24.07.2013 09:21

Jedes Menschenleben ist gleich viel wert, oder?

Dass es sich beim Konflikt im Kongo um eine der schlimmsten humanitären Notlagen unserer Zeit handelt, ist weitgehend unbekannt. Ein gastkommentar von Werner Kerschbaum in der Wiener Zeitung vom 24. Juli 2013

Rotkreuz-Generalsekretär Kerschbaum

Es gibt Katastrophen, die das Zeug dazu haben, zum alles bestimmenden Thema zu werden. Ihre Auswirkungen beeinflussen Politik, Kunst und Philosophie. Am Allerheiligentag des Jahres 1755 forderten ein Erdbeben und ein Tsunami in Lissabon bis zu 100.000 Tote. Keine Geringeren als Jean-Jacques Rousseau und Voltaire nahmen sich der Sache an und begannen eine Kontroverse. Rousseau merkte in seinem Brief an Voltaire an, dass das Erdbeben wohl nicht ins Gespräch gekommen wäre, hätte es einen ländlichen Bereich erschüttert und nicht tausende einflussreiche, männliche Stadtbürger dahingerafft. Es gibt also auch humanitäre Notlagen, die nicht das Zeug dazu haben, zum Gesprächsthema zu werden.

 

Am zweiten Juliwochenende 2013 sind mehr als 65.000 Menschen aus dem Osten des Kongos nach Uganda geflohen. Kurz schwenkte der mediale Scheinwerfer über diese Region. Dass es sich beim Konflikt im zweitgrößten afrikanischen Land um eine der schlimmsten humanitären Notlagen unserer Zeit handelt, ist weitgehend unbekannt. Die jüngst geflohenen Menschen sind nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt suchen eine halbe Million Menschen Zuflucht in Uganda, Ruanda und Burundi. 2,7 Millionen sind innerhalb des Kongos auf der Flucht, traumatisiert, in schlechtem Gesundheitszustand und teilweise ohne jegliche Unterstützung.

 

 

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist seit 35 Jahren im Kongo vertreten. Es verhandelt mit den Konfliktparteien und fordert die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts, es versorgt Flüchtlinge mit Wasser und Nahrungsmitteln und betreibt mobile Gesundheitsstationen. Um diese Leistungen weiter durchführen zu können werden 56 Millionen Euro benötigt. Vorhanden sind aber nur 18 Millionen. IKRK-Präsident Peter Maurer hat erst vor einigen Wochen das Land bereist. Sein Fazit: "Die Situation der Bevölkerung verschlimmert sich mit jedem Tag. Zivilsten werden angegriffen und nicht einmal Kinder und Ältere werden verschont." Flucht ist oft der einzige Ausweg. "Wir müssen ein starkes Signal senden, sodass die internationale Gemeinschaft bereit ist, sich zu mobilisieren."

 

 

Die UNO hat im Juni den größten Hilfsaufruf aller Zeiten veröffentlicht. Es werden vier Milliarden Euro für die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien gefordert. Das ist gut - niemand, der sich mit der Syrienkrise beschäftigt, zweifelt daran, dass der Bedarf vorhanden ist. Gleichzeitig scheitern Hilfsbemühungen bei Krisen wie im Kongo an Finanzierungsproblemen - weitgehend unbemerkt.

 

 

Rousseaus Analyse überdauert Jahrhunderte - sie trifft nach wie vor zu: Entscheidend für die Wahrnehmung einer humanitären Notlage und für die Finanzierung von Hilfe ist nicht nur, dass sich jemand in Not befindet, sondern auch, wer sich in dieser Notlage befindet. Und das ist eine Schande. Ein wichtiger humanitärer Grundsatz, nach dem das Rote Kreuz arbeitet, besagt, dass Hilfe nach dem Maß der Not geleistet werden muss. Aus der sich daraus ergebenden Verantwortung wird das Rote Kreuz auch nicht müde, auf solche Notlagen aufmerksam zu machen, die vermeintlich "leise" sind - vermeintlich deswegen, weil das die tausenden direkt betroffenen Menschen bestimmt ganz anders wahrnehmen.

 

 

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