10.01.2013 14:53

Unsichtbar aber unverzichtbar: Wie Zivildienst und Freiwilligkeit unsere Gesellschaft stärken

Ein freundliches Gespräch mit einem alten Menschen, eine unterstützende Geste für einen Hilfsbedürftigen, ein aufmunterndes Lächeln für eine trauernde Person. All das leben zahlreiche Zivildiener sowie Freiwillige Tag ein Tag aus und prägen dadurch unsere Lebensqualität ganz entscheidend. Das, was sie tun, ist unverzichtbar, wenngleich oft unsichtbar.

Unsichtbar aber unverzichtbar: Wie Zivildienst und Freiwilligkeit unsere Gesellschaft stärken

Im Jahr 2011 verbuchte das OÖ. Rote Kreuz 515.924 Einsätze im Rettungsdienst. Bei mehr als einem Drittel der Einsätze waren Zivildiener beteiligt. Sie gelten somit als unverzichtbarer Bestandteil in der Aufrechterhaltung des Rettungswesens: „Beinahe 18.000 Freiwillige stellen ihre Freizeit in den Dienst der Menschlichkeit. Rund die Hälfte davon ist im Rettungsdienst tätig. Sie leisten vor allem in der Nacht und an Wochenenden ihren Dienst. Untertags sind wir auf die Leistung von beruflichem Personal und eben den Zivildienern angewiesen“, so Aichinger weiter.

 

Zivildienst ist erster Schritt in die Freiwilligkeit
Fast 80% der Zivildiener bleiben dem OÖ. Roten Kreuz auch nach ihrem Präsenzdienst als freiwillige Mitarbeiter erhalten. Einer von ihnen ist der 26-jährige Paul Litzlbauer. Nach bestandener Matura begann er mit dem Studium der Kommunikationswissenschaften in Salzburg. Nach kurzer Zeit beendete er dieses jedoch und entschloss sich, seinen Zivildienst im OÖ. Roten Kreuz abzuleisten: „Ich habe mich damals für den Zivildienst entschlossen, weil ich diesen – so wie viele meiner Freunde – als das geringere Übel gegenüber dem Wehrdienst angesehen habe. Zudem sah ich diese neun Monate als Nachdenkpause, um mich neu orientieren zu können. Doch schon nach wenigen Wochen, noch während der Ausbildung, entwickelte ich ein reges Interesse und Begeisterung für die künftigen Tätigkeiten“, beschreibt Litzlbauer seine damaligen Eindrücke.


Wertvolle Erfahrungen sammeln
Etwa 550 junge Männer leisten jährlich ihren Zivildienst im OÖ. Roten Kreuz ab und werden größtenteils, so wie auch Paul Litzlbauer, im Rettungsdienst eingesetzt „Die Arbeit beim Roten Kreuz ließ mich einen kleinen Wandel durchleben: Ich lernte mich besser kennen, fand heraus, dass ich mit Ausnahmesituationen umgehen kann und auch unter psychischer Belastung Verantwortung zu übernehmen vermag. Der Kontakt mit Patienten und somit die Situation unmittelbar mit Krankheiten, Verletzungen und des Öfteren auch dem Sterben von Menschen konfrontiert worden zu sein, ließen mich, zumindest subjektiv, mein Leben bewusster leben.“


Nachhaltige soziale Einstellung erwerben
Der Zivildienst übte für Paul Litzlbauer, sowie für zahlreiche seiner Kollegen einen positiven Effekt für seine zukünftigen Tätigkeiten aus. Aber auch im Bereich der sozialen Kompetenz erhalten die jungen Männer wertvolle Eindrücke: „Ich denke, dass es keinem jungen Menschen schadet, sich neun Monate im Zeichen der Menschlichkeit zu engagieren, etwas für die Gemeinschaft zu tun und zu erfahren, dass es nicht allen Menschen gut geht“, unterstreicht der mittlerweile freiwillige Rotkreuzler den sozialen Charakter des Zivildienstes.

 

Leistungen müssen künftig gleiche Qualität gewährleisten
Der Zivildienst ist ein seit mehr als drei Jahrzehnten erprobtes Modell, von dem alle profitieren: Die hilfsbedürftigen Menschen, die Gesellschaft als Ganzes und auch die Zivildiener selbst. „Eine Umstellung des Erfolgsmodells „Zivildienst“ lässt sich nicht von heute auf morgen durchführen. Jene Leistungen, die heute Zivildiener erbringen, müssen auch in Zukunft zugesichert werden – und zwar in mindestens der gleichen Qualität“, fordert Aichinger und bedauert gleichzeitig, dass es keine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema und keine umfassende Diskussion über mögliche weitere Alternativen gegeben hat.

 

Bayerisches Rotes Kreuz kämpft täglich mit den Folgen der Abschaffung
Bestärkt wird der Präsident des OÖ. Roten Kreuzes vom Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, Leonhard Stärk. Er weist auf die Auswirkungen hin, die das sofortige Ende des Wehr- und Zivildienstes in Deutschland im Jahre 2011 mit sich brachte: „Die Abschaffung des Zivildienstes hat uns allein im Bayerischen Roten Kreuz fast 1.000 Zivi-Plätze gekostet! Der Rettungsdienst ist deutlich teurer geworden und im Sozialbereich fehlen uns heute hunderte junge Leute! Unsere Kreisverbände kämpfen täglich mit den Folgen dieser Situation. Die Ersatzdienstleistenden im Katastrophenschutz sind ganz weggefallen! Und das Wichtigste: Fast die Hälfte der früheren Zivildiener sind uns als Freiwillige treu geblieben - die Hälfte von 650 Bundesfreiwilligendienern (Bufdis) ist wesentlich weniger als die Hälfte von 1.700 ‚Zivis‘“ stellt Stärk die Folgen der Umstellung dar.

 

Anzahl der zugesagten ‚Bufdis‘ war zu optimistisch
Kritik übt Stärk vor allem in der nicht durchdachten Umsetzung, so machte beispielsweise die überhastete und mangelhafte Einführung des Bundesfreiwilligendienstes eine Planbarkeit für die Verbände nicht möglich. Zudem wurden zentrale Aufgaben, wie der Katastrophenschutz, nicht ansatzweise bedacht: „Die Bundesregierung sagte uns 2011 die Förderung von 35.000 Bundesfreiwilligendienern, nach zuletzt 90.000 geförderten Zivildiener-Plätzen zu. Laut Gesamtstatistik der Bundesregierung hatten wir zum 31.12.2011 insgesamt 26.679 geförderte Bundesfreiwilligen-Dienstverhältnisse, davon jedoch nur rund 17.000 in den Wohlfahrtsverbänden und rund 9.600 in den Kommunen.“ Die daraus resultierenden künftigen Aufgaben bzw. Herausforderungen sieht der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes vor allem in der Steigerung und Sicherung von bürgerschaftlichem Engagement aufgrund der demografischen Veränderung sowie die „Abwehr“ eines ‚Sozialen Pflichtjahres‘ für Jugendliche.

 

Alternativmodell lässt zu viele Fragen offen
 „Ob sich ein Land für die allgemeine Wehrpflicht oder für ein Berufsheer entscheidet, ist eine politische Frage, die das Rote Kreuz nicht kommentiert. Sehr wohl aber haben wir die Verantwortung, auf die möglichen humanitären Auswirkungen hinzuweisen. Das Rote Kreuz spricht sich daher grundsätzlich dafür aus, das Erfolgsmodell Zivildienst beizubehalten“, ergänzt Präsident Aichinger. Das vorgestellte Alternativmodell beinhaltet einen durchwegs begrüßenswerten Aus- und Weiterbildungsansatz, lässt aber darüber hinaus zu viele Fragen offen. So gibt es beispielsweise keinen konkreten Anhaltspunkt darüber, ob sich genügend Interessentinnen und Interesssenten melden. Auch gibt es für Betroffene und Trägerorganisationen keine Garantien, dass die bisherigen Leistungen des Zivildienstes weiterhin in gleich hoher Qualität zur Verfügung stehen werden.

 

Umfragen zeigen eindeutiges Ergebnis
Für Prof. Dr. Werner Beutelmeyer, Geschäftsführer und Institutsvorstand des Linzer Market-Insituts, ist die Meinung der Oberösterreicher eindeutig: „Der Wunsch nach der Fortsetzung des bestehenden Wehrpflichtsystems resultiert derzeit aus allen Umfragen. Die entscheidende Frage bleibt aber die Abstimmungsbeteiligung. Es besteht die Gefahr einer äußerst niedrigen Beteiligungsquote (um ca. 30 Prozent) und dann kann es sehr knapp werden.“

 

Fotos: Abdruck honorarfrei / Credit: OÖRK
 

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