit gehen. Lassen Sie mich an dieser Stelle auch besonders jenen danken, deren Großzügigkeit diese Konferenz ermöglicht: Dem Bundesministerium für Gesundheit, der Stadt Wien, der UNIQA-Versicherung, der Raiffeisen Zentralbank und der Telekom Austria. Ihnen gilt mein aufrichtiger Dank.

 

Liebe Freunde, ich heiße Sie alle in Wien und in Österreich sehr herzlich willkommen.

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