23.10.2012 11:55

Allein in Traiskirchen

Das Erstaufnahmezentrum ist kein Ort für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, sagt die Migrationsbeauftragte des Roten Kreuzes. Minoo Amir-Mokri über kindergerechte Unterbringung, den Schutz minderjähriger Flüchtlinge und Mehrsprachigkeit als Kapital.

Allein in Traiskirchen

Die Initiative „Gegen Unrecht – Kinder gehören nicht ins Gefängnis“, die auch das Jungendrotkreuz unterstützt, fordert eine adäquate Betreuung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) durch den österreichischen Staat. Was bedeutet adäquate Betreuung?

 

Minoo Amir-Mokri: Die Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum wie Traiskirchen  ist schon einmal ungeeignet. Jugendliche und Kinder sind dort in den gleichen Unterkünften wie Erwachsene untergebracht. Ohne passende, altersgerechte Räumlichkeiten ist die Unterbringung nicht adäquat.

 

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind  ganz besonders schutzbedürftig und verletzlich. Sie haben eine dramatische Reise ohne Eltern hinter sich und sind ganz alleine in der Fremde. Sie brauchen unseren Schutz!

 

Wie kann Hilfe für UMFs aussehen, was brauchen sie noch?

 

Minoo Amir-Mokri: Medizinische Betreuung und Zugang zu Bildung. Derzeit warten in Traiskirchen wahnsinnig viele darauf, einen Unterricht bekommen. In die Schule dürfen nach österreichischen Gesetzen nur die schulpflichtigen Kinder. Danach hat man als Asylwerber was Bildung wenige Möglichkeiten. Immerhin haben nun jugendliche Asylwerber die Möglichkeit eine Lehrausbildung zu machen Viele dieser Kinder brauchen auch psychologische Unterstützung, da sie traumatisiert sind. 

 

Gibt es im Roten Kreuz Angebote für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?


Minoo Amir-Mokri: Ja, der Rotkreuz-Landesverband Tirol  betreibt mit yo!vita ein vorbildliches Wohnheim für UMFs, das nicht nur altersgerecht ausgestattet ist, sondern auch Betreuung und Perspektiven bietet. Das ist ein gutes Beispiel, von dem es viel mehr in Österreich geben sollte.

 

Wie ist es in Österreich um die Umsetzung der Kinderrechtskonvention bestellt?

 

Minoo Amir-Mokri: In der Kinderrechtskonvention steht, dass UMFs einen besonderen Schutz genießen. In Österreich ist in der Umsetzung  noch nicht so viel passiert. Allerdings wird auf EU-Ebene von der Kommission ebenfalls der Schutz von UMFs gefordert. Nun muss die Umsetzung vorangetrieben werden.

 

Thema Integration: Wie wichtig ist Schule als Ort der Integration?


Minoo Amir-Mokri: Wahnsinnig wichtig, um Sozialkompetenzen zu erlangen, sich die Sprache anzueignen, sich in das Umfeld einzuleben. Umso wichtiger ist dann natürlich, dass das pädagogische Personal auch die Gesellschaft widerspiegelt. Mehr Pädagogen und Pädagoginnen mit Migrationshintergrund wären sinnvoll.

 

Wie kann der Schule der Spagat zwischen Förderung der Mehrsprachigkeit und guten Deutschkenntnissen gelingen?


Minoo Amir-Mokri: Die Schulen brauchen mehr Pädagogen, um die Mehrsprachigkeit zu fördern. Vielsprachigkeit ist ein Kapital, das der gesamten Gesellschaft zugute kommt.

 

Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Wie willkommen fühlt man sich als Zuwanderer in Österreich?


Minoo Amir-Mokri: Ich bin mit sieben Jahren aus dem Iran nach Österreich gekommen. Unsere unmittelbare Umgebung wie Schule oder Nachbarschaft war sehr herzlich. Sobald wir uns aber außerhalb des geschützten Bereichs bewegt haben, war es nicht mehr ganz so freundlich. Ich kann mich lebhaft daran erinnern, im Bus wurde ich aufgestampert, wenn sich andere hinsetzen wollten. Später dann kam der Kontakt zu den Behörden, die nicht sehr freundlich waren. Ich habe erst mit über 30 die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen, weil ich bei den zuständigen Behörden als nicht integriert genug war.

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