21.06.2018 22:32

Notlage einer Familie erforderte außergewöhnliche Hilfsaktion

Am vergangenen Wochenende bewies ein kleiner Kreis von Menschen, welche Herausforderungen sich in gemeinsamer Arbeit bewältigen lassen. Es ist die Geschichte einer rumänischen Familie, die sich auf der Durchreise durch Österreich plötzlich in einer Notlage wiederfand. Die Geschichte von Ronny und Andreea, die Zivilcourage zeigten und in ihrem Umfeld auf eine Hilfsbereitschaft trafen, die ihresgleichen sucht.

Notlage einer Familie erforderte außergewöhnliche Hilfsaktion
Ronny und Andreea - das Helfer-Duo

Wenige Minuten nach 17 Uhr piepste Ronnys Pager. In Alland hatte ein Rettungstransportwagen notärztliche Unterstützung angefordert. Als ehrenamtlicher Notfallsanitäter leistete er an diesem Tag Dienst am Notarzteinsatzeinsatzfahrzeug des Roten Kreuzes Baden. Das Rettungsteam vor Ort informierte die Notärztin und Ronny über die Lage und wies daraufhin, dass die Personen am Einsatzort nur Rumänisch sprachen. Am Einsatzort kontaktierte Ronny seinen Rotkreuz-Kollegen Andreas, der rumänische Wurzeln hat. „Du, ich brauche kurz deine Hilfe, habe ich zu ihm gesagt“, berichtet Ronny.


Mit Andreas‘ Hilfe, der telefonisch übersetzte, konnte Ronny gemeinsam mit der Notärztin und dem Rettungsteam vor Ort das Notfallgeschehen eruieren und den Gesundheitszustand des Patienten erheben. Der Vater befand sich mit seiner Frau und drei Kindern im Alter von 4 bis 16 auf Umzugsreise von Griechenland nach Deutschland. Die Familie transportierte ihr ganzes Hab und Gut in einem PKW und einem Kleintransporter. Auf der Autobahn A21 auf Höhe Alland verunfallte der PKW. Glücklicherweise überstanden alle Reisenden den Unfall unverletzt. Ein Sachschaden am PKW machte jedoch jede Weiterfahrt unmöglich. Auch im Kleintransporter war nicht genug Platz für die fünfköpfige Familie. Nun waren sie in Alland gestrandet, in einem fremden Land, ohne Unterkunft, Verpflegung oder einen Plan für die Weiterreise.


Erschwerend zu der Notlage der Familie kam der Gesundheitszustand des Vaters. Die Notärztin vor Ort riet dringend zu einer umfangreicheren Untersuchung im Krankenhaus. Doch der Vater verweigerte die Mitfahrt mit der Begründung, seine Familie nicht alleine zurücklassen zu wollen. Die Kinder waren nach den Strapazen der Reise erschöpft. Eines unter ihnen litt an einer chronischen Erkrankung, die sich durch die Anstrengung verschlechterte.

 

Hilfsbereitschaft kennt kein Dienstende

 

Ronny wurde schnell klar, dass die Familie vor Ort Hilfe braucht. Das Notarzteinsatzfahrzeug wurde zurück zur Basis berufen, um wieder einsatzbereit zu sein. Der Notfallsanitäter beschloss aber, nach dem bevorstehenden Schichtwechsel Verpflegung, Transport und eine Unterkunft für die Familie zu organisieren.


Nach der Rückkehr auf die Bezirksstelle Baden schilderte Ronny Kollegen des Roten Kreuzes die Lage der Familie. Ronny traf auf außergewöhnliche Hilfsbereitschaft. Nur wenige Minuten später drückten ihm die Badener Kollegen eine Bananenschachtel mit Lebensmitteln, Getränken und Naschsachen für die Kinder in die Hand. Mit einem Kommandofahrzeug der Bezirksstelle Baden trat er den Rückweg nach Alland an – mit einem geplanten Zwischenstopp.


Denn inzwischen hatte der Übersetzer eine Freundin auf die Situation aufmerksam gemacht, die ebenfalls Rumänisch spricht: Andreea. Die Studentin erklärte sich spontan bereit, vor Ort zu helfen. Ronny und Andreea hatten sich zuvor noch nie gesehen. Doch es brauchte nicht mehr als einen Parkplatz als Treffpunkt. „Andreas sagte mir am Handy nur, ich solle nach einem zwei Meter großen Sanitäter in Rotkreuz-Uniform Ausschau halten“, erinnert sie sich. Kurz darauf fuhren die beiden weiter nach Alland.


Knapp vor 20 Uhr konnte die fünfköpfige Familie mit einer Jause versorgt werden. Dank Andreea hatten die Familienangehörigen nun eine Ansprechpartnerin, der sie in der Muttersprache alle Geschehnisse schildern konnten. Für Andreea war diese Erfahrung emotional. „Ich bekomme sofort wieder Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke“, berichtet sie später.

 

Dringend gesucht: ein Nachtquartier für die Familie 

 

Während Ronny und Andreea die Familie betreuten, galt es ein Quartier zu finden. Im Hintergrund telefonierte bereits Mario Naimer, Stabsmitglied des Bezirkskommandos Baden. Bald hatte er mögliche Unterkünfte gefunden. Doch wieder bahnte sich überraschende Hilfe an. Andreeas Tante, die von dem Schicksal der Familie erfahren hatte, bestand darauf diese über Nacht aufzunehmen.


Etwa um 21:30 fuhren alle zur Tante nach Steinabrückl nahe Wiener Neustadt. Nachdem Mutter und Kinder untergebracht waren, konnte der Vater überzeugt werden, doch noch ins Krankenhaus zur Abklärung zu fahren. Andreea und Ronny begleiteten den Vater ins Krankenhaus Wiener Neustadt, wo Andreeas Sprachkenntnisse wieder unerlässlich waren. Der Vater blieb über Nacht in Behandlung. Mittlerweile war es ein Uhr morgens. Die beiden waren von den Eindrücken des Tages überwältigt und konnten kein Auge zudrücken, wie sie später berichten. Doch sie mussten ruhen, denn sie wollten die Familie auch am nächsten Tag unterstützen.


Nach einer kurzen Nachtruhe fuhren sie zurück ins Krankenhaus. Der Vater konnte kurz vor sieben Uhr morgens entlassen werden. Am Sonntagvormittag war die Familie nun endlich wieder vereint bei Andreeas Tante. Nach wie vor war ungewiss, wie die Weiterreise nach Deutschland ohne zweiten PKW bewerkstelligt werden sollte.


Die Kinder hatten erstmal Gelegenheit sich auszuschlafen und sich am Vormittag auszuruhen. Während die Gastfamilie in Steinabrückl Frühstück und Mittagessen zubereitete, suchten Andreea und Ronny nach Reisemöglichkeiten. Andreea gelang es schließlich, Tickets für einen Fernbus zu reservieren. Am Nachmittag konnte die Familie schließlich ihre Reise fortsetzen.

 

"Wir sind gut angekommen"


Für Ronny und Andreea ging ein außergewöhnlicher Betreuungseinsatz zu Ende. 24 Stunden zuvor erkannte Ronny die Notlage der Familie und wollte helfen. Er traf auf Andreea, die ihre Pläne für den Abend cancelte und Hilfe zusagte. Er traf auf die Hilfsbereitschaft von Andreeas Familie, die kurzfristig fremde Menschen bei sich aufnahm - und er konnte auf die Unterstützung von Rotkreuz-Kollegen bauen, die im Hintergrund telefonierten, mitorganisierten und ein Lebensmittelpaket zusammenstellten. 


Am Montag klingelte bei Andreea das Handy. Die dreifache Mutter meldete sich aus Deutschland: „Wir sind alle gut angekommen. Ich kann meine Gefühle nicht in Worte fassen – Danke!“

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